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Art Basel Miami Beach : Vom Ende der Hysterie am Strand

Die Art Basel Miami Beach hat einen neuen Grad der Professionalisierung erreicht. Sie ist realkapitalistische Abbildung der Handelsströme von Kunst. Nichts wird dem Zufall überlassen.

          Am Abend, bevor die Vip’s zur Vorbesichtigung ins Miami Beach Convention Center strömten, das man sich mit seinen abenteuerlich gemusterten Neunzigerjahre-Teppichböden ungefähr so vorstellen darf, wie man sich eine Scientology-Kirche vorstellt, wurde nebenan im Collins Park der Public Sector eröffnet, und er ließ Schlimmes erwarten. Skulpturen von Tony Cragg, Katharina Grosse oder Tomás Saraceno waren auf den Status von Außenmöbeln reduziert, dekorativ angeleuchtete Kulisse für die Häppchen naschenden Connaisseure. Wer der Gegenwartskunst die völlige Freiheit von Diskurs und gesellschaftlichem Wollen unterstellen mag, fand dort Futter, zumal in Tony Tassets fast vier Meter aufragendem Rehkitz.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch die schwarzen Muskelmänner, die mit Hämmern auf Traktor-Reifen einschlugen oder sich gegenseitig an Seilen durch die Menge schleiften, trugen auf den ersten Blick zum Vergnügungspark-Flair bei. Bis sich ihre Wiedergänger auf der Bühne versammelten, schwarz geschminkte Weiße in aufgeblähten Superman-Kostümen, und bis an den Rand der Erschöpfung die Hymne „America the Beautiful“ in den Sonnenuntergang schmetterten, um schließlich Geldscheine aus der Brust zu ziehen und ins Publikum zu schmeißen, falsche Fünfziger und echte Ein-Dollar-Noten. Als ginge es darum, aus einer erniedrigten Position heraus die Unterdrücker mit ihren eigenen Werkzeugen zu treffen.

          Mit dieser Performance des 1955 geborenen Afroamerikaners William Pope. L, dessen Werk die Verzahnung von Kapitalismus, Patriotismus, Rassismus und Armut umkreist und langsam breitere Anerkennung erfährt, war der Messe etwas gelungen: Es stand spürbar etwas auf dem Spiel, der Bogen war geschlagen von den vielen Millionen Dollar in der Halle für eine globale Klasse, die sich Verfeinerung und Sensibilität leisten kann, zu einer auseinanderdriftenden, zunehmend gewalttätigen Gesellschaft draußen.

          Gesellschaftsleben gibt es hier genug

          Bei der Art Basel Miami Beach erwartet man Parties und Stars. Die Zürcher Galerie Gmurzynska lud zur Dinnerparty mit Sylvester Stallone, wo Frauen als lebende Kronleuchter dienten (eine beklemmend rückschrittliche Form von Varieté). Aber Stallone, der seit fünfzig Jahren malt, hatte immerhin selbst ein Bild auf der Messe, „Rocky“, ein Porträt seiner Filmfigur. Es war zusammen mit Werken von Malewitsch, Motherwell, Picasso oder Helmut Lang Teil einer lustvoll überfrachteten Salonhängung, für die sich Kurator Germano Celent zum fünfzigjährigen Jubiläum der Galerie aus deren Schätzen bediente. Ansonsten herrscht auch nicht mehr Promiauflauf als etwa in Basel. Und im Gegensatz zu Basel sind auffallend wenige Künstler in der Stadt.

          Es ist ruhig in Miami, trotz der knapp zwanzig Satellitenmessen. Während deutsche Galerien stark vertreten sind, reisen nur wenige deutsche Sammler an. Auch die Zeiten, als die Art Basel Riesenparties mit Live-Konzerten am Strand schmiss, scheinen vorbei. „Wir müssen jetzt kein Gesellschaftsleben mehr herholen“, erklärt Direktor Marc Spiegler, „weil es inzwischen so viel davon gibt.“ Mit all den Museumsgründungen der letzten Jahre ist die Integration Miamis in die Reiserouten der kulturellen Klasse abgeschlossen.

          Die Messe als Trendmesser

          Es ist eine verlockende Übung, Messen als Trendmesser zu lesen. Das kann zu so seltsamen Thesen führen wie in der „Financial Times“, die titelte: „Künstler kümmern sich um Klimawandel“. Je größer Messen werden - 267 Galerien stellen in diesem Jahr im Convention Center aus -, je teurer die Standmieten - in Miami liegen sie zwischen 50.000 und 100.000 Dollar - und je kalkulierter und unfreier damit das Programm, desto willkürlicher wird die Kaffeesatzleserei. Hier dennoch, bei allen Vorbehalten, der Versuch, ein paar Tendenzen auszumachen.

          Erstens: das Ende der Hysterie. Die Zeit, als Sammler sich handgreiflich zur Seite drängten, um als erster bei Zwirner oder Gagosian zu sein, ist vorbei. Die ersten Stunden verliefen gediegen, viele Galeristen atmeten erst am zweiten Vip-Tag auf, sich an das bedächtigere Tempo gewöhnend. Es wurde gekauft, aber es wurde zweimal nachgedacht. Vielleicht haben die Auktionen des Herbstes tatsächlich das Ende des Spekulierens nach dem Gießkannenprinzip eingeläutet.

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