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Zum Tod von Maria Lassnig : Wenn sie sich malte, malte sie uns

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Die österreichische Malerin Maria Lassnig widersetzte sich allen Schulen und Strömungen. Erst spät erntete sie den Ruhm, den sie verdiente. Jetzt ist sie im hohen Alter in Wien verstorben.

          Maria Lassnig gehörte niemandem, nur sich selbst. Über sie wird gern geschrieben, sie sei Teil der Pariser Gruppe um André Breton gewesen oder sie habe in den fünfziger Jahren zur „Wiener Gruppe“ gehört. Sie fand jedoch Breton spießig, Paul Celan war sie zugeneigter. Ihr wichtigster Freund ist sicherlich Oswald Wiener gewesen. Lassnig, eine charismatische, zähe, eigenwillige, sperrige kleine Person, war überall Außenseiterin. Das gefiel ihr selbst am wenigsten (ärgern konnte sie sich gewaltig darüber).

          Wegbegleiter sagen, sie hatte Pech, weil sie in den sechziger Jahren in Paris malte, als die Stadt schon nicht mehr brodelte und der Pinsel in der Hand und die von Klecksen übersäte Jacke nicht angesagt waren. Und in den siebziger Jahren passte sie nicht nach New York und zum Minimalismus, weil sie trotz ihrer frühen abstrakten Bilder wie „Selbstporträt“ von 1957, auf dem farbige Flächen zu etwas Kopfartigem zusammengeschoben sind, den Körper im Bild nie losgelassen hat. Später versuchte sie sich mit Expression und Informel, doch immer wieder taucht sie selbst auf – immer sprach etwas wie ihr „Körpermund“ von 1959 für sie.

          Ein innerliches, formloses, aber spannungsgeladenes Etwas

          Den Ort und die Zeit und auch die Menschen, in deren Puzzle sie sich und ihre Kunst hätte fügen können, gab es nicht draußen; der lag in ihr. Das machte sie unbestechlich und inkompatibel mit Strömungen oder anderen Formen kanonischer Gleichmacherei – und gerade das war ihre unerschöpfliche Qualität, der sie schließlich doch in eine Gruppe führte: in die der schulenübergreifend wichtigsten Künstlerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Dazu gehört sie, zweifellos.

          Ihre Geschichte ist erst am Ende eine Erfolgsgeschichte geworden, die sie noch erlebte, weil es ihr vergönnt war, 94 Jahre alt zu werden. Ihr Aufstieg in den vergangenen Jahren war gewaltig. Bis ins letzte Lebensjahr hat sie gearbeitet, 2013 wurde sie mit dem „Goldenen Löwen“ für ihr Lebenswerk auf der Kunstbiennale von Venedig geehrt. Ihre Gemälde, Zeichnungen und Filme wurden früh auf mehreren Documenten gezeigt, doch erst zuletzt in München, Wien, Hamburg und Köln gefeiert.

          Was wir erst jetzt wirklich begreifen: Wenn sie sich malte, malte sie uns. Die Frage ihrer Bilder ist: Was ist das, was uns ausmacht, uns zusammenhält? Was heißt eigentlich „sehen“? „Empfindungen im visuellen Kanal haben? Lichtwerfende Gegenstände bemerken?“, fragt ihr Freund Oswald Wiener 1982 in einem Aufsatz. Sie hat uns ein Gemälde hinterlassen, das erst einmal öffentlich zu sehen war, das aber alles zusammenführt, worum es bei Lassnig geht: „Vom Tode gezeichnet“ heißt ein lebendes Menschenkleid aus dem Jahr 2011, das mit großen Händen ein Gesicht mit dem Pinsel bearbeitet.

          Auch im Angesicht des Todes von Maria Lassnig ist es kein deprimierendes, erschreckendes Bild, sondern offenbart, dass man das Innen nur im Lichte des Außen erkennen kann, aber eben auch umgekehrt. Maria Lassnig visualisierte ihre Körperempfindung, ein innerliches, formloses, aber spannungsgeladenes Etwas, und konfrontierte es mit der leiblichen Hülle, wie auf „Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt)“ von 2000.

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