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Art Basel Miami Beach Wer fragt schon nach dem Preis?

Mangel an Charisma kann tödlich sein. Aber ansonsten gehen die Geschäfte wieder prima auf der Art Basel Miami Beach – eine Stimmungsbericht aus Florida.

Verrückt? Geschenkt! Die Art Basel Miami Beach, es hat sich inzwischen nicht nur im südlichen Florida und der in nördlichen Schweiz herumgesprochen, ist eine verrückte Veranstaltung. Jedes Jahr geht es also nur noch darum: Wie verrückt ist die Show diesmal? So verrückt: Im Keller des „Delano Hotels“ an der legendären Collins Avenue versammeln sich die Trendsetter - also alle, die es hineinschaffen - im „Silencio“, in einem Pop-up Club, dessen Original in Paris dauerhaft für Furore sorgt und eine Erfindung des unanfechtbar trendigen David Lynch ist. Vom „Silencio“ verdrängt wurde „Le Baron“, gleichfalls die Kopie eines Pariser Clubs; aber deswegen macht er nicht etwa zu: Jede Nacht ist er an einem anderen Ort zu finden, und wer wissen will, wo, muss nur Twitter befragen. Wahre Trendsetter spüren ihn einfach auf, ganz ohne Internet.

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Aber, wird jetzt der Kunstkenner und -käufer einwenden, was hat das mit „Art“, wenn nicht gar mit Kunst zu tun? Zweifellos ist „Art“ ein Bestandteil von Art Basel Miami Beach - aber dann sind da noch die Partys, Performances, Benefizveranstaltungen, Atelierbesuche, Laserspektakel, privaten Empfänge, exklusiven Einladungen und was es sonst alles an Vergnügungsgelegenheiten gibt. Ihnen gegenüber haben die eigentliche Kunstmesse und mehrere Dutzend Nachahmer und Nutznießer, die sich organisatorisch inzwischen um sie geschart haben, keinen leichten Stand.

Wer oder was wichtiger ist, die Kunst, der Künstler oder das verrückte Drumherum, das unweigerlich auch „Art“ sein will, werden wir jetzt erst einmal unbeantwortet lassen und uns einfach ins Messegewühl stürzen - wo mittendrin sogleich Johann König anzutreffen ist: Mitgebracht aus Berlin hat er ein spiegelblank poliertes Edelstahllabyrinth von Jeppe Hein, das es in einer Auflage von drei begehbaren Exemplaren gibt. Zwei davon hat er am ersten Messetag verkauft, für je 90.000 Euro an einen venezolanischen Sammler, der die Skulptur für sein Haus in Frankreich braucht, und an einen Österreicher.

Crazy, no? Nein, gar nicht, Johann König macht zwar gute Geschäfte in Miami Beach, aber die Messe, findet er, sei nicht mehr so verrückt, wie sie einmal war, sie werde dafür immer besser und ernsthafter. Nirgendwo wird das glaubhafter bestätigt als bei einem anderen Berliner, dem Fotogaleristen Rudolf Kicken, der seinen Stand in ein paar exquisite Kabinette voller Überraschungen und Querverbindungen unterteilt hat.

So wie Dieter Appelts natursehnsüchtige „Hängungen“ in Helmut Newtons hängender Bodybuilderin und Nobuyoshi Arakis gefesselter Schönheit weiter klingen, so kommen die Bechers serienweise mit Andy Warhol ins Gespräch, dessen 81 Polaroids von Geschlechtsteilen Kicken zu einer Art keuscher Gruppensexsequenz zusammengestellt hat: 1,8 Millionen Dollar wären fällig für das postum komponierte Foto-Tableau, das Teil für Teil zwischen 1976 und 1980 entstand. Wunderbare Schwarzweißakte, deren fließende, weiche Umrisse der weit unterschätzte Erwin Blumenfeld in surrealistischem Schwung 1952 mit Hilfe einer Taschenlampe fotografierte, bietet Kicken für je 30.000 Dollar an.

Auch die junge Berliner Galerie PSM hinterlässt mit ihrem Debüt in Miami Beach einen starken Eindruck. Gezeigt wird „Linen“, eine Arbeit des in Minneapolis geborenen, in Berlin wirkenden Nathan Peter, der Leinwände in eine dreidimensionale, raumfüllende Skulptur zerschlissen und aufgedröselt hat, bis sie zwischen Reduktion, Zerstörung und Hinweisen auf ihre materiellen und gedanklichen Ursprünge eine fast haarige Konsistenz annehmen; 48.000 Dollar soll das Werk kosten.

Was für die neueste, in Miami Beach enthüllte Großserie von Jorinde Voigt zu bezahlen wäre, will die Galerie Klosterfelde nicht verraten, bringt die Wandinstallation, die sich auf Schopenhauers „Kunst, glücklich zu sein“ mit 55 Zeichnungen in Tinte, Bleistift und Blattgold bezieht, aber in einen kostbaren Kontext mit Hanne Darbovens „Kalendergeschichten“ aus dem Jahr 1976 (Preis gleichermaßen nur auf Anfrage).

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Veröffentlicht: 07.12.2012, 18:01 Uhr

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Von Andreas Rossmann

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