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Zum Tod von Günter Behnisch Der Baumeister der deutschen Demokratie

13.07.2010 ·  Dem bauenden Größenwahn setzte er Anmut und Transparenz entgegen, er wollte nicht belehren, sondern ein Beispiel geben:Der Architekt Günter Behnisch ist jetzt im Alter von 88 Jahren gestorben.

Von Dieter Bartetzko
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Als 1990 der Bundestag beschloss, seinen Sitz im ehemaligen Berliner Reichstag zu nehmen, wandte sich der Architekt Günter Behnisch mit beschwörenden Appellen an die Politiker und die deutsche Öffentlichkeit. Mit drastischen Formulierungen, in denen manchmal Verzweiflung mitklang, warnte er vor dem Monumentalismus dieses in seinen Augen „menschenverachtenden größenwahnsinnigen wilhelminischen Bollwerks.“ Behnischs Wort wog schwer, denn er hatte 1981 den neuen Bonner Bundestag begonnen, eine offene Komposition aus Glas, grazilen Stahlträgern, geschmeidigen Treppenkaskaden und einem beschwingten Plenarsaal, der als Inbegriff der gereiften deutschen Demokratie galt.

Nicht die Tatsache, dass dieser Symbolbau schon bei seiner – um Jahre verspäteten – Einweihung 1991 von der Geschichte ad acta gelegt worden war, ließ Günter Behnisch so leidenschaftlich gegen den Reichstag sprechen. Es war vielmehr die Sorge, Deutschland könne zurückfallen in eine Art autoritärer Demokratie. Sein Weltbild, dem er in hinreißenden Bauwerken Gestalt verliehen hat, hatte 1972 endgültige Kontur gewonnen: In München fanden die Olympischen Spiele statt, die als „heitere Spiele“ das Berliner NS-Propagandaspektakel von 1936 vergessen machen sollten. So hatte denn Behnisch gemeinsam mit Frei Otto das Olympiagelände als Gegenbild zum ewigkeitssüchtigen steinernen Pathos der Berliner Anlage entworfen: beschwingte freizügige Riesenzelte statt starrer Bögen und gequaderter Heldentürme, geschlängelte breite Wege statt rigider Achsen und Aufmarschplätzen. Dass mit den siebzehn Toten des Mordanschlags der Fatah die brutale Wirklichkeit das Ideal zerriss, bestärkte Günter Behnisch in der Überzeugung, mit seinen architektonischen Mitteln zu einem Leben in Freiheit und Demokratie beitragen zu wollen.

Anmut des Wiederaufbaus

Mit diesem Vorsatz war er fünfundzwanzigjährig aus englischer Kriegsgefangenenschaft nach Deutschland zurückgekehrt, beladen mit den Traumata, die er als einer der jüngsten deutschen Marineoffiziere im U-Boot-Krieg erlitten hatte, das Bild seiner verbrannten Heimatstadt Dresden vor dem inneren Auge. Er ging nach Stuttgart, wo er bis 1951 an der technischen Hochschule studierte und anschließend ein Jahr im Büro des Architekten Rolf Gutbrod arbeitete. Gutbrod, geprägt vom versteinerten Funktionalismus der Stuttgarter Schule und der konservativ unterfütterten Moderne eines Paul Bonatz und Paul Schmitthenner, hatte sich von deren kompaktem Monumentalismus gelöst und schuf 1950 mit der lichtdurchfluteten Milchbar der Stuttgarter Gartenschau einen ersten Akzent, 1956 mit der schwungvollen Stuttgarter Liederhalle ein zentrales Monument der Anmut und Transparenz suchenden Wiederaufbaumoderne.

Diesen Weg setzte Günter Behnisch, seit 1952 selbständig, konsequent fort. Immer offener, beweglicher und zwangloser wurden seine Bauten. Seine Domäne waren zunächst – naheliegend bei seiner Arbeitsweise – Schulen und Universitäten, die er in Göppingen, Lorch, Schwäbisch Gmünd, Ulm und Freiburg weg von hierarchischer Ausrichtung und hin zu gemeinschaftlichen Arrangements führte. Nach 1972 galt Behnisch, obwohl er immer wieder den wesentlichen Anteil seines Partners Frei Otto betonte, mit Münchens strahlenden Olympiazelten als der Baumeister der Republik und ihres Selbstbilds schlechthin.

Bauen im Sinn des Humanismus

Wie diese Etikettierung scheute er auch die plumpe Gleichsetzung von Demokratie und Glas-Architektur, die deutsche Politiker und Architekturtheoretiker propagierten. Nicht belehrend, sondern beispielgebend wollte er bauen, Demokratie in Gestalt von Bauwerken nicht als starres Bild und zwingