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Autographen : Was die Brüder Grimm an ihren Verleger geschrieben haben

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Außerdem ein ärgerlicher Brief von Joyce oder ein übermütiger von Brecht: Eine Vorschau auf die Auktion mit Autographen bei Stargardt in Berlin

          „O der Verstand, der unglückselige Verstand“, wird Kleist vom Illustrator Edgar Jené zitiert. Diese Widmung schmückt die 1948 erschienene Erstausgabe von Paul Celans „Der Sand aus den Urnen“. Das Exemplar ist auf 8000 Euro geschätzt und besonders selten, denn Celan hatte den Verlag veranlasst, alle noch greifbaren Exemplare wegen zahlreicher Druckfehler zurückziehen und einstampfen zu lassen. Am 5. und 6. April gehört dieser Band zu den Spitzenlosen, die bei Stargardt in Berlin versteigert werden. Am höchsten bewertet bei der Literatur ist mit geschätzten 30 000 Euro ein Konvolut mit 26 Schriftstücken von Thomas Mann aus den Jahren 1926 bis 1955, nämlich Briefe an den befreundeten Schriftsteller und Übersetzer Hans Reisiger („Lieber, guter, armer Reisi“).

          Ein weiteres Highlight stellt ein wohl unveröffentlichter Brief von James Joyce dar, datiert auf den 9. Februar 1927. Es gab bereits vermehrte Anfragen zu dem Schriftstück, dessen Taxe bei 8000 Euro liegt: Als Dankeschön für die Glückwünsche zu seinem 45. Geburtstag am 2. Februar schreibt Joyce an den amerikanischen Musiker Arthur Laubenstein in Nizza; Laubenstein war der ehemalige Tutor seines Sohns Giorgio. Der Schriftsteller beschwert sich darin über die mühevollen Porträtsitzungen beim irischen Maler Patrick Tuohy, der für zwei Monate bei Joyce in Paris weilte und in seinem Auftrag nicht nur ihn, sondern auch seinen Vater und andere Familienmitglieder porträtierte: „Thank goodness he left today.“ Nicht mehr vorhanden ist das Protestschreiben an den amerikanischen Verleger Samuel Roth, das Jocye ursprünglich seinem Brief beigefügt hatte. Roth hatte in seiner Zeitschrift „Two Words“ eine nicht autorisierte und entschärfte Fassung von Joyce’ „Ulysses“ als Fortsetzungsroman gedruckt.

          „Ich habe weniger Zeit als der liebe Gott“

          Auch Heinrich Heine bedankt sich in einem Brief. Er schreibt seiner Schwester und spricht die schönsten Glückwünsche zur Verlobung ihrer Tochter Marie mit dem Kaufmann Honoré de Vos aus: „Du bist noch äußerlich und geistig so sehr jung und verheurathest schon eine Tochter und wirst also bald Großmutter werden! Und die alte Gluck wird Urgroßmutter - aya!“ Mit der „alten Gluck“ ist Heines Mutter gemeint, die er auch grüßen und umarmen lässt. Doch „das Glück macht mich traurig!“, denn sein Vater starb bereits 1828 und kann die frohe Kunde nicht miterleben, „wie würde der sich gefreut haben!“ Heines liebenswerter Brief aus dem Jahr 1842 ist auf 16 000 Euro geschätzt. Voll guter Laune und unverschämtem Witz ist das Schriftstück mit ganzseitigem Gedicht des gerade neunzehnjährigen Bertolt Brecht, das er seinem Freund Caspar Neher widmet. Brecht schreibt im September 1917 aus Tegernsee, wo er als Hauslehrer angestellt ist: „Ich habe weniger Zeit als der liebe Gott, und in meiner Lage könnte auch er nicht öfter schreiben. Er hat viele tausend Jahre gebraucht, um sein einziges Buch zu schreiben.“ Die Karikaturen des Freundes findet der jugendliche Autor „über die Maßen gut. Tatsächlich.“ Und weiter: „Du mußt soviel als möglich zeichnen und alles mir schenken. Das ist ein wesentlicher Punkt. Bitte, schreib mir noch einmal extra, daß ich sie behalten darf. Sonst müßte ich beten, daß Du bald stirbst.“ Ein ziemlich makaberer Kommentar angesichts der Tatsache, dass Neher sich zur Zeit des Briefwechsels an der Front befindet (4000 Euro).

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