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Alte Meister in New York Moderne vergeht, Tradition besteht

22.01.2012 ·  Doppelte Anmut bei den Alte-Meister-Auktionen in New York: Christie’s entzückt mit einer Maria lactans von Hans Memling und Sotheby’s mit einer Lucretia von Lucas Cranach dem Älteren.

Von Rose-Maria Gropp
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Die beiden Frauenbildnisse hier oben trennen vielleicht dreißig Jahre ihrer Entstehung, doch die Virtuosität ihrer Schöpfer scheint sie zu verschwestern. Zwischen der halb mythischen Lucretia und der Maria liegen sechs Jahrhunderte. Die tugendhafte Römerin Lucretia soll sich selbst mit dem Dolch entleibt haben, nachdem sie von dem Etrusker Sextus Tarquinius vergewaltigt worden war. Ihr Freitod soll der Überlieferung nach zum Ende der tyrannischen Königsherrschaft in Rom beigetragen haben. Nicht nur Lucas Cranach den Älteren faszinierte - und das immer wieder im Lauf seiner Karriere - das Motiv, dessen erotische Aufladung unübersehbar ist.

Bei dem sechzig mal fünfzig Zentimeter großen Ölgemälde auf Holz, das am 26. Januar von Sotheby’s in New York versteigert wird, handelt es sich wohl um ein sehr frühes Bild Cranachs, zu datieren um 1510. Seit die Tafel 1988 zuletzt in New York versteigert wurde, kam sie nie mehr in die Öffentlichkeit. Der Käufer war damals der jetzige Einlieferer, der übrigens 352.000 Dollar (inklusive Aufgeld) dafür bezahlte - diese Dame hat sich schon rentiert. Denn mit einer Schätzung von vier bis sechs Millionen Dollar soll die prächtig geschmückte schwellende Beauté mit dem verhangenen Blick ganz offensichtlich an die aktuellen Rekordpreise für Cranach anschließen. So hat etwa sein Bildnis der Prinzessin Sybille von Kleve 2008 in New York einen Hammerpreis von 6,8 Millionen Dollar (Taxe 4/6 Millionen) erzielt.

Ein Arcimboldo sagenhafter Herkunft

Von ganz anderem Charme ist die Jungfrau Maria, die das Christuskind stillt, vom reifen Genius Hans Memling. Der Durchmesser des Andachtsbilds beträgt grade 17,4 Zentimeter, unsere Abbildung zeigt es also etwa in Originalgröße. Memling schuf den Tondo in Öl und Gold auf Holz, gemäß stilistischen Analysen laut Katalog vermutlich in den achtziger oder neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts. Werke des um 1435 in Seligenstadt geborenen Memling kommen kaum in den öffentlichen Markt, diese zauberhafte, vermutlich für den häuslichen Gebrauch geschaffene Muttergottes war dort zuletzt 1978: Damals ging sie - Memling lediglich zugeschrieben - für 48.000 Pfund (25.000/35.000) in eine Atwerpener Privatsammlung; 2007 wechselte sie von dort an den aktuellen Eigentümer. Die Erwartung von Christie’s liegt nun bei sechs bis acht Millionen Dollar - Madonna! Sie ist das Spitzenlos der Altmeister-Hauptauktion des Hauses am 25. Januar.

Der anregenden Kunststücke sind noch mehr: Wer bestaunt nicht den Italiener Giuseppe Arcimboldo? Ein Bespiel seiner, ganz wirklich verrückten Phantasie liefert Christie’s, begleitet von sagenhaften Vorprovenienzen: Sein anthropomorpher „Porträtkopf“, der - auf ebendiesen Kopf gestellt - ein opulentes Früchte-Stillleben abgibt, könnte einst keinem anderen als Kaiser Rudolf II. in Prag gehört haben, laut einem Inventar gestohlener Kunstwerke: Dann wäre er nämlich 1648 beim berüchtigten Prager Kunstraub der Schweden in den Besitz von deren Königin Christina gelangt. Die Schätzung für diesen irritierenden Kameraden, der sich zurzeit noch in einer Ausstellung in Mailand warmläuft für mögliche Kundschaft, liegt bei drei bis fünf Millionen Dollar. Auch hier zum Vergleich: Zuletzt kostete das fruchtige Haupt in New York vor zwölf Jahren 1,3 Millionen Dollar, gegenüber einer Taxe von 200.000 bis 300.000 Dollar - auch er also ein altmeisterlicher Hoffnungsträger.

Tiepolos „Ankunft Heinrich III.“

Gegen die sechzig Lose des Vormittags bei Christie’s, die insgesamt 38 bis 57 Millionen Dollar einspielen sollen, hält Sotheby’s in seiner Prestigeauktion mit 86 Losen, deren Gesamttaxe mit „mehr als fünfzig Millionen Dollar“ beziffert wird. Bei Sotheby’s sind die drei Bilder aus dem Nachlass der Lady Forte, der Frau des britischen Hotel- und Restauranttycoons Sir Charles Forte, durchaus von Gewicht: Da ist eines der wunderbaren Interieurs des Pieter de Hooch, das dieser um 1668/72 in Amsterdam malte. Auf der anekdotisch intimen Szene im Familienkreis füttert ein kleines Kind einen Papagei, der gerade aus seinem Käfig gelassen wird (1,5/2 Millionen).

Von Jan van Huysum kommt ein aufwendiges Stillleben mit Rosen, Tulpen und Päonien in einer reliefierten Steinvase, eine wahre Pracht in Öl auf Kupfer (4/6 Millionen). Teuerstes Los bei Sotheby’s ist eine der klassischen Venedig-Ansichten des Canaletto, knapp einen Meter breit (5/7 Millionen). Das Venedig, wie es Francesco Guardi sah, ersteht auf einem viel kleineren, aber hübschen Blick auf die Lagune, den Christie’s anbietet (400.000/ 600.000). Dort trumpft auch Giambattista Tiepolos sprühende „Ankunft Heinrichs III. an der Villa Contarini“ auf, die mit vier bis sechs Millionen Dollar eine weitere Spitze der Auktionen darstellt.

Einmal mehr gilt: Allein in Betrachtung dieser aktuellen Altmeister Kataloge wird das Ausmaß der Diskrepanz zwischen solchen Kunstwerken und denen der Moderne oder gar der Gegenwartskunst augenfällig - wahrlich nicht zum ersten Mal, bloß einmal mehr. Und unbeantwortet bleibt - weiterhin - die Frage nach dem Grund dieser riesigen Lücke in der Bewertung, die ja im harten Auktionsgeschäft nur die Wertschätzung der Klientel spiegeln kann. Denn solches Material ist wirklich endlich, manche Kunstfertigkeit dabei anbetungswürdig. Es wird sich nun zeigen, ob wieder einmal zu wenig absolute Spitzenstücke präsentiert sind, wie ja die notorische Klage in diesem Marktsegment lautet.

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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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