08.10.2005 · Sotheby's versteigert die Sammlung Joe und LaVerne Schieszler, Christie's die des deutschen Unternehmers Gert Elfering und bei Phillips kommen Teile der ebenfalls aus Deutschland stammenden Sammlung Wilde zur Auktion.
Von Freddy LangerWarum sammelt man Fotografien? Die Antwort des Ehepaars Joe und LaVerne Schieszler ist von geradezu erschreckender Pragmatik bestimmt: um Wände zu dekorieren. Mitte der achtziger Jahre, schreiben die beiden im Katalog ihrer kleinen Kollektion (bei Sotheby's in New York am 10. Oktober), hatten sie in Florida ein Strandhaus gekauft. Da sei ihnen ein Diptychon des Piktoralisten George S. Seeley mit der Positiv- und der Negativaufnahme einer Dünenlandschaft sehr gelegen gekommen - es holte gleichsam die Umgebung des Gebäudes nach innen herein.
An den Rest der Bilder allerdings, die sie mit frischer Begeisterung für das Medium fortan zusammentrugen, stellten sie nur noch einen Anspruch: Qualität. Das darf man mit Ausrufezeichen versehen. Gerade einmal 34 Arbeiten haben ihren ästhetischen Vorstellungen genügt, darunter etliche Ikonen der Moderne, deren Bedeutung die beiden zu einer Zeit erkannt haben, als sie noch bezahlbar waren. Heute werden für Tina Modottis Sichel mit Munitionsgürtel 100000 bis 150000 Dollar erwartet, für eine Magnolienblüte von Imogen Cunnigham 150000 bis 200000, für den „Schatten auf einer Veranda“ von Paul Strand 200000 bis 300000, für einen Akt von Edward Weston 300000 bis 400000 und für André Kertész' Innenaufnahme des Hauses von Mondrian 400000 bis 600000. Mehr Bilder braucht kein Mensch, um glücklich zu sein. Und warum verkauft man eine Sammlung? Um Raum zu schaffen, schreiben Joe und LaVerne Schieszler im Katalog: „für ein neues Abenteuer“.
Auch Christie's versteigert eine Samlung: „The Elfering Collection“ (10. Oktober). Der deutsche Unternehmer Gert Elfering hat selbst eine Zeitlang als Fotograf gearbeitet, und er besaß in Berlin die Galerie „Camera Work“. Glamour, Mode und Akt bilden die Schwerpunkte der mehr als hundertfünfzig Lots von fast ausnahmslos prominenten Fotokünstlern. Zu den herausragenden Stücken zählen Horst P. Horsts „Mainbocher Corset“ als rarer, alter Abzug (120000 bis 180000 Dollar) sowie vier moderne Prints der farbverfremdeten Porträts der Beatles, mit denen Richard Avedon 1967 die Ästhetik der Pop-art zu einem Höhepunkt führte. Teile der Sammlung Wilde, ebenfalls aus Deutschland, wurden am 7. Oktober bei Phillips aufgerufen (siehe F.A.Z. vom 1. Oktober) - keineswegs als Abschied der Wildes von der Fotografie, sondern mit der Absicht, den Erlös in die Sammlung zu investieren.
Daß sich der Fotomarkt in Amerika auf hohem Niveau stabilisiert hat, belegen die vergangenen Auktionen. Dafür sorgt auch ein stets besseres Angebot. Diesmal wird eine geradezu inflationäre Menge an hochwertigen Bildern angeboten; vor allem aus der Nachkriegszeit. Weil die Schätzpreise oft unter den jüngst erzielten Zuschlägen liegen, drängt sich eine Vokabel der Börsenanalyse auf: Mitnahmegewinne.
Freddy Langer Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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