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Auktion bei Stargardt Fontane, Beuys und Schillers Knöpfe

 ·  Schillers weiße Weste: Das Auktionshaus Stargardt in Berlin bietet in seiner Frühjahrsauktion mehr als elfhundert Lose aus Literatur, Wissenschaft, Kunst, Musik und Geschichte.

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© Stargardt Vergrößern Der Zar privat: Elf Fotos der kaiserlichen Familie für geschätzte 2000 Euro.

Schiller hinterließ nicht nur Dramen, sondern auch zerrissene Strümpfe, einen ledernen Reisehut, teure Ringe, die er sich aus Venedig kommen ließ, obwohl die Haushaltskasse wieder einmal leer war, und einige Kleidungsstücke. Vieles von dem, was sich aus Schillers Besitz in den Sammlungen in Marbach und Weimar erhalten hat, besaß früher einmal Reliquienstatus: Schillers Briefe und Manuskripte wurden häufig zu kleinen Schnipseln zerschnitten, von einem Familienmitglied gesiegelt, mit einem Echtheitsvermerk versehen und dann von ihren neuen Besitzern bewahrt, als handele es sich um einen heiligen Splitter vom schwäbischen Gral. Fälschungen dürften gleichwohl nicht selten gewesen sein: Schon 1856 erschien in Jena eine Publikation über einen „Prozeß wegen betrüglicher Anfertigung Schiller’scher Handschriften“.

Was in Weimar versammelt ist, wo Schiller 1805 starb, stammt zu einem großen Teil aus denkbar bester Quelle, nämlich aus einer großzügigen Schenkung durch Ludwig von Gleichen-Rußwurm 1880 an das Goethe-Archiv, das infolgedessen 1889 die Bezeichnung erhielt, die es noch immer trägt: Goethe- und Schiller-Archiv. Doch etliche Preziosen muss die Familie verständlicherweise für sich zurückbehalten haben, darunter auch eine Weste Schillers aus elfenbeinfarbener Seide, die jetzt bei Stargardt angeboten wird. Sie ist das kurioseste Stück, das bei der Autographenauktion am 16. und 17. April in Berlin zur Versteigerung kommt.

Die Weste, die Schillers Frau Charlotte ihrem Mann geschenkt haben soll, wird am Rücken geschnürt und weist auf der Brustseite verschiedenfarbige Seidenstickereien sowie elf seidenbezogene und bestickte Knöpfe auf. Die Tragespuren sind mäßig, stellenweise ist die Weste, die Teil von Schillers Hoftracht gewesen sein soll, leicht fleckig. Die Schätzung liegt bei 35.000 Euro, drei Ersatzknöpfe inklusive.

Etwas weniger als die Hälfte, nämlich 16.000 Euro, beträgt die Taxe für einen Brief Schillers an den Freund Körner vom 11. Oktober 1804. Der „Wallenstein“ war soeben erschienen, Schiller kam aus Berlin zurück, wo er sich hatte feiern lassen, war dann erkrankt und schickte nun, sich auf dem Weg der Besserung wähnend, dem Freund seinen „Wilhelm Tell“ und berichtete von Zukunftsplänen, denen der Tod ein halbes Jahr später ein Ende setzte.

Ebenfalls in Weimar verfasst wurde der Brief, den Jakob Michael Reinhold Lenz, Goethes Freund und Urheber einer bis heute ungeklärten „Eseley“, die ihn zwang, Carl Augusts Hof kopfüber zu verlassen, Ende Mai 1776 an den Dichter und Herausgeber Heinrich Christian Boie schrieb. Der Inhalt wirft ein schönes Licht auf die komplizierten literaturpolitischen Manöver jener Zeit, mit denen aufstrebende junge Autoren sich etablierten Größen wie Wieland gegenüber in Stellung zu bringen versuchten. Die Taxe liegt bei 8000 Euro.

Aber nicht nur die Abteilung Literatur ist mit mehr als 400 Losen, darunter höchst reizvolle Briefe von Benn, Celan, Fontane, Schnitzler, Joseph Roth und Rudolf Borchardt, vertreten, auch Wissenschaft, bildende Kunst, Musik und Geschichte haben Reizvolles zu den insgesamt gut elfhundert Losen beizutragen. Von Albert Einstein stammt ein Absageschreiben aus dem Jahr 1930 an den Bankier Oscar Wassermann, der sich für den Zionismus engagierte (6000). Otto Hahn fragt in einem kleinen Briefkonvolut an seine Frau Edith aus dem Jahr 1933: „Was machen nur die vielen Juden und Sozis, die ihre Stellung verlieren“, und zeigt sich erleichtert, dass er „in der Akademie nicht dabei war, als Einstein verhandelt wurde“ (Taxe 3000 Euro).

Nachdem Joseph Beuys 1966 von Alexander Mitscherlich kritisiert worden war, verfasste er eine Replik in Form eines fiktiven Interviews, die für 3000 Euro angeboten wird. Mitscherlichs Vorwurf, er produziere „Sinn ohne Veranlassung“, ist für Beuys ein gefundenes Fressen: „Es sollte doch das hervorstechendste Merkmal des Menschen sein, so Sinn zu produzieren. Mit Veranlassung und ohne Veranlassung.“

Die vielleicht schönsten Passagen dieser reichhaltigen Auktion finden sich bei dem großen Briefschreiber Fontane. In einem staunenswerten Konvolut der Ehebriefe aus dem letzten Lebensjahrzehnt (16.000) berührt Fontane im Juli 1889 das heikle Thema weiblichen Hauspersonals und bezeichnet ein jüngst von seiner Frau entlassenes Dienstmädchen als „eine grenzenlos verwöhnte Krabbe, die weiter verwöhnt sein wollte“, was er vor allem ihrer Herkunft aus Pommern zuschrieb: „Die Pommern sind weichlich, verwöhnt, anspruchsvoll, eitel und ohne den Drang und Ehrgeiz zur Pflichterfüllung; sie wollen einen guten Tag leben und beschäftigen sich nur mit sich, was sie in der Ordnung finden, weil sie eine sehr hohe Meinung von sich haben.“ Allerdings seien sie auch tatsächlich den „bockbeinigen Knubbelmärkern unendlich überlegen“.

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10.04.2013, 17:25 Uhr

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