Home
http://www.faz.net/-gqz-77lo1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Kunstdiebstahl Erbsenzählerei

Herausgehämmerte Mauerstücke und in Besuchertaschen gelandete Sonnenblumenkerne: Die Engländer haben es mit sehr speziellen Arten von Kunstkriminalität zu tun.

Zwei Fälle von Kunstdiebstahl halten die Engländer auf Trab. Die Aufregung um das in einer Nacht-und-Nebel-Aktion herausgehämmerte (und beinah versteigerte) Mauerstück des Graffitikünstlers Banksy ist einer davon. Auch in Bexleyheath, einem verschlafenen Ort nur wenige Kilometer von London entfernt, will man etwas wiederhaben. Der Aufruf richtet sich jedoch nicht an Vermummte und Hehler, sondern an alle, die im Oktober 2010 Ai Weiweis „Sunflower Seeds“ in der Tate Modern gesehen haben: hundert Millionen Sonnenblumenkerne aus handgefertigtem chinesischen Porzellan. Eigentlich müssten genug davon im Umlauf sein. Denn die rund 150 Tonnen grau-weißer Kerne lagen auf dem Museumsboden herum und warteten nur darauf, betrampelt und mitgenommen zu werden.

Die Sonnenblumenkerne werden sorgfältig getrennt präsentiert.

Doch nun inszeniert die Bexley-Heritage-Stiftung eine Rückholaktion mit Rückgabegarantie. Von April bis Oktober sollen die Samen in der Ausstellung „Couriers of Taste: History, Cultures, Collecting and Consumerism“ wiederverwertet werden. „Unsere Idee ist es, die Samen, die mitgenommen wurden, zu sammeln und wieder an einem Ort zusammenzuführen“, sagt die Sprecherin der Bexley Heritage Stiftung Caroline Worthington. Die Frage, wem diese gemopste Kunst eigentlich gehört, könnte angesichts der Banksy-Affäre kaum aktueller sein.

Die Sonnenblumenkerne, die Ai Weiwei in einer chinesischen Porzellanfirma in Handarbeit produzieren ließ, werden in der Ausstellung sorgfältig getrennt präsentiert, so dass jeder Leihgeber „sein“ Original wiederbekommt. Informationstafeln werden Aufschluss über die jeweilige Reiseroute des einzelnen Porzellankerns geben. Wo andere Diebe jagen, findet in London also eine mustergültige Katalogisierung der (anonymisierten) Beutestücke statt - „no questions asked“. In Sachen Verschwiegenheit und Diskretion sind sich die Kuratoren mit den Banksy-Auktionären in Miami einig. Einen frankierten Briefumschlag gibt’s gratis dazu. Ai Weiwei selbst ist diese Erbsenzählerei wahrscheinlich eher fremd. Er hat schon wieder neue Pläne: Mit dem chinesischen Rockmusiker Zuoxiao Zuzhou produziert er eine Heavy-Metal-Platte. Eines der Lieder wird den Titel „The Great Firewall of China“ tragen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Nicht dummstellen

Von Christian Geyer

Alle Beschwichtigungsrhetorik kann nicht darüber hinwegtäuschen: Der aktuelle Antisemitismus hat eine neue Qualität erreicht. Seine Wurzeln liegen in der Türkei und arabisch-islamischen Herkunftsländern. Ein Kommentar. Mehr 661