Der Countdown läuft auf dem großen digitalen Kalender am Trafalgar Square vor der National Gallery in London. Nur noch fünf Tage bis zum Start der Olympischen Spiele. Auch die Stunden, Minuten und Sekunden werden dort gezählt, während schon Tag für Tag die Athleten anreisen. Die Galerie Cadogan Contemporary, die in diesem Jahr ihr dreißigstes Jubiläum feiert, liegt in der Nähe der Museumsmeile in South Kensington und zeigt pünktlich zum Anlass Andrew Hunts „Olympians“: Das sind Gemälde von professionellen und von Hobby-Sportlern und von Zuschauern.
Im Gegensatz zu vielen öffentlichen Museen, die sich der „Kultur-Olympiade“, die gleichzeitig stattfindet, angeschlossen haben, findet sich in London ansonsten kaum eine Galerie zeitgenössischer Kunst, die affirmativ die Olympiade als Thema aufnimmt: Nicht überraschend vielleicht, denn zum Beispiel Porträts von Sportlern können leicht in bloße Illustration abgleiten oder etwas karikaturhaft wirken - wie im Fall von Hunt die Rentner beim Gewichtheben oder in der Badehose.
Andrew Hunt meistert diese Gradwanderung jedoch fast durchweg. Er ist 1973 in Chester geboren und lebt in Sheffield, im industriellen Norden Englands. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er bekannt, als sein Selbstbildnis mit Tochter Winnie für die Plakate der „BP Portrait Award“-Ausstellung in der National Portrait Gallery in London im Jahr 2008 ausgewählt wurde. Seit zehn Jahren schon wird er von Cadogan Contemporary vertreten und das Konzept der aktuellen Ausstellung, das viel Anklang findet, entstand in Zusammenarbeit mit der Galerie.
Seinen semi-biographischen „Mill Town Runner“ (7000 Pfund) - ein Jogger, der sich leicht vornüber gebeugt über den Asphalt zwischen geduckten viktorianischen Reihenhäusern am Rande des Penninengebirges in Mittelengland kämpft - sieht Hunt als Konterpart zu dem Siegesgeheul und zum vergötterten Körper des schnellsten Läufers der Welt, Usain Bolt (12.500 Pfund). Bolt kontrastiert auch mit dem älteren glatzköpfigen Mann im Fußballtrikot von „West Ham United“, der sich auf dem Gemälde „Olympic Breakfast“ (bereits verkauft) im „Stratford Grill“-Restaurant ein fettiges Frühstück genehmigt, während im Hintergrund durchtrainierte Marathonläufer vorbeiziehen. Nicht umsonst heißen solche traditionellen Billig-Restaurants umgangssprachlich auch „Greasy Spoon“.
Die britische „Upper Class“ ist dagegen in dem eleganten Reiter auf dem Bild „Jumper“ (8500 Pfund), einem der attraktivsten Werke, repräsentiert. Die olympischen Reitveranstaltungen werden in Greenwich Park neben dem ehemaligen Royal Naval College im Osten von London stattfinden. Der untere Rand des Gemäldes scheint i Abstraktion diesen suburbanen Hintergrund anzudeuten.