01.10.2005 · Auf der Marienburg sind die Lose der Welfen-Auktion bis zum 3. Oktober zur Besichtigung ausgebreitet, entfalten ihren Charme und warten auf Käufer mit Sinn für fürstliche Ausstattung.
Von Rose-Maria GroppAlso rund 20 000 Objekte, aufgeteilt in mehr als 4000 Lose, werden vom 5. bis zum 15. Oktober (Sonntag Ruhetag) versteigert auf der Marienburg, im Herzen Niedersachsens, über Nordstemmen auf dem Berg, rechts hinter der Zuckerfabrik im Tal. Sie ist der Familiensitz der Welfen, der aber eigentlich nie bewohnt wurde. Das weiß inzwischen fast jeder Interessierte zwischen Florida und Moskau, und das ist gut so: Denn nicht zuletzt von dort werden die Käufer erwartet, mit dem Geld und dem Sinn für fürstliche Ausstattung: die amerikanischen Innendekorateure und die russischen Reichen; auf sie ist zu zählen.
Der Charme der Burg
Das Schloß aus dem 19. Jahrhundert, neugotisches Paradestück an Spitzbögen, Maßwerk und vorgespiegelter Altbausubstanz, beherbergt all die Dinge, von denen sich die Prinzen Ernst August und Christian, Söhne des Familienoberhaupts Ernst August von Hannover, trennen, um mit dem Erlös eine Stiftung zu gründen zum Erhalt der verbliebenen Welfengüter. Und die Burg, wie sie jetzt täglich bis zum 3. Oktober zu besichtigen ist, stellt wirklich eine raumausstatterische Meisterleistung dar, deren Charme man sich nicht entziehen kann: Da paradieren Rüstungen und glänzt mattsanft das alte Silber; da ist eine Tafel gedeckt mit der ganzen Prunkfreude des vorletzten Jahrhunderts. Auf den Speichern gibt es wunderbare Uniformen, als sei eine Abteilung Operettenoffiziere dort einquartiert, um den modernen Designerstars wie Marc Jacobs mal die Originale vorzuführen, und die zugehörigen Stiefel zeigen starke Nähe zu den aktuellen Hermès-Modellen. Kurz - das Vergnügen, durch die Burg zu spazieren, ist beträchtlich. Verschweigen wir es dabei nicht: Eine ganze Menge von dem, was sich da in der Tiefe und unterm Dach stapelt, hat außer seinem Ausrangiertsein nur die noble Provenienz auf seiner Seite, für die Liebhaber.
Teller und Rüstungen
Ernsthaft geht es woanders zu: Mit rund 400 Losen ist die Porzellan-Abteilung bestückt, in der das „Duke of Cumberland Service“ des späteren Königs Ernst August von Hannover (1781 bis 1851) für geschätzte 300 000 bis 400 000 Euro die Spitzenklasse markiert. Richtig herrlich ist übrigens des Königs meergrünseidener Mantel mit dem St.-Patricks-Orden - und bei 4000 bis 6000 Euro günstiger. Silberne Speise- und Präsentierteller, Servierplatten oder Salznäpfchen mit Wappenschmuck - und welche wichtigen Familien wären nicht in die Welfenhistorie eingesponnen - sind, je nach Größe, im Dutzend oder auch als Paar kaum unter 30 000 Euro zu haben. Eine richtig chice Rüstung, wie sie die Amerikaner sehr lieben, kann durchaus genausoviel kosten. Überraschungen halten die etwa 700 Gemälde bereit, von denen so manche aus ihrem Schatten treten werden, wenn sich den Kennern ihr Geheimnis, das des Schöpfers oder das des Modells, enthüllt hat, die dann gegeneinander bieten.
Die genannten zwölf oder dreizehn Millionen Euro Umsatz werden weit übertroffen sein müssen; die Regel „double the tax“ soll gewiß noch überflügelt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte ein überwiegender Teil der Lose, vor allem der hochtaxierten, vermittelt sein - über Internet, schriftliche Gebote oder Aufträge - vor der eigentlichen Auktion in situ. Die wird noch sattsam Spannung, Steigerungen und Verrücktheiten sehen.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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