23.01.2012 · Ein Blick über die Stuttgarter Antiquariatsmesse und die Ludwigsburger Antiquaria
Von Sophie von Maltzahn„Es liest / Kein Leser mehr heraus, als er hinein liest. / Dem andern ist dasselbe Buch ein anders.“ So schrieb der Lyriker Otto Ludwig in seinem Gedicht „Fräulein von Scuderi“. Mit Ludwigs Augen betrachtet, dürfte den Besuchern auf den Stuttgarter Messen der Antiquare vom 26. bis 29. Januar ein breites Spektrum originärer Geistesfülle gegenüberstehen.
Wie alle Jahre setzt auch auf der 51. Stuttgarter Antiquariatsmesse Heribert Tenschert die preisliche Höchstmarke unter den achtzig Ausstellern aus Europa und Amerika. Diesmal bewirbt seine Bibermühle aus dem Schweizer Ramsen im Messekatalog ausschließlich eine Bologneser Biblia Latina, die kurz nach 1300 für Mitglieder des Karmeliterordens entstanden ist. Die aus insgesamt 541 Blättern bestehende Handschrift wurde in der Werkstatt da Reggios bis 1310 illuminiert (Preis 850.000 Euro).
Eine Miniatur-Ausgabe der Heiligen Schrift aus der Zeit um 1690 findet man bei Löcker aus Wien. Nur 3,5 mal 3,3 Zentimeter messen die Bilder auf den 263 Kupferstich-Tafeln - gestochen von den Augsburger Schwestern Küsel und deren Cousine, allesamt Enkelinnen von Matthäus Merian (5400 Euro). Wolfgang Braecklein aus Berlin wartet mit einem Schmuckstück barocker Literatur auf.
Es ist eine vollständige erste Ausgabe der gesammelten Werke Grimmelshausens, die 1683/84 in drei Bänden mit 47 Kupfertafeln bei Felßecker gedruckt wurde (32.000 Euro). Eine altkolorierte und mit Gold gehöhte Sammlung von Reiseberichten hat Patzer & Trenkle aus Konstanz im Programm: Es ist die - allerdings nicht ganz vollständige - erste Ausgabe der „Collectiones Peregrinationum in Indiam Occidentalem“ vom Kupferstecher, Goldschmied und Verleger Thomas de Bry, zwischen 1590 und 1595 in Frankfurt entstanden (90.000 Euro).
Vier Buchstaben, die in ungeübter Handschrift am Ende eines Briefs in englischer Sprache aus dem 18. Jahrhundert stehen, dürften Historiker in Aufregung versetzen: O-m-a-i. Es ist der Name des ersten Bewohners der pazifischen Inseln, der Europa betrat und bis vor den englische Königshof gelangte. Ralf Eigl aus Rosenheim verkauft das wohl einzige Autograph des Mitreisenden von James Cook für 75.000 Euro.
Laut dem Historiker Walter Morgenthaler sind alle 66 bekannten Handschriften der Karoline von Günderrode im Besitz öffentlicher Institutionen wie der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt. Nur nicht die 26 Verse des Gedichtes „Morgenlicht! Morgenlicht“ von 1804/05. Die Rarität von der Hand der „Sappho der Romantik“, wie man die Dichterin im 19. Jahrhundert auch nannte, bietet Inlibris aus Wien für 35.000 Euro an.
Franz Siegle aus Mühlhausen widmet seinen Katalogauftritt dem vor 150 Jahren gestorbenen Arzt und Schriftsteller Justinus Kerner. Darunter ist auch eine von Kerners berühmten „Klecksographien“, die er nach 1850 mit brauner Tusche und dunkler Tinte auf einem Papierstreifen anfertigte (1400 Euro). Das Rote Antiquariat aus Berlin offeriert zu seiner Stuttgarter Premiere Max Osborns Monographie über Max Pechstein, die mit signierten Graphiken 1922 im Propyläen Verlag in Berlin erschien (12 500 Euro).
Michael Bauer aus Wien hält Gesellschafts- und Kartenspiele aus dem 19. Jahrhundert für 450 Euro bis 2500 Euro bereit. Bei Koenitz aus Leipzig gibt es vom chinesischen Maler der Moderne Qi Baishi ein Leporellobuch aus 22 Wasserfarbdrucken mit Motiven der Fauna und Flora, 1952 in Peking entstanden, für 600 Euro. Hermann Hesses Typoskript von „Piktors Verwandlungen“ im aquarellierten Umschlag und mit sechzehn ebenfalls aquarellierten Federzeichnungen, das Hesse 1923 seinem Freund Ludwig Finckh widmete, verkauft Hans Kümmerle aus Göppingen für 8000 Euro. Im hauptsächlich auf Kriegshistorie ausgerichteten Angebot von Ingo Fleisch aus Berlin erinnert ein Schreibmaschinen- Brief vom 14. November 1929 an Elsa Brändström, den „Engel von Sibirien“, dessen Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg zur Gründung der Organisation „Care“ führte. Brändström schreibt darin einer Alexa, dass sie nach Dresden umziehe, aber hoffe, Neusorge, ihr 1923 im sächsischen Mittweida gegründetes Waisenheim, weiterhin betreuen zu können.