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Ausgrabungen in der Innenstadt : Ist Nürnberg viel älter als gedacht?

  • Aktualisiert am

Nürnbergs Geschichte muss umgeschrieben werden. Denn neue archäologische Funde legen nahe, dass die zweitgrößte Stadt Bayerns viel älter ist als bislang vermutet. Und die Forscher graben noch weiter.

          Sie ist klein, grau-schwarz und mit einer Wellenlinie verziert: Was für den Laien wie eine gewöhnliches Stück Keramik aussieht, hat bei Archäologen in Nürnberg für eine handfeste Überraschung gesorgt. Wegen der kleinen Tonscherbe musste die Geschichte der Frankenmetropole quasi über Nacht um rund hundert Jahre zurückdatiert werden. Die Scherbe stammt aus der Zeit zwischen 850 und 880 nach Christus, wie der Stadtarchäologe John Zeitler sagt. Bislang gingen die Experten davon aus, dass Nürnberg erst um 980 entstand. Und vielleicht ist die Stadt sogar noch älter.

          Gefunden wurde die Tonscherbe in einer Baugrube mitten in der Innenstadt - wenige Meter vom Hauptmarkt entfernt. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) will dort ihr neues „Haus der Wirtschaft“ errichten. Doch das wird noch ein bisschen dauern. Denn die Archäologen graben dort noch bis Ende Januar. Sie wollen noch etwa einen Meter tiefer kommen. Was sie dort noch finden, weiß niemand. „Wir könnten noch bis in die Zeit um etwa 800 zurückkommen“, sagt Zeitler.

          Ein idyllisches Dorf am Rand des Pegnitztals

          Die erste urkundliche Erwähnung Nürnbergs findet man auf einem Dokument aus dem Jahr 1050: Die sogenannte Sigena-Urkunde besagt, dass eine Frau namens Sigena, die Leibeigene des Adeligen Richolf, von Kaiser Heinrich III. freigesprochen wurde. Bisherige archäologische Funde legten nahe, dass die Besiedlung Nürnbergs Ende des 10. Jahrhunderts begann. Etwas nördlich der aktuellen Grabungsstelle am Hang der Kaiserburg fand man Spuren einer Siedlung. „Doch jetzt müssen wir diesen Beginn um gut 100 Jahre zurückverlegen, vielleicht sogar um 150 Jahre - das werden die weiteren Grabungen im Spätherbst ergeben“, sagt Zeitler.

          Was die Experten fünf Meter unterhalb der heutigen Straße gefunden haben, ist eine ganze Siedlung: Sie hatte wohl die Form einer Ellipse und war etwa 100 Meter breit und rund 150 Meter lang. Die Archäologen wollen einen Ausschnitt davon freilegen. Die Menschen lebten damals in eingeschossigen Fachwerkhäusern mit Reet- oder Strohdach. Dazu gab es viele Ziegenställe. „Das war ein idyllisches Dorf am Rand des Pegnitztals, das sich hier vor 1150 bis 1200 Jahren erstreckt hat.“

          Winziger Einblick in die Wirtschaftsgeschichte

          Die Siedler seien Slawen gewesen, die von Nordosten ins Pegnitz- und Rednitzgebiet eingewandert seien, sagt Zeitler. Sie hätten eine Vorliebe für flussnahe Siedlungen gehabt. Die Franken dagegen bauten lieber in den höheren Regionen, in denen es kein Hochwasser gab. „Diese unterschiedlichen Siedlungsgewohnheiten um 850/860 sehen wir an der Keramik, die wir hier gefunden haben.“ Im Laufe der nächsten 150 Jahre hätten sich Slawen und Franken dann vermischt.

          Die kleine Siedlung lag verkehrsgünstig - an einem Verbindungsweg vom Rednitztal nach Sulzbach. Man konnte so Beziehungen zur mächtigen Adelsfamilie der Sulzbacher Grafen aufbauen. „Diese Ost-West-Route wurde plötzlich interessant. Die Siedler konnten den Reisenden Dinge verkaufen oder ihnen eine Unterkunft anbieten sowie Nahrung und Dienstleistungen an den Pferden und Wagen.“ Für eine Siedlung sei es günstig gewesen, nicht nur Landwirtschaft betreiben zu können. „Wir können nun einen winzigen Einblick in die frühe Wirtschaftsgeschichte dieses Dorfes erlangen, das später Nürnberg heißen wird“, sagt Zeitler.

          Eine Gerberei aus dem 12. Jahrhundert

          Im Moment müssen sich die Forscher jedoch ein wenig in Geduld üben. Derzeit werden die jüngeren Schichten abgetragen. „Das 14. Jahrhundert ist jetzt weitgehend weg und jetzt arbeiten sich die Kollegen gerade durch das 13. und 12. Jahrhundert durch“, sagt Zeitler. „Das ist wie eine Buttercremetorte mit vielen Schichten: So wie der Konditor eine Schicht über die andere legt, so liegt hier durch die Bautätigkeit der Bevölkerung eine Schicht über der anderen.“ 20- bis 25-mal sei übereinandergebaut worden.

          An mehreren Stellen wird emsig gewerkelt. Mit Bagger, Schaufel und Pinsel arbeiten sich etwa 20 Archäologen einer Ingolstädter Grabungsfirma durch die Erde. Etwa in der Mitte der Baustelle sind sie auf eine Gerberei aus dem 12. Jahrhundert gestoßen - zu sehen sind noch Reste der großen Holzbottiche. „Dass es das hier schon so früh gab, hat man nie erwartet“, sagt Zeitler. „Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Archäologie: Dass man vorher nie weiß, was man findet“, sagt die 26-jährige Archäologin Teresa Losert.

          Für den Bauherrn wird es teuer

          Parallel zu den Grabungen werden Zeichnungen gemacht, damit später genau rekonstruiert werden kann, wo was gefunden wurde. Andere Kollegen waschen auf dem Boden sitzend die Fundstücke mit Zahnbürsten in kleinen Wannen. Körbeweise Keramik, Glas und Tierknochen stehen im Haus neben der Grabungsstelle. „Da sind auch vergoldete Weingläser aus dem 17. Jahrhundert dabei - es ist alles da, was das Herz begehrt“, sagt Zeitler. „Allein mit den Fundstücken von hier könnte man ein ganzes stadtgeschichtliches Museum füllen.“

          Für den Bauherrn sind die Grabungen eine teure Angelegenheit, die IHK muss die Kosten alleine tragen. Zeitler geht davon aus, dass es am Ende etwa eine Million Euro sein werden. Und auch der Umzug der Kammer verzögert sich. „Wir freuen uns, dass Nürnberg durch die Funde (...) um etwa 100 Jahre „älter“ geworden ist. Dennoch wirken wir mit Nachdruck darauf hin, dass die Arbeiten nun so schnell wie möglich abgeschlossen werden“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Markus Lötzsch.

          Quelle: dpa

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