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Alte Meister in London : Vorsichtig

Hier begegnen sich Nausikaa und Odysseus und eine Kopfstudie von Raffael steht unter Rekordverdacht: Vorschau auf die Auktionen mit Alten Meistern in London.

          Der Crossover-Effekt, von dem sich der Handel mit Altmeister-Werken frische Impulse verspricht, macht sich jetzt auch bei den Londoner Dezember-Auktionen bemerkbar. So lässt Sotheby’s seine Trophäe des Abends am 5. Dezember - Raffaels zarte kraftvolle Kopfstudie für den jungen Apostel am linken Bildrand seines letzten Werks, der „Verklärung Christi“ im Vatikan - in einem Werbefilm von Tobias Meyer anpreisen, dem Direktor für zeitgenössische Kunst: Er hebt denn auch die Zeitlosigkeit der schwarzen Kreidezeichnung aus Chatsworth, dem Anwesen der Herzöge von Devonshire, hervor und bescheinigt ihr „die Intensität eines großen Warhols oder Bacons“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Sotheby’s kann sich freilich nicht darauf verlassen, dass Leon Black, der amerikanische Trophäensammler, der im Juli 2000 Michelangelos Studie für den auferstandenen Christus ersteigerte und vor drei Jahren bei Christie’s den Zuschlag für Raffaels Muse Urania zum Rekordpreis von 26 Millionen Pfund erhielt, eine zweite Kopfstudie begehrt. Und ob das Getty Museum sich verlocken lässt, steht ebenfalls in Frage. Deshalb wird das Netz für das vorsichtig auf zehn bis fünfzehn Millionen Pfund geschätzte Blatt weiter ausgeworfen. Aus der Chatsworth-Sammlung kommen auch zwei hochbedeutende illuminierte Handschriften zum Aufruf: das für den burgundischen Herzog Philip den Guten erstellte Exemplar eines Mysterienspiels über die Zerstörung Jerusalems durch die Römer (Taxe 4/6 Millionen Pfund) und ein reich illustrierter mittelalterlicher Ritterroman (3/5 Millionen).

          Zu den Spitzenlosen zählt Jan Steens symbolträchtiges „Tischgebet“ (5/7 Millionen). Eine Gemeindekirche in der Grafschaft East Sussex erhofft sich von vier gotischen Leinwänden des Florentiner Malers Niccolò di Piertro Gerini einen Erlös von bis zu 1,2 Millionen Pfund.

          Die Szenen aus der Passionsgeschichte wurden der Kirche Mitte des 19. Jahrhunderts vermacht, aber sie kann sich die Versicherung nicht leisten und will das Geld für gute Zwecke einsetzen. Beinahe nazarenisch mutet das Bildnis eines jungen Mannes aus der Florentiner Schule des 16. Jahrhunderts an, das bis zu 800.000 Pfund einbringen soll. Sotheby’s wartet auch mit zwei Veduten auf (je 1,2/2,8 Millionen): einem Blick des Niederländers Gaspar van Vittel, genannt Vanvitelli, über den Tiber auf Engelsburg und Petersdom und Bellottos frühe Ansicht des Canal Grande in Venedig.

          Die Firma Christie’s, die im Sommer ihren bislang höchsten Erlös für eine Altmeister-Auktion verbuchen konnte, kommt nun etwas bescheidener daher: Marktfrisch sind eine große, bislang unveröffentlichte und mit bis zu 800.000 Pfund ausgezeichnete Ölskizze der Begegnung der Nausikaa mit Odysseus, die Jacob Jordaens womöglich als Teppichentwurf anfertigte, und eine Schmiede in charakteristischem Hell-Dunkel von Joseph Wright auf Derby (400.000/ 600.000). Ein großformatiger Blumenstrauß in skulptierter Vase von Jan Brueghel d. J. kehrt, mit bis zu 1,5 Millionen Pfund veranschlagt, nach zwölf Jahren auf den Markt zurück, während das Porträt einer Edelfrau des Antonis van Dyck eine obere Taxe von einer Million Pfund trägt.

          Quelle: F.A.Z.

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