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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.11.2012, 05:56 Uhr

Alte Kunst und Kunstgewerbe Eine jede Zeit hat ihre eigenen Kulte

Der Kölner Versteigerer Lempertz wartet zur 1000. Auktion mit ungewöhnlichen historischen Stücken auf: ein Blick in die Kataloge mit Alten Meistern und Kunstgewerbe.

von Magdalena Kröner

Der 17.November wird ein langer Tag am Kölner Neumarkt: Zur tausendsten Auktion des Hauses hat Lempertz einen der umfangreichsten Altmeisterkataloge seit langem aufgelegt. Aus dem breiten Angebot ragt ein Werk heraus, das schon in Richtung Weihnachten weist: 200 Jahre lang befand sich Jacob Jordaens’ Gemälde „Die Heilige Familie mit Johannes dem Täufer und seinen Eltern“ in Familienbesitz.

Die ganz realistisch aufgefasste häusliche Szene zeigt das Jesuskind und den Johannesknaben, die sich gemeinsam an einem Finken erfreuen und dabei von ihren Eltern beobachtet werden. Die heitere Privatheit der Szene besticht darin, wie sie den menschlichen Charakter der Dargestellten betont. Die von dem flämischen Kunsthistoriker Hans Vlieghe auf noch vor 1620 datierte Szene verrät zudem - mit ihrem sorgfältig für jeden Protagonisten gesetzten Licht - die Beschäftigung des Antwerpener Meisters mit Caravaggio. Die Schätzung liegt bei 500.000 bis 700.000 Euro.

König David singt im Oval

Zum gläubigen Auftakt passt auch die Entdeckung einer „Auferstehung Christi“ von der Hand des Nürnberger Malers Johann König, der mit seinen großformatigen Gemälden etwa für das Augsburger Rathaus bekannt wurde. Sein 1622 auf Kupfer gemaltes, 61 mal 46 Zentimeter messendes Bild besticht mit intensiv unwirklicher Farbgebung, welche die dramatisch belebte Komposition zusätzlich überhöht (Taxe 100.000/150.000 Euro).

Auch in einem von Antonio Bellucci geschaffenen, später von Tiepolo, wohl in Würzburg, übermalten Werk ist eine biblische Szene von Bedeutung: Das in ein Hochoval gefasste Gemälde zeigt den singende König David (180.000/200.000). So allegorisch wie volkstümlich dagegen geht es bei Jan Steen zu, der einen Satyr als ungewöhnlichen Gast einer Bauernfamilie zeigt (130.000/160.000).

Hier zieht der Rauch eine Linie

Auffällig ist in der Herbstofferte die Fülle der Stillleben. Der 1596 geborene Madrider Hofmaler Juan van der Hamen y León etwa schuf ein ausgewogenes ruhiges Arrangement aus reifen Äpfeln, Quitten, Pflaumen und Kirschen in einem Weidenkorb, das die Natur am Ende des Sommers aufs Schönste vorführt (180.000/200.000). Opulenz bestimmt eine von Jan van Kessel d.Ä. im Jahr 1653 geschaffene „Blumengirlande mit Verkündigung an die Hirten“: Der dunkle Grund des 143 mal 107 Zentimeter großen Gemäldes birgt erstaunliche 63 Blumensorten und sechzehn Insektenarten (160.000/180.000).

Dagegen besticht ein „Raucherstillleben mit Stövchen und Tonkrug“ von Jan Fris mit seiner klaren Komposition und viel leerem Raum, in dem ein letzter dünner Faden aus verlöschender Glut aufsteigt. Ein halbleeres Weinglas, ein verzehrter Granatapfel und ein Ass, das gerade noch auf der Tischkante balanciert, laden die Szene zusätzlich allegorisch auf (160.000/180.000).

Archäologische Fundstücke aus Ägypten

Ebenfalls am 17. November kommen achtzig Lose aus dem 19. Jahrhundert zum Aufruf. In ein üppiges purpurnes Samtgewand hüllt Carl Christian Vogel von Vogelstein den jungen Prinzen Albert, späterer König von Sachsen, mit seinem Holzpferd (120.000/140.000). Ohne jede Spur menschlicher Existenz kommt Spitzwegs dramatische Darstellung eines „Felsenkessel mit Wildwasser“ aus, die seine Beschäftigung mit der Barbizon-Schule spiegelt und die er nach einem Parisbesuch 1851 überarbeitete. Das auf 1833 datierte, aber nicht signierte Gemälde ist mit 71 mal 92 Zentimetern für Spitzweg ungewöhnlich groß (70.000/ 80.000).

Auch die Sektion Kunstgewerbe, die am 16. November zum Aufruf kommt, wartet mit einigen Raritäten auf: Erstmals seit fünfzehn Jahren bietet Lempertz ein Konvolut archäologischer Objekte aus Ägypten an, eingeliefert aus einer Schweizer Sammlung. Herausragendes Los ist eine „Trauernde“, eine 74 Zentimeter hohe, voll ausgeformte Holzstatue, deren feine Zeichnung von Gesicht und Haaren besticht - was das durch die Jahre dunkel patinierte Holz nicht verrät: Einst war die Figur wohl farbig über weißer Grundierung gestaltet; die Karbonanalyse legt ihre Entstehung zwischen 1600 und 1500 vor Christus nahe (160.000/ 200.000).

Perfekte Erhaltung zeichnet die Figurengruppe eines „Hethitischen Ochsenwagens“ aus, in Bronze gegossen in Anatolien im 2.Jahrtausend vor Christus: Zwei schlanke Rinder ziehen einen vierrädrigen Karren - für geschätzte 150.000 bis 180.000 Euro.

Der Humpen des Herzogs

Die Jubiläumsauktion beweist auch: Jede Zeit hat ihre eigenen Kulte. Aus einer der Moderne näheren Epoche stammt ein silbernes Reliquiar aus dem Besitz der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Das zierliche, neugotische Gefäß, ein Geschenk Papst Pius’IX. aus den Heiligtümern des Vatikan, wurde um 1860 in Italien gefertigt und fasst gleich drei Reliquien in sich (120.000/130.000). Mit barocker Fülle prunken weitere markante Silberobjekte.

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Der mit zahlreichen Medaillen und Münzen beschlagene Deckelhumpen für den Herzog von Bernstadt wurde 1620 gefertigt: Mit einem Leergewicht von mehr als zwei Kilo sucht das in Silber getrieben vergoldete Gefäß einen kräftigen neuen Besitzer (50.000/60.000). In der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts entstand das Figurenpaar der alttestamentarischen Hohepriester Aaron und Melchisedech. Sie bringen Weihrauch, Wein und Brot und faszinieren durch ihre realistische Anatomie (60.000/ 70.000).

Abgerundet wird das umfangreiche Programm von den 109 Losen der Sammlung Werner Jahn mit Objekten aus sächsischem Serpentin: eine der wenigen bürgerlichen Sammlungen ihrer Art. Lempertz versteigert das komplette Konvolut an Tellern, Bechern und Krügen aus dem ockerfarbenen, auch dunkelroten bis schwarzen Stein, das 2000 im Museum Schloss Belvedere in Weimar ausgestellt war (Taxen von 200 bis 6000 Euro).

Quelle: F.A.Z.

 

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