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Art Karlsruhe : Gibt’s das auch in noch größer?

Monumentale Fotografie für Firmenetagen, aber wenig für den anspruchsvollen Sammler haben wir beim Rundgang über die Messe für Moderne und Gegenwartskunst gefunden.

          Die Halle 1 der Art in Karlsruhe ist die Kruschelecke der Messe. „Editionen, Fotografie, Objekte, Installationen“ titeln die Veranstalter das Angebot von etwa zwei Dutzend Ausstellern, fast so, wie früher in den Aufzügen der Warenhäuser die Fahrstuhlführer herunterleierten, was es in den verschiedenen Etagen zu kaufen gibt. Und so ähnlich sieht es auch aus.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Im Zentrum steht Fotografie - nicht zuletzt verdeutlicht durch die umfassende Sonderschau mit Arbeiten von Gisèle Freund aus der Sammlung Marita Ruiters. Dass es sich bei fast allen Bildern um neue Abzüge handelt, ist der einzige Wermutstropfen - spiegelt aber gewissermaßen auch das Angebot in den Kojen wider.

          Stephen Hoffman aus München ist zum fünften Mal auf der Messe. Anfangs hatte er teure Vintage-Abzüge nach Karlruhe mitgebracht, damit jedoch wie er sagt, „die Besucher preislich überfordert“. Jetzt füllen große, moderne Abzüge von Starporträts in enger Hängung seine Wände. Hier Sophia Loren und Brigitte Bardot, dort James Dean und Steve McQueen - allesamt aufgenommen von prominenten Fotografen. Manche der Bilder sind signiert, etwa die von Terry O’Neill (ab 1000 Euro), andere, wie die Edition von Glamouraufnahmen George Hurrells aus den dreißiger Jahren (1800 Euro), nur mit Stempeln der Nachlassverwalter versehen. Mit dem wunderbaren Abzug einer Aufnahme Marilyn Monroes von Milton Greene aus den Siebzigern (7500 Euro) hingegen wendet sich Hoffman eher an Sammler, als an Kunden, die ihr Büro dekorieren wollen. Nicht ohne Reiz sind Stillleben und Seascapes von Cora Weston, die sich mit den Motiven in den Fußtapfen ihres Großvaters Edward Weston bewegt, ihm mit Preisen zwischen 500 und 750 Euro aber angenehm weit hinterher hinkt. Und dann trumpft Hofmann doch noch auf: mit Andreas Feininger, dessen Fotos bis 35.000 Euro kosten.

          Maria Callas und ein „Bravo“-Fotograf

          Ebenfalls auf die Zugkraft von Stars setzt Siegfried Sander von Multiple Box aus Hamburg. Buchstäblich in der Wühlkiste stehen Schauspieler und Musiker aus den sechziger Jahren. Man blättert wie durch ein Geschichtsbuch: Jimi Hendrix und die Rolling Stones von dem ehemaligen „Bravo“-Fotografen Werner Roelen, die Callas und Hildegard Knef von dem Hamburger Paparazzo Peter Nürnberg oder die Rattles von Günter Zint, dem Gründer der St.-Pauli-Nachrichten - alles zum Einheitspreis von achtzig Euro. So ähnlich hat der Fotomarkt vor dreißig Jahren in den Nischen der Kunstmessen einmal begonnen.

          Wandfüllende Abzüge

          Dass die Veranstalter freilich größere Ambitionen hegen, zeigt sich im Auftritt von Flo Peters aus Hamburg und Marita Ruiters mit ihrer Galerie Clairefontaine aus Luxemburg. Beide Galeristinnen sind zum ersten Mal in Karlsruhe. Mit ihren Ständen hätten sie sich mühelos in den großen Hallen präsentieren können. Große Namen und große Abzüge gibt es bei beiden - und beide wissen nur zu gut, dass solche Stücke nicht in bedächtig zusammengetragenen Fotosammlungen landen, sondern als einzelne, repräsentative Stücke an den großen Wänden großer Villen oder der Chefzimmer in Vorstandsetagen. „Gibt es das auch in noch größer?“, wurde Flo Peters angesichts einer ihrer wandfüllenden Abzüge gefragt.

          Eine rothaarige Akrobatin

          Flo Peters hat ausgesprochen dekorative Arbeiten des Magazinfotografen Albert Watson an ihrem Stand, je nach Auflage und Format zwischen 5500 und 18000 Euro. Dazu gibt es eine Reihe berühmter Motive von Elliott Erwitt (5800 bis 12000 Euro). Eine Entdeckung sind die bizarren Inszenierungen des Australiers Toby Burrows: Eine rothaarige Akrobatin springt für ihn nackt über Wiesen oder durch den Regenwald, dass man meint, sie fliege - Bilder wie aus einem Traum, als ob ein Fee über der Landschaft schwebte. Nur der Serientitel „Fallen“ erinnert daran, dass diese Dame die Schwerelosigkeit nicht für immer überwunden hat. Die Abzüge kosten im Format 84 mal 110 Zentimeter 3800 Euro, 115 mal 148 Zentimeter 5000 Euro.

          Langzeitstudie mit Angela Merkel

          Clairefontaine präsentiert vor allem zwei Fotografen: Herlinde Koelbl mit einer ganzen Reihe von Serien - darunter die Langzeitstudie mit Porträts von Angela Merkel (ab 6900 Euro) und Bildpaare mit eigenwilligen Kombinationen aus der Heils- und Kunstgeschichte (5900 Euro); außerdem Alfred Seiland mit Monumentalabzügen seiner Amerikabilder aus den achtziger Jahren (17000 Euro).

          One-Man-Show von Stephan Kaluza

          In den anderen Hallen tauchen Fotografien kaum auf. Hier Candida Höfer, dort Thomas Ruff, einmal Cindy Sherman und einmal Rainer Fetting - das wars auch schon. Nur Michael Schultz präsentiert bei seiner One-Man-Show Stephan Kaluza im Innern des Stands mit gespenstisch großen Panoramen von Schlachtfeldern: stillen Landschaften von Omaha Beach bis Waterloo (12000). Außen hingegen hängen Kaluzas rätselhafte unscharfe Gemälde - zum gleichen Preis.

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