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Antoine de Saint-Exupéry : Im Bann des Durstes

  • -Aktualisiert am

Aus jeder Zeile spricht der Schock: In Paris wird ein Manuskript von Antoine de Saint-Exupéry versteigert, das er nach seinem Absturz in der Wüste schrieb.

          Ein bisschen hat man sie in eine Andachtskapelle verwandelt, die große Empfangshalle der noblen Stadtvilla unweit des Elysée-Palasts. Gedämpftes Licht, ehrfürchtige Stille und weihevoll drapierte Objekte einer fast kultischen Verehrung: der Fliegermantel des Helden, effektvoll arrangiert in einer von unsichtbaren Fäden gehaltenen gläsernen Kugel. Seine braunen Handschuhe, dekoriert, als wollten sie zu den Sternen greifen.

          Ein Stück der Außenhaut des Flugzeugs, mit dem er in der Nacht zum 30. Dezember 1935 zweihundert Kilometer vor Kairo in der Wüste havarierte. Vor allem aber sein Armband. Ein Fischer hatte es mehr als fünfzig Jahre nach dem tödlichen Absturz des unglücklichen Piloten am 31. Juli 1944 im Meer gefunden; vor der Île de Riou südöstlich von Marseille. Nicht einmal mehr Skeptiker bestreiten seine Authentizität als Berührungsreliquie.

          Für einen guten Zweck

          „Das ist natürlich alles unverkäuflich“, sagt Frédérique Parent, Autographenexpertin bei Sotheby's in Paris, so als hätte es angesichts des Orts der aufwendigen Ausstellung eines ausdrücklichen Hinweises darauf bedurft. Verkäuflich ist allerdings das Manuskript, das im Zentrum der Ausstellung steht. Zu dessen Präsentation hat das Auktionshaus ein paar Stunden sogar die Öffentlichkeit zugelassen. Das rare Exponat soll am 17. Juni zugunsten der „Antoine de Saint-Exupéry Stiftung für die Jugend“ - sprich: für einen guten Zweck - versteigert werden.

          Die Schätzung liegt zwischen 200.000 und 300.000 Euro. Saint-Exupéry hat es unmittelbar nach seinem Absturz in der Wüste geschrieben. Jede Passage ist fast auf den Tag genau zu datieren. Verglichen mit anderen Manuskripten ist die sonst eher unspektakuläre Handschrift des Autors verzerrt und extrem schwer lesbar. Beinahe aus jeder Zeile spricht der Schock, den die Ereignisse der Jahreswende 1935/36 in ihm offenbar ausgelöst haben.

          Unbestritten ist der Text aus der Feder von Antoine de Saint-Exupéry ein Kleinod. Er ist die Quelle des „Au centre du désert“ betitelten und wohl wichtigsten Kapitels seiner berühmten und preisgekrönten Erlebnisberichte „Terre des Hommes“ von 1939. „Wind, Sand und Sterne“, wie der deutsche Titel heißt, ist eine hymnische Darstellung der Fliegerei, die der Autor aus zahllosen Begegnungen und Abenteuern während der Pionierzeit der Luftfahrt komponiert hatte. Seine buchstäblich existentiellen Erfahrungen nach seinem Absturz in der Wüste waren dabei erstmals zwischen dem 30. Januar und 4. Februar 1936 in der Tageszeitung „L'Intransigeant“ erschienen.

          Missglückter Rekordversuch

          Saint-Exupéry hatte im Dezember 1935 den Versuch unternommen, den eben erst aufgestellten Rekordflug seines Landsmannes André Japy auf der Strecke Paris-Saigon - drei Tage und fünfzehn Stunden - zu unterbieten.Dazu hatte er dem Blatt eine exklusive Reportage angeboten. Von der geplanten Erfolgsgeschichte mutierte sie indes zum Zeugnis eines beinahe tödlichen Unglücks: Am Tag vor Silvester gegen 2.45 Uhr berührt die Maschine von Saint-Exupéry auf der Strecke zwischen Bengasi und Kairo bei schlechter Sicht mitten in der Wüste einen Abhang. Mit 270 Kilometern Geschwindigkeit pflügt sie sich durch den Boden.

          Wie durch ein Wunder zerbricht sie nicht und geht auch nicht in Flammen auf. Der Pilot und sein Mechaniker kommen zunächst mit dem Schrecken davon. Aber schon Stunden später beginnt der Kampf der Havaristen gegen Hitze, Halluzinationen und Austrocknung. Nur ein Stück Kuchen, eine Orange, eine Hand voller Trauben und ein guter halber Liter Flüssigkeit in einer Thermoskanne sind ihnen geblieben. Trotzdem verlassen sie ihr Flugzeug, um auf mühevollen Märschen durch endlosen Sand und gleißenden Sonnenschein Rettung zu finden.

          Ein Beduine als Retter

          Aber alle Anstrengungen sind vergeblich: „Wir waren gefangen im Bannkreis unseres Durstes“, und der „. . . leistet rasche Vernichtungsarbeit“. Erst nach drei Tagen und vier Nächten erscheint der Retter in Gestalt eines libyschen Beduinen: „Er kommt auf uns zu wie ein Gott über das Meer. Er hat uns ins Gesicht gesehen, hat uns die Hände auf die Schultern gelegt, und wir haben ihm gehorcht und uns hingelegt . . . Wir haben auf seine Rückkehr gewartet, die Stirn in den Sand gepreßt. Und nun trinken wir . . .“

          Insgesamt 57 Seiten sind es, auf denen der knapp mit dem Leben davongekommene Saint-Exupéry seine Erlebnisse hastig festhält. Freilich geben weder die erste Veröffentlichung im „L'Intransigeant“ noch die Version in „Terre des Hommes“ den Originaltext vollständig wieder. „In der Form, in der es jetzt versteigert werden soll, ist das Manuskript zu keiner Zeit publiziert worden“, sagt Frédérique Parent.

          „Alle späteren Versionen wurden zum Teil erheblich gekürzt.“ Manch einer behauptet gar, dass sich hinter den beschriebenen Erlebnissen des Autors zwischen Realität und Halluzination der wahre Ursprung des „Kleinen Prinzen“ verberge. Gut denkbar. Immerhin hat uns der Autor ja selbst gelehrt: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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