Im „Paradiso“ am Eingang der venezianischen Giardini trifft man, zwei Tage ehe die Biennale ihr Tore öffnet, auf Liam Gillick, den Briten, der eingeladen wurde, den deutschen Pavillon zu bespielen. Seine Bereitschaft, einige Sätze auf Deutsch vorzubereiten, sei eine Fehlinvestition gewesen. Denn amüsiert berichtet der Künstler, im deutschen Haus werde inzwischen nur noch englisch gesprochen. So darf es einen auch nicht verwundern, dass die Eröffnung des Pavillons zu einem grotesken Akt der Servilität geriet. Der deutsche Botschafter in Rom las seine Rede ausschließlich auf Englisch ab. Vielen verschlug es denn auch die Sprache, dass der Vertreter der Bundesrepublik sich nicht auf Deutsch und Italienisch ausdrücken wollte.
Gegen den Vorschlag, den Pavillon einem Ausländer anzubieten, ist nichts zu sagen. Nam June Paik hatte 1993 eine von der ganzen Biennale bewunderte Arbeit geliefert. In ihr plädierte er für das Nomadentum des Künstlers. Doch die Einladung an Gillick hat nichts mit dieser Offenheit zu tun, sie passt zum inzwischen stereotypen Exorzismus eines Hauses, das sich abstrampelt, einen Fluch loszuwerden. Denn seit den siebziger Jahren steht die Architektur des deutschen Pavillons, als übervoller Speicher der Erinnerung, regelmäßig im Mittelpunkt dessen, was gezeigt wird. Das war zunächst wirkungsvoll, setzte doch damit das ein, was man als Äquivalent einer neuen Historienmalerei bezeichnen kann.
Schauder der Erinnerung
Gerhard Richter führte 1972 siebenundvierzig lexikalische Geistesgrößen der Deutschen vor. Er konnte dazu als Repoussoir ein Gebäude gebrauchen, in dem Hitler, Thorak und Breker mit der „entarteten Kunst“ abgerechnet hatten. Auch die Installationen von Beuys, Kiefer oder Polke profitierten unübersehbar vom Schauer, den der fatale Erinnerungsort verströmte. Doch hätte man meinen können, Hans Haacke habe mit seiner Arbeit „Bodenlos“ eine abschließende Antwort gefunden. Der Künstler hatte im selben Jahr, in dem Paik den Platz um den Pavillon besetzen konnte, den Fußboden des Pavillons zertrümmern lassen.
Die inzwischen nur noch fetischistische Abstrafung einer Architektur bringt keine neuen Argumente. Gillicks Bretterkiste wirkt wie ein gutsortiertes Sarglager für verbrannte Ideen und Stimmungen. Vielleicht wäre das Geheimprojekt, bei der nächsten Biennale den deutschen und den französischen Pavillon zum Partnertausch zu verführen, eine Lösung. Dann käme es wenigstens zu einem reziproken Masochismus. Denn auch Frankreich suchte immer wieder gegen das eigene herzig-boudoirhafte, letztlich allzu unbedenkliche Haus Sturm zu laufen. Jean Nouvel, Christian de Portzamparc und Philippe Stark plädierten aus diesem Grunde vor zwanzig Jahren auf Abriss.