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Veröffentlicht: 27.09.2007, 16:15 Uhr

Kunsthandel Aus dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels: 1937 - Schicksalsjahr des Berliner Kunsthandels

Nach Berlin! In den zwanziger Jahren blühte der Kunsthandel in der Stadt - Cassirer, Thannhauser, Flechtheim, Nierendorf. Günter Herzog über die großen Kunsthändler und das schlimme Ende ihrer glanzvollen Ära.

von Günter Herzog
© ZADIK Expandierte Ende der 1920er Jahre nach Berlin: Justin Thannhauser im Jahr 1937

Voller Hoffnung und mit großen Erwartungen waren sie nach Berlin gekommen: im Jahr 1923 Karl Nierendorf aus Köln, um die Leitung des "Graphischen Kabinetts J. B. Neumann" zu übernehmen, im Jahr 1927 Justin Thannhauser aus München, um mit zwei Sonderausstellungen aus den Beständen der in München und Luzern ansässigen Galerie den Berliner Markt zu sondieren.

Karl Nierendorfs Beweggründe für den Ortswechsel lagen in den Schwierigkeiten, die der Galerie "Nierendorf Köln - Neue Kunst", die er gemeinsam mit seinem Bruder Josef zu Ostern 1920 eröffnet hatte, aus der desolaten wirtschaftlichen und politischen Situation nach dem Ersten Weltkrieg und der französisch-belgischen Besetzung des Rheinlands entstanden waren. Da kam ihm das Angebot von Neumann gerade recht, der nach Amerika übersiedeln und sich dort für die deutsche Moderne einsetzen wollte. Aus denselben Gründen wie Nierendorf, insbesondere wegen des neuen Luxussteuer-Gesetzes, war zwei Jahre zuvor Alfred Flechtheim nach Berlin gezogen.

Aufschwung in den 1920er Jahren

In Berlin begannen die Goldenen Zwanziger, und da gerade dort die meisten Kriegsgewinnler und die größten Profiteure der Inflation saßen, erlebte der Berliner Markt sogar einen regelrechten Aufschwung. Berlin, so hatte ihm Daniel-Henry Kahnweiler im Februar 1921 empfohlen, sei "der einzige Ort, an dem sich in Deutschland eine Filiale Ihres Geschäftes rechtfertigt", und Flechtheim solle sein Berliner Geschäft keinesfalls "auf französischen Künstlern allein aufbauen, auch nicht auf französischen und rheinischen allein - sonst schilt man Sie einen Separatisten".

zadik5 © ZADIK Vergrößern Eröffnung der Gauguin-Ausstellung in der Galerie Thannhauser 1928, der Kunsthändler selbst links im Bild

Zusammen mit seinem neuen Teilhaber Gustav Kahnweiler, Daniel-Henrys Bruder, hatte Flechtheim dann am 1. Oktober 1921 die Berliner Filiale am Lützowufer 13 eröffnet. Zwischen Lützowufer und Potsdamer Platz erstreckte sich damals Berlins Kunstmeile, und dorthin, in die Lützowstraße 32, sollte 1925 auch Karl Nierendorf umziehen, der sich recht schnell in Berlin etabliert hatte. Nachdem er von Neumann zunächst als Geschäftsführer eingestellt worden war, wandelten beide 1925 die Galerie als "Galerie Neumann-Nierendorf" in eine GmbH um und wurden gleichberechtigte Partner.

Der Idealist Karl Nierendorf

Besonders erfolgreich hatte Nierendorf schon in Köln Otto Dix vertreten - was ihm den Spitznamen "Nierendix" einbrachte, mit einem allerdings für beide Parteien nicht immer unproblematischen "Alleinvertretungsvertrag". Auch in Berlin liefen die Geschäfte gut, aber Nierendorf war einer jener Galeristen, für die ein geschäftlicher Erfolg in erster Linie Mittel für eine neue künstlerische Investition und nicht den Füllstoff für ein sattes Finanzpolster bedeutete. Diese allzu idealistische Disposition sorgte immer wieder für Konflikte in der Partnerschaft mit seinem Bruder Josef, den er 1926 nach Berlin holte.

In diesem Jahr 1926, am 10. Januar, wurde Paul Cassirer begraben, der drei Tage zuvor an den Folgen eines Suizidversuchs gestorben war. An seinem Sarg, aufgebahrt im Ausstellungssaal des "Kunstsalons Cassirer" in der Victoriastraße 35, sprach Justin Thannhauser, dessen Beziehung zu Cassirer weit über das bloße enge Geschäftsverhältnis hinausging. In Zukunft würde Thannhauser mit Grete Ring und Walter Feilchenfeldt verhandeln müssen, von denen nun die Firma Paul Cassirer und der gemeinsam mit Hugo Helbing betriebene Auktionshandel weitergeführt wurden.

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