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Alte Meister in London Die Kunden bleiben hungrig auf die Spitzen

26,5 Millionen Pfund für Raffaels Apostelkopf - und das ist noch nicht alles: Ergebnisse der Londoner Auktionen mit Alten Meistern bei Sotheby’s und Christie‘s.

Als zum Abschluss der spannungsreichen Abendversteigerung bei Sotheby’s endlich das Los zum Aufruf kam, dem die allergrößte Aufmerksamkeit galt, schien es einen Moment lang, als sei Raffaels besinnlichem Apostelkopf das gleiche Schicksal beschieden, wie der von dem burgundischen Herzog Philipp der Gute bestellten Prachthandschrift aus derselben Sammlung, die im vollbesetzten Saal kein einziges Gebot anzog, obwohl die in Frage kommenden Antiquare zugegen waren.

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Doch dann begann ein Gefecht zwischen vier Bietern - zwei Londoner Händler im Saal und zwei Kunden am Telefon, von denen einer den Zuschlag erhielt -, das nach siebzehn zähen Minuten unter herzhaftem Applaus bei einem Hammerpreis von 26,5 Millionen Pfund mit lauter neuen Auktionsrekorden endete: teuerste Arbeit auf Papier; teuerstes in Europa versteigertes Kunstwerk des Jahres; zweitteuerstes Werk eines Alten Meisters nach dem „Bethlehemitischen Kindermord“ von Rubens, dessen Höchstpreis von 45 Millionen Pfund nun schon seit zehn Jahren steht.

Sotheby’s hatte sich bemüht, den Rahmen der, zumal auf der Spitzenebene, engen Altmeistergemeinde zu erweitern und nicht nur moderne Sammler anzusprechen, sondern durch eine Vorbesichtigungstour mit Station in Hongkong auch den fernöstlichen Markt anzuzapfen. Dort spürte das Auktionshaus denn auch eine positive Resonanz, was Hoffnungen nährte, dem Altmeistermarkt könne frisches Blut zufließen.

Letztlich schienen dann doch die üblichen europäischen und amerikanischen Akteure den Ausschlag zu geben. Mitunter wirkte der Schlagabtausch wie eine Reprise der Versteigerung von Raffaels Kopf einer Muse bei Christie’s vor drei Jahren: Damals unterlag der Händler Luca Baroni dem, wie sich später herausstellte, am Telefon mitbietenden amerikanischen Finanzier und Sammler Leon Black, der bei 26 Millionen Pfund den Zuschlag dafür erhielt.

Doch diesmal war - nach dem Ausstieg eines Kunden, der am Telefon durch den New Yorker Altmeisterexperten George Wachter agierte - ein Dritter mit von der Partie: der Londoner Händler Stephen Ongpin, der seine ersten Sporen eben bei Baroni verdiente, als dieser noch die Altmeister-Abteilung der Handlung Colnaghi betreute, die damals Rudolf Oetker gehörte. Im Kampf um den jungen Apostel aus der Chatsworth-Sammlung hat der Geselle, der sich 2006 selbständig machte, den knapp vor der Zwanzig-Millionen-Grenze innehaltenden Meister übertrumpft. Das hat Spekulationen ausgelöst, dass mit Ongpins geheimnisvollem Hintermann womöglich ein neuer Spieler im Feld sei.

Auffallend war, dass Ongpin und Baroni über das Mobiltelefon jeweils mit Kunden in Verbindung standen, die sich schwertaten bei jedem Sprung, während Natasha Mendelson aus der Privatkundenabteilung von Sotheby’s für ihren schließlich erfolgreichen Auftraggeber, mit dem sie sich auf Englisch verständigte, stets ohne geringstes Zögern mithielt. Ihr Bieter war offenbar nicht von Liquiditätsbedenken gehemmt: Das nährt die Vermutung, dass sich der milliardenschwere Leon Black auch diesen zweiten Raffael-Kopf gesichert hat, der sich nun zu anderen Trophäen seiner Sammlung gesellen könnte - wie der 2001 ersteigerten Federzeichnung des auferstandenen Christus von Michelangelo und Munchs Pastell „Der Schrei“, das im Mai in New York mit dem Zuschlag bei 107 Millionen Pfund den Rekord für das teuerste jemals auktionierte Kunstwerk setzte.

Nach dem Raffael dürfte der Herzog von Devonshire, der sich von drei Schätzen trennen wollte, um die Zukunft seines Anwesens Chatsworth House zu sichern, die Enttäuschung des unverkauften Versdramas „Le Mystère de la Vengeance“ (Taxe 4/6 Millionen Pfund) verkraften können. Der Auktionator Henry Wyndham bemühte sich, die Fiktion eines Bietgefechts dafür aufrechtzuerhalten, warf dann aber bei 3,9Millionen Pfund das Handtuch. Mehr Erfolg hatte die für Louis de Gruuthuse, einen bibliophilen Höfling Philipps des Guten, in den Südniederlanden gefertigte Saga über die Abenteuer eines edlen Kreuzzugritters in Jerusalem: Das Getty Museum gab über den Antiquar Jörn Günther das erfolgreiche Gebot von 3,4 Millionen Pfund für die aufwendig illustrierte Handschrift ab, die Sotheby’s auf bis zu fünf Millionen Pfund veranschlagt hatte.

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Bei Sotheby’s wie auch bei der - weit weniger eindrucksvoll bestückten - Christie’s-Auktion am Vortag bestätigte sich wieder, dass Käufer hungrig sind auf qualitätvolle marktfrische Ware. So erwarb ein Online-Käufer bei Sotheby’s das überaus anmutige, mit bis zu 800000 Pfund taxierte Porträt des jungen Florentiners Giovanni Gaddi von unbekannter Hand für 1,1 Millionen Pfund. Jan Steens „Gebet vor dem Mahl“ ging - wie im Sommer bei Christie’s Constables ursprünglich aus derselben Sammlung kommende „Schleuse“ - mangels Bieter an einen Garanten, der den Verkauf der mit einer Schätzung von bis zu sieben Millionen Pfund versehenen Tafel durch ein unwiderrufliches Gebot von fünf Millionen Pfund gesichert hatte.

Bei Christie’s kletterte eine seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr auf dem Markt gewesenen Ölskizze von Jacob Jordaens auf 1,8Millionen, weit über die Obertaxe von 800.000 Pfund; der Londoner Händler Johnny van Haeften erwarb diese Darstellung von Odysseus vor Nausikaa. Ein Telefonbieter erhielt für Joseph Wright of Derbys „Schmiede“ bei 780.000 Pfund den Zuschlag; der Verbleib dieses mit bis zu 600.000 Pfund veranschlagten, aus einer amerikanischen Sammlung eingelieferten Gemäldes gab seit 1910 ein Rätsel auf.

Quelle: F.A.Z.

 
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