19.12.2006 · Dicht drängelten sich bei Christie's und Sotheby's die Menschen bei den Auktionen von Alten Meistern in London. Sie wurden nicht enttäuscht. Nach oft zähem Ringen bezahlten Sammler sensationelle Preise für einige Gemälde.
Von Anne Reimers, LondonDie Arme und das blasse, leicht rotnäsige Antlitz flehend gen Himmel erhoben, erwartet der heilige Stephanus sein Martyrium; die Felsbrocken in den Händen seiner Peiniger werden im nächsten Augenblick das Urteil vollziehen: Die monumentale Darstellung „Steinigung des heiligen Stephanus“ von Giandomenico Tiepolo, die in diesem Sommer von der Berliner Gemäldegalerie an ihren früheren Besitzer restituiert wurde, dominierte den mit Sammlern und Kunsthändlern vollbesetzten Saal bei der Londoner Christie's-Auktion mit Alten Meistern.
Reinhold Baumstark, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, war eigens nach London gereist, um das eindrucksvolle Gemälde nach Bayern heimzuholen - es war ursprünglich für eines der bedeutendsten Benediktinerklöster, die Abtei in Schwarzach bei Würzburg, in Auftrag gegeben worden. Die Spur des Bildes verlor sich jedoch während der Säkularisierung. 1942 gelangte es dann zur Restaurierung nach Berlin und verblieb in der Gemäldegalerie, bis 1999 als „Fremdbesitz“ registriert. Vor einigen Monaten schließlich wurde es an den einstigen Besitzer zurückgegeben. Baumstark erwarb das wichtige Werk, gegen wenig Konkurrenz aus dem Saal, beim Zuschlag von 400.000 Pfund, der unteren Taxe.
Sensationeller Preis für Botticelli
Mit Spannung hatten viele auch die Versteigerung von Botticellis Madonna mit Granatapfel erwartet, bei der sich verschiedene Kunsthistoriker darüber streiten, welcher Anteil der Tafel von Botticelli eigenhändig ausgeführt oder seiner Werkstatt überlassen wurde. Das Publikum wurde in seinem Interesse an sensationellen Preisen nicht enttäuscht: Mit einem Hammerpreis von 3,4 Millionen Pfund (Taxe 1,5/2,5 Millionen) stellte Christie's einen Auktionsrekord für Botticelli auf.
Viele Köpfe drehten sich nach dem unbekannten jungen Mann um, der für seinen Auftraggeber am Mobiltelefon - dem Vernehmen nach ein russischer Sammler, der bisher nur Gegenwartskunst kaufte - die Botticelli-Tafel sicherte und gleich darauf verschwand. Zuvor hatte er schon für 1,6 Millionen Pfund Rubens' Gemälde des heiligen Michael, der mit zornigem Blick Luzifer unterwirft, sowie eine detailreiche Allegorie des Wassers, mit fliegendem Fisch und nach Luft schnappendem Seegetier auf Waldgrund, von Jan Brueghel d. Ä. und Hendrik van Balen d. J. für 200.000 Pfund ersteigert.
Augenbrauen-Gebote
Andere Werke aus dem breiten Angebot fanden wohlbekannte Abnehmer: Der Sammler Alfred Bader, der als Kind vor den Nationalsozialisten aus Österreich nach Amerika geflohen war und dort eines der heute weltweit größten Chemieunternehmen gründete, stach mit einem Gebot von 420.000 Pfund für ein Porträt aus dem Kreis der Italienerin Sofonisba Anguissola alle Konkurrenten im Saal und an den Telefonen aus: Es zeigt Margarete von Savoyen in einem kostbaren, goldverzierten Brokatkleid, mit der Hand ihren Spaniel streichelnd. Geschätzt war das prunkvolle Gemälde auf nur 50.000 bis 80.000 Pfund.
Der auf Niederländer spezialisierte Londoner Händler Johnny van Haeften schlug gleich dreimal zu, zog beim hitzigen Bietgefecht jedoch nur seine Augenbrauen hoch, um das nächste Gebot anzuzeigen: „Judas und Tamar“ von Aert de Gelder, Rembrandts letztem Schüler, für 410.000 Pfund (100.000/150.000), eine gedankenverlorene Frau am Fenster von Gabriel Metsu für 210.000 Pfund (60.000/80.000) und schließlich eine ungewöhnlich beleuchtete Ansicht des großen Marktes in Haarlem nahm er mit. Mit 780.000 Pfund (300.000/500.000), einem weiteren Auktionsrekord, bewährte sich dieser Meister der Architekturmalerei von Gerrit Adriaensz Berckheyde, der sich 150 Jahre lang im Besitz einer aristokratischen französischen Familie befand und nun zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde.
Zähes Ringen um ein Schmuckstück
Ebenso spektakulär war der Preis, den ein anonymer Bieter am Telefon für eine stark verschmutzte, jedoch ausgesprochen qualitätvolle Ansicht der Punta della Dogna in Venedig von Francesco Guardi zahlte, die sich nach der Reinigung wohl als Schmuckstück erweisen soll: Der Preis schraubte sich nach zähem Ringen um die rund 50 mal 75 Zentimeter messende Vedute an den Telefonen der Christie's-Spezialisten auf 3,35 Millionen. Die Schätzung von 600.000 bis 800.000 Pfund erwies sich damit als sehr vorsichtig; offenbar hatte man aus dem unverkauften Guardi im Juli seine Lehren gezogen. Der Münchner Händler Konrad O. Bernheimer, der auch Colnaghi in London führt, erwarb einen Lucas Cranach d. Ä. - eine Zuschreibung, die vom Cranach-Spezialisten Werner Schade bestätigt wurde - aus der Sammlung René Küss für 220.000 (100.000/ 150.000).
