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Asiatische Kunst : Wiedersehen mit einem Einhorn

Ein Meisterwerk der Schnitzkunst: das sitzende Kirin aus dem 18. Jahrhundert wird auf 100 000 bis 120 000 Euro taxiert. Bild: Van Ham

Das Kölner Auktionshaus Van Ham versteigert am 7. Dezember ein Netsuke, das ich drei Jahrzehnte lang nicht vergessen konnte. Begegnung mit einem Kirin, dem tugendsamsten Tier der japanischen Mythologie.

          Zum letzten Mal gesehen hatte ich den Kirin vor fast dreißig Jahren: erst auf dem Umschlag eines Katalogs des auf Ostasiatika spezialisierten Kölner Auktionshauses Klefisch und dann in der Versteigerung vom 28. Mai 1988 selbst, als das mit fast zehn Zentimeter ungewöhnlich große Netsuke für den damals unglaublichen Preis von 130 000 Mark zugeschlagen wurde. In der Hand aber hatte ich ihn nie gehalten, das gelang mir erst jetzt in der Wohnung von Trudel Klefisch, die 2013 ihre Tätigkeit als Auktionatorin nach fast fünf Jahrzehnten mit der hundertsten Versteigerung beendet hatte und danach noch als Beraterin für das Haus Van Ham arbeitete, wo diese Tradition und der gute Name fortgeführt wurden. Auch damit aber ist nun Schluss, der Umzug nach München und die Konzentration auf eigene Buch- und Forschungsprojekte stehen für Trudel Klefisch an. Doch für die kommende Auktion mit asiatischer Kunst bei Van Ham am 7. Dezember hat sie noch einmal ein Netsuke-Angebot vermittelt, das auch auf dem internationalen Markt heraussticht. Und das Glanzstück darin ist der Kirin.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist ein frühes Elfenbein-Netsuke, aus dem 18. Jahrhundert, stilistisch wird es einem anonymen Schnitzer aus Kyoto zugeschrieben, der noch andere Kirins gefertigt hat. Diese Fabelwesen werden mit „Einhorn“ übersetzt, aber anders als das im Westen vertraute Tier trägt es sein Horn nicht wie eine gerade Stichwaffe auf der Stirn, sondern gebogen am Hinterkopf. Als tugendhaftes Himmelswesen würde es, anders als sein wehrhafter westlicher Cousin, niemals in einen Kampf eintreten. Die in unseren Augen bedrohliche Haltung und Mimik des Kirins orientiert sich an chinesischen Drachendarstellungen, also am traditionell vorbildlichsten Tier überhaupt.

          Ein kunstvoller Gebrauchsgegenstand

          Kirins gehören zu den selteneren Motiven unter den Netsuke, jenen figürlich gestalteten Schnurknebeln, mit denen Japaner Tabaktaschen und andere Behältnisse an den Gürteln ihrer Kimonos befestigten. Deshalb weist jedes Netsuke eine mindestens zweifach durchbrochene Gestalt auf, weil die Schnur durch die beiden Öffnungen geführt und dann verschlungen werden konnte. Bei diesem Kirin führt ein ausgehöhlter Tunnel von der linken Flanke bis zum Bauch; die Beine geben dann die zweite Befestigungsmöglichkeit ab.

          Dadurch sind Vorder- und Rückseite des Stücks klar bestimmt: Am Eingang des Schnurkanals lag das Netsuke am Gürtel, dem Obi, auf und wurde dadurch rückseitig nicht der Sonne ausgesetzt, während das Elfenbein vorderseitig stark ausgebleicht ist, fast weiß. Eine solche unterschiedliche Färbung nennt man Gebrauchspatina, und sie beweist, dass das betreffende Stück nicht, wie im 19. Jahrhundert häufig, für den Export hergestellt, sondern über Generationen hinweg benutzt wurde. Angesichts der Subtilität der Schnitzarbeit darf man das eine Überraschung nennen, denn dieses Meisterwerk kann man sich eigentlich kaum anders denn als Kabinettstück vorstellen, das für den Alltag zu schade war. Aber offenbar wurde es sehr geliebt.

          Bis ins feinste Detail geschnitzt

          Die Locken von Mähne und Schweif sind nuancenreich ausgearbeitet, doch das eigentliche Wunder ist das Maul, in dem der Schnitzer die Zähne und vor allem die frei aus dem Rachen herausragende Zunge mit größter Sorgfalt gestaltet hat. Aus jedem Winkel offenbart sich die plastische Qualität des Stücks, das Trudel Klefisch das schönste Netsuke nennt, das sie je zu Gesicht bekommen hat.

          Der Sammler, der es vor 29 Jahren bei ihr erwarb, ist unlängst gestorben, und seine Witwe gab aus alter Verbundenheit einige der Glanzstücke seiner Kollektion als Leihgaben in die vor kurzem beendete Netsuke-Ausstellung des Ostasiatischen Museums, die Trudel Klefisch zu ihrem Abschied von Köln kuratiert hat (F.A.Z. vom 2. Oktober). Doch nicht den Kirin, er soll nun einen neuen Eigentümer finden. Darum konnte ich ihn vor der Auktion noch einmal in der Hand halten, denn Netsuke sind aufs Befühlen ebenso ausgelegt wie aufs Betrachten. Dieser Kirin verzaubert beide Sinne. Für das dauerhafte Vergnügen des Umgangs damit dürfte jedoch ein hoher Preis entrichtet werden müssen: Die Schätzung beläuft sich auf 100 000 bis 120 000 Euro. Ob man den Kirin zumindest wiedersehen wird? Vergessen kann man ihn nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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