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Antiquariatsmesse Wie aus Brechts Marie eine Anna wurde

11.10.2011 ·  Auf der Frankfurter Buchmesse treten Antiquare wieder mit einer eigenen Verkaufsschau auf. Darunter ist ein einmaliges Korrekturexemplar von Brechts „Svendborger Gedichte“.

Von Sophie von Maltzahn
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© HeineBuch „Turngedichte“ von Joachim Ringelnatz – bei HeineBuch (1900 Euro)

Sie ist eben nicht mit der nächsten Html-Version zu überschreiben, eben nicht zu aktualisieren und damit eventuell zu verschönern: die Vergangenheit, wie sie im Buche steht. Zumindest als ein Fragment ihrer Zeit lässt sie sich authentisch in den vielen Dokumenten nachlesen, die auf der Antiquariatsmesse im Rahmen der Frankfurter Buchmesse angeboten werden. Auch Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, äußert sich im Vorwort des Katalogs zur „Messe in der Messe“ bewegt darüber, dass Alt mit Neu - Antiquariate neben digitalen Produkten - im Open Space auf der Agora vor der Halle 4 präsentiert werden.

Gerade die erhaltenen Versionen eines Textes ermöglichen einen Zugang zu des Dichters Denke im Laufe seiner Schöpfung, so wie dies auch das dritte Korrekturexemplar der „Svendborger Gedichte“ von Bertold Brecht offenbart. Es ist beim Roten Antiquariat aus Berlin zu finden. Das Angebot ist, frisch gewonnener Erkenntnis nach, eines der zwei Exemplare des Gedichtbandes im „Prager Satz“, der 1938 dort eben gedruckt wurde; das andere wird im Brecht-Archiv aufbewahrt. Darin lässt sich entdecken, wie in dem Gedicht „Deutsches Lied“ aus „Marie, weine nicht“ ein „Anna, weine nicht“ wurde, was bezeichnend ist, da schließlich als Nächstes die „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ folgt. Das Brecht-Archiv bittet übrigens den künftigen Käufer, von diesem „Prager Satz“ Reproduktionen anfertigen zu dürfen (42.000 Euro).

Lord Byron mit Schädel

Eine hochwertige Postinkunabel bringt das Antiquariat Aix-la-Chapelle aus Aachen mit: Eine Editio princeps aus dem Jahr 1516 von der „Beschreibung der Griechen“. Der Dichter und Historiker Pausanias verfasste sein zehnbändiges Werk zwischen 160 und 175 und schreibt darin über das tägliche Leben, Folklore und Zeremonien, seinen Schwerpunkt legt er allerdings auf Architektur und die religiösen Künste (32.500 Euro).

„Es gleicht mir durchaus nicht, ich sehe unglücklich aus“, soll der Dichter Lord Byron zum Bildhauer Bertel Thorvaldsen um 1800 gesagt haben, als dieser ihm die Büste für sein Denkmal zeigte. Die 48 mal 33 Zentimeter große Zeichnung eines wohl deutschen Künstlers, von der Frankfurter Kunsthandlung H. W. Fichter angeboten, zeigt die Statue, in der Byron auf einer griechischen Säule mit Stift und Hauptwerk plaziert ist. Frohmut scheint eben nicht sein für die Nachwelt festzuhaltendes Attribut gewesen zu sein, schließlich gehört zu der Komposition auch ein Totenschädel, der am Boden liegt (2800 Euro).

 

Fotografien der Bisson-Brüder

 

Näher als an ihre Handschrift können Liebhaber den großen Dichtern kaum kommen. Besonders viele Autographen gibt es im Antiquariat Richard Husslein aus Planegg zu entdecken, darunter ein Widmungsblatt von Thomas Bernhard von 1973, aus der Sammlung des österreichischen Musikhistorikers Erich Schenk stammend (1100 Euro), oder ein Manuskript von Wilhelm Busch, worauf dieser 1902 „Der Gedichtverleger / Ist der rechte Kritikus“ in vier Verse fasste (1200 Euro). Aufgehübscht mit Schmuckrahmen in Gold kommt das Albumblatt von Norman Mailer aus dem Jahr 1948 daher: Hierauf schrieb er in fünf Zeilen den ersten Satz aus seinem ersten erfolgreichen Roman „Die Nackten und die Toten“ (250 Euro): Nobody could sleep.

Mehrere Tausender sollte derjenige budgetieren, der sich mit Kaufabsicht an den Stand von Peter Kiefer aus Pforzheim begibt: Für neun Fotografien aus dem 19. Jahrhundert der Bisson-Brüder - allerdings sind fünf davon nur zugeschrieben - werden 27.500 Euro erwartet. Ein Konvolut mit Fotos von Nepal aus der Zeit um 1880 bis etwa 1960 soll dem Käufer 45.000 Euro wert sein. Beim Antiquariat Lorych aus Berlin findet man zwei Dokumente, die mit ihrem nüchternen Selbstverständnis das heutige Empfinden aufs höchste verstören: Es sind der originale Kaufvertrag und die Besitzurkunde für einen Sklaven, datiert auf den 20. Oktober 1864 (1600 Euro): „1500 dollars in full payment for a negro Boy William which boy I want to be sound and tith (teeth) good“. Damit ist also das Sklavenkind seinem Nominalwert nach günstiger gewesen als der aktuelle Preis seiner Papiere.

Es geht um den Erstdruck von Charles Baudelaires Gedichtband „Les fleurs du mal“ von 1857. In der Auktion mit Büchern, Graphik und Autographen bei Venator & Hanstein in Köln wurde das Werk mit handschriftlichen Korrekturen Baudelaires für 140.000 Euro zugeschlagen (Taxe 30.000); sein Käufer bezahlte also mit Aufgeld 170.000 Euro. Gewidmet ist es dem Journalisten Edmond Texier, der Baudelaire mit Anerkennung bedacht hatte. Das Besondere an dem Exemplar: Es enthält noch die bald darauf verbotenen sechs Gedichte „Les Bijoux“, „Le Léthé“, „A celle qui est trop gaie“, „Lesbos“, „Femmes damnées“ (erster Teil) und „Les Métamorphoses du Vampire“. Die Strafkammer verurteilte Baudelaire und seinen Verleger zu einer Geldstrafe. Als Frontispiz vorgebunden ist eine Radierung, wohl von Alfred Briend, die auf eine Zeichnung des Schriftstellers zurückgeht: „Baudelaire par lui-meme sous l’influence du hachisch“.

svm

Auf der Frankfurter Buchmesse, vom 12. bis 16. Oktober. Geöffnet am Mittwoch, dem 12. Oktober, von 13 bis 18.30 Uhr, von Donnerstag bis Samstag von 9 bis 18.30 Uhr, am Sonntag, dem 16. Oktober, von 9 bis 17.30 Uhr. Tageskarte von Mittwoch bis Freitag 36 Euro, am Samstag und Sonntag 14 Euro. Der Katalog kostet 5 Euro. Den Online-Katalog finden Sie hier.

Quelle: F.A.Z.
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