Pieter Brueghels d. J. Allegorie des Streits zwischen Karneval und Fasten vom spielte wie erwartet knapp drei Millionen ein und blieb so innerhalb der Schätzung. Nicholas Hall von Christie's vermittelte das Werk am Telefon an eine europäische Privatsammlung, die sich bis dato auf Werke der Moderne konzentriert hatte. Bernardo Bellottos Veduten des Forum Romanum avancierten dank eines in Europa lebenden, wahrscheinlich asiatischen Privatsammlers zum Spitzenlos der Saison; 5,8 Millionen Pfund (3/4 Millionen) war sein letztes Gebot am Telefon: Damit stieg der Umsatz bei Christie's, bei fünfzig verkauften von 72 angebotenen Losen, auf 31,7 Millionen Pfund.
Wenig Interesse für van der Heyden
Die Abendveranstaltung bei Sotheby's schien ein fester Termin im Kalender der feinen Gesellschaft zu sein: Mehrere hundert Gäste fanden sich ein, und viele wollten wohl nur Zeuge des Millionenspiels werden, obwohl durchaus ein substantieller Teil der Werke im Saal verkauft werden konnte. Auch bei dieser Auktion bot Robert Noortman von seinem Platz in der ersten Reihe aus mit. Dabei wurde nicht klar, ob der Händler in eigener Verantwortung handelte oder als Angehöriger des Hauses Sotheby's, das seine Firma „Noortmann Master Paintings“ samt Schulden jüngst übernommen hat - tatsächlich ein schwierig zu definierender Status.
Er ersteigerte zwei Niederländer: eine Landschaft mit rastender Kavallerie von Philips Wouwerman für 170.000 Pfund innerhalb der Taxe, und eine Ansicht Amsterdams mit Windmühlen am Amstel-Ufer von Jacob van Ruisdael zur oberen Taxe von 1,5 Millionen Pfund, für die er nur einen Bieter am Telefon ausstechen mußte. Jan van der Heydens Ansicht des Sint Antoniespoort in Amsterdam unter leuchtendblau gereinigtem Himmel blieb mit einem Preis zur unteren Taxe von vier Millionen Pfund Spitzenreiter der Auktion, fand jedoch nur wenig Interesse im Saal.
Im Kielwasser des Spitzenloses
Für Überraschungen sorgten weniger bekannte Maler; gleich elf Rekorde für Alte Meister stellte Sotheby's auf: Ludolf Backhuysens „Abreise von William III. und Maria van Oranje“ mit mehreren Segelschiffen auf stürmischer See unter pinkfarbenem Himmel kletterte im Kielwasser des Spitzenloses auf 1,3 Millionen Pfund (500.000/700.000), ein Gebot, das schon vor Beginn der Auktion eingereicht wurde. Die noble Herkunft der drei zuvor genannten Gemälde spielte sicherlich eine bedeutsame Rolle bei ihrem Verkaufserfolg: Nach Angaben des Spezialisten Alex Bell stammen sie aus der Sammlung, die Baronin Béatrice de Rothschild zu Beginn des 20. Jahrhunderts für ihre Villa Ephrussi in Cap Ferrat an der Französischen Riviera zusammenkaufte.
Für ein intensiv koloriertes Blumenstilleben von Jan van Os lieferte sich der Altmeister-Spezialist George Gordon von Sotheby's ein spannendes Bietgefecht mit einem Herrn im Saal und war schließlich erfolgreich: Gordon sicherte seinem Privatsammler am Telefon das Werk für 470.000 Pfund (200.000/300.000), während eine Darstellung von „Atalanta und Hippomenes“ nach Ovids „Metamorphosen“, gemalt von Nicolas Colombel, die jahrelang unerkannt im Treppenhaus einer Familie in Süddeutschland hing, auf 450.000 Pfund (70.000/100.000) stieg - zwei weitere Rekorde.
Verdoppelte Taxe für Beccafumi
Ein Raunen im Saal löste die Summe aus, die ein im Türrahmen stehender Händler für die Goldgrundtafel einer Madonna aus dem frühen 14. Jahrhundert bot: Geschätzt auf 60.000 bis 80.000 Pfund, fand das Werk aus der Sammlung von Giorgio Schiff-Giorgini, das anhand von Fotografien Giovanni di Nicola da Pisa zugeschrieben werden konnte, viele Bieter, bevor es ihm bei 400.000 Pfund zugeschlagen wurde.
Steigende Preise bei Alten Meistern belegt auch ein neuer Rekord für Domenico Beccafumi: Eine weichgezeichnete Darstellung der Heiligen Familie mit Johannes dem Täufer und der heiligen Katharina von Siena spielte 1,2 Millionen Pfund ein und verdoppelte so die obere Taxe von 600.000 Pfund; vor acht Jahren hatte das Gemälde bei Christie's gerade einmal 200.000 Pfund eingespielt. Damit erreichte die Auktion bei Sotheby's einen Umsatz von 16,8 Millionen Pfund, bei zwei Drittel verkaufter Lose.