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Auktionatorin Georgina Wilsenach Blick nach vorn auf unser Erbe

Beherrscht, verlässlich, diskret: Georgina Wilsenach ist die einzige Frau am Pult von Christie’s, die sich international auf den Auktionen mit Alten Meistern in London, New York und Hongkong behauptet. Ein Porträt.

© Micha Theiner „Ein Fehler, und die Spannung ist raus“: Für Georgina Wilsenach sind Auktionen ein psychologisches Spiel.

Georgina Wilsenach, Auktionatorin und Head of Old Master and British Paintings bei Christie’s in London, hält sich stets sehr aufrecht. Ihre klaren, offenen Augen sind die einer neugierigen Kunsthistorikerin, die viel in Bilder- und Bücherwelten lebt. Denn nicht alles an diesem Blick ist auf das Anwesende gerichtet, manches auf die Zukunft (“highly optimistic“, sagt sie gern von sich), manches auf die ererbten Werte (“inheritance“, noch ein Lieblingswort). Die Gesamterscheinung strahlt eine gediegene Ruhe aus. Seriös, verlässlich, diskret - so will, so sollte im besten Fall jeder Auktionator wirken. Wie fühlt sich diese Erscheinung von innen an? Was für Menschen stehen überhaupt am Pult und versteigern Kunstwerke für Millionen, ohne sich vom Preisrausch aus der Konzentration reißen zu lassen?

Georgina Wilsenach, Britin, Jahrgang 1972, kam 2003 zu Christie’s, brachte einen in Paris erworbenen Bachelor in Kunstgeschichte mit und viele Jahre Erfahrung im amerikanischen Auktionsgeschäft, unter anderen bei Bonhams in San Francisco. Sie ist Spezialistin für italienische Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts und seit 1994 Ziehkind der Branche. 2011 wurde sie, nach Jahren in New York, Chefin in London und hat dort unter anderem die Rekordauktion mit Alten Meistern von 2012 geleitet. Sie ist die erste und einzige Auktionatorin an der Spitze eines Altmeister-Departments und stand schon in London, New York und Hongkong am Pult.

Eine Spezialistin alter Schule

Georgina Wilsenach ist eine Spezialistin alter Schule. Sie liebt Rom. Die Stadt sei ihre Offenbarung gewesen; in der Caravaggio-Kirche Sant’Agostino sei sie zur Kunst gekommen. Auf der Kunstbiennale von Venedig war sie noch nie. Wie hieß noch mal dieser ganz große Künstler, der 2012 in der Tate Modern ausgestellt worden sei? Pause. Damien Hirst? Wir treffen uns vor Jan Steens „Wie gewonnen, so zerronnen: der Künstler Austern essend“ von 1660. Das Gemälde ist hundert mal 134 Zentimeter groß, wirkt aber viel wuchtiger, weil es eingefasst ist in einen verspielten Rahmen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Das Bild war 250 Jahre im Besitz derselben Familie, das hält es frisch und lässt den Preis steigen. Für die Londoner Altmeister-Auktion am 2. Juli wird es auf sieben bis zehn Millionen Pfund geschätzt. Wilsenachs stolzer Blick berührt die reiche Tafel immer wieder. Sie lenkt die Aufmerksamkeit zur roten ausgefransten Stuhllehne, zu den wie hingeflossen gemalten Austern, zum lachenden Gesicht des Künstlers. Es sei ein Bild für Spezialisten, sagt sie, doch ihre Beschreibungen lassen anderes wissen: Dieses Gemälde ist eine Fundgrube für Entdecker - zu denen sie, mit Behutsamkeit, selbst zählt.

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