23.08.2010 · Ein Künstler der Intensität, der immer unter Strom stand - und bis zuletzt gegen den verdammten Krebs gekämpft hat: Kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag ist Christoph Schlingensief gestorben. Er war einzig.
Von Volker WeidermannGanz kurz die Hoffnung: das ist nur eine verdammte Inszenierung. Das ist nur ein ausgedachter Irrsinn von ihm, um zu sehen, was passiert: Rufen wir mal Samstag nachmittag ein paar Journalisten an und erzählen denen „Schlingensief ist tot“. Und dann schauen wir mal, was passiert. Ob sich damit endlich mal wieder etwas in Bewegung setzen lässt. Und seien es nur ein paar sommerträge Redakteure.
Es ist keine Inszenierung. Der Theater-, Film- und Opernregisseur, der große Künstler Christoph Schlingensief ist im Alter von 49 Jahren gestorben. Er hat jahrelang gekämpft gegen den Krebs, versuchte jahrelang noch ein Leben zu führen, als ob nichts sei, baute in Afrika ein Opernhaus, schrieb ein Buch gegen den verdammten Krebs.
Gegen den Tod. Mit all seiner Wut und Energie und Kraft hat er dagegen angekämpft: „Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln“, hat er geschrieben.
Ein Leben unter Strom
So war sein Leben, dieses Leben unter Strom, mit der berühmten Frisur, die immer so aussah, als würde ihr Besitzer permanent in eine Steckdose fassen. Als Filmemacher fing er an, zunächst eher harmlose Humor-Filme, von denen er sich nur versprach, dass die Menschen darüber lachten. Doch nachdem er als Assistent zum Experimentalfilmer Werner Nekes kam, änderte sich sein Schaffen radikal.
Seine zwischen 1989 und 1992 entstandene „Deutschland-Trilogie“ mit den Filmen „100 Jahre Adolf Hitler“ und „Das deutsche Kettensägenmassaker“ waren eine erste Provokation - und seine ersten Arbeiten aus dem Forschungslabor der deutschen Mythen, in dem er sich später so gerne aufhalten sollte. Vor allem folgten diese Filme schon radikal dem Schlingensief-Impuls, jede Harmonie zu zerstören. Harmonie ist Stillstand. Erwartbarkeit. Langeweile. Bewegungslosigkeit. Tod.
Kaum jemand hat das Theater so ernst genommen wie Schlingensief
Sein ganzes Künstlerleben ist ein Leben der überraschenden Wendung. Sein größtes Arbeitsglück fand Schlingensief, als ihn Frank Castorfs 1993 als Theaterregisseur an die Berliner Volksbühne berief. Wer ihn hier einmal erlebt hat, in seinen Stücken „Rocky Dutschke 68“, „Schlacht um Europa“, wie er die Bühne stürmte, plötzliche Sekundenideen live ausprobierte, Inszenierungen plötzlich auf den Kopf stellte, der weiß, dass kaum jemand das Theater so ernst genommen hat, so geliebt hat wie Christoph Schlingensief, der angebliche Provokateur.
Und er musste immer weiter. Er hat einen toten deutschen Ort wie Bayreuth mit seiner „Parsifal“-Inszenierung belebt. Er ging nach Afrika und baute dort ein Opernhaus, gegen allen Spott, gegen alle Widerstände, gegen seine Krankheit. Und zuletzt hatte er den Auftrag, den deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig im Jahr 2011 zu gestalten. Er hat sich darauf gefreut: „Mit nationalen Repräsentationsorten habe ich ja meine Erfahrung“, hat er gesagt, „und ich habe eine gewisse Vorliebe für derart mythische Angelegenheiten.“
Alles hat er gewollt, nur nicht den Tod. „Weil ich da nicht mehr denken und arbeiten kann. Dann hänge ich vielleicht irgendwo zwischen den Sternen rum und kann nichts tun, würde so gern helfen oder etwas machen, aber kann nichts machen. Ich habe leider ganz große Angst vor diesem Himmel.“ Jetzt ist er dort. Und stört. Und bringt Bewegung in den Himmel. Uns fehlt er jetzt schon.
Volker Weidermann Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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