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Aktuelle Kunst in London Erinnerung an eine Stadt

Jeder kennt die großen Londoner Galerien. Aber immer wieder entdeckt man beim Gang durch die britische Hauptstadt überraschende Kunst-Orte und Ausstellungen – die von Sabine Moritz, Tala Madani und Mary Ramsden zum Beispiel.

Im Kunstbetrieb von London, der so chaotisch und labyrinthisch ist wie die Straßenführung der Stadt, findet man die interessantesten Dinge durch Zufall - eine Galerie zum Beispiel, wo eigentlich gar keine ist: In der Lower John Street hat die Organisation Art@Golden Square bis zum 20. Dezember einen temporären Ausstellungsraum für Sabine Moritz eingerichtet.

Hier zeigt die deutsche Künstlerin, die 1969 in Quedlinburg geboren wurde und heute in Köln lebt, eine Serie von Bildern und Zeichnungen, deren konzeptionelle Schönheit sich erst dann gänzlich erschließt, wenn man weiß, dass die meisten Arbeiten nicht vor Ort entstanden, sondern Werke der Erinnerung und Versuche über das Erinnern sind.

Sabine Moritz wuchs von 1973 bis 1981 in einer Plattenbausiedlung in Lobeda auf; 1985 siedelte die Familie aus der DDR in die Bundesrepublik über. 1991, zwei Jahre nachdem sie in Düsseldorf ihr Kunststudium begonnen hatte, begann die Tochter eines Chemikers, die Orte ihrer Kindheit aus dem Gedächtnis zu zeichnen; für eine weitere Serie ist Moritz dann später noch einmal nach Lobeda gereist und hat das Erinnerte mit Hilfe von gefundenen Bildern, alten Familienfotos und neu Entdecktem ergänzt.

Die ersten Zeichnungen zeigen die Einschulung, die Arbeitsstätte des Vaters - erinnert aus der Perspektive eines Kindes. Ein Spielplatz ist in leichter Aufsicht gezeichnet, man sieht die Klettergeräte, die rahmende Steilwand eines Plattenbaus, dann das Interieur eines Wohnzimmers: einen braunen Fernseher mit mattgrüner Mattscheibe, einen Holzschrank mit tropischer Maserung, dahinter die grob gewebte Gardine, den schmalen, nach stickiger Hitzluft aussehende Heizkörper. „Das waren ganz starke Bilder im Kopf“, erzählt Moritz in einem Interview mit Hans Ulrich Obrist, das in ihrer Publikation „Jena Düsseldorf“ (Verlag Walther König) erschienen ist; „ich hatte das Gefühl, ich könne da überall wieder langlaufen.

Es waren auch haptische Erinnerungen, das Gefühl des kalten Eisens der Klettergerüste, der komische Sand, in dem man als Kind herumgescharrt hat, die kalten, glatten Steinwände in einem Tunnel.“ Moritz zeichnet keine Abbilder von Orten, sondern Phänomenologien eines Kinderalltags, jene Details, die das Kind aus dem Gros der Eindrücke herausgefiltert und gespeichert hat: Ein zweiflügliges Fenster mit gegeneinander verdrehten Griffen, der Wohnungseingang neben der Fahrstuhltür, die geriffelte Glasvase neben dem Fernseher - die Zeichnungen all dieser Dinge sind Versuche, zu umkreisen, welche Bilder und Formerinnerungen, welche haptischen Eindrücke, welche Gerüche im Gedächtnis den Rahmen dessen bilden, was „Kindheit“ ist.

Zehn Fußminuten von hier entfernt, die Carnaby Street hinauf, in der Eastcastle Street, befindet sich die Galerie von Pilar Corrias. Hier war bis vor kurzem eine wunderbare Schau der Künstlerin Koo Jeong A zu sehen: Wer die Galerie betrat, wurde von einem Geräusch aufgeschreckt; es klang, als donnere eine U-Bahn direkt unter der Galerie hindurch oder als reiße man das Nachbarhaus ab. Schaute man genau auf die Wand, entdeckte man, dass sie vibrierte.

Das scheinbar Statische war so instabil wie die Membran eines Lautsprechers und gab dem Raum etwas lautlos Katastrophisches, als wirke ein Erdbeben, eine Katastrophe, ein großer Sprengstoffanschlag bis hier herein. Eine Etage tiefer, im Depot, zeigt Corrias eine Serie von Arbeiten des französischen Künstlers Philippe Parreno, der einen Automaten bauen ließ, der Marilyn Monroes Handschrift zu imitieren weiß, und damit Briefpapier des Waldorf Astoria Hotels mit irren Botschaften überziehen ließ.

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Daneben hängen Arbeiten von zwei Künstlerinnen, deren Namen man sich merken s0llte: Mary Ramsden, die aus Yorkshire stammt, gehört zu einer neuen informellen Malergeneration, für die hierzulande Künstler wie Sergej Jensen stehen, und knüpft an der Farbfeldmalerei und dem Minimal der sechziger Jahre an. Und Tala Madani, die 1981 in Iran geboren wurde und erstmals in der Younger-than-Jesus-Ausstellung im New Yorker New Museum zu sehen war, zeigt in ihren eigenwillig reduzierten, fast karikaturhaften Gemälden männliche Eigenarten, Rituale und Verhaltensweisen und ist vielleicht eine der ersten jüngeren Künstlerinnen, die Rituale der Männlichkeit in einer Gesellschaft zum Thema machen, in der Frauen immer noch, wenn überhaupt, nur in verhüllter Form zugelassen sind.

Quelle: F.A.S.

 
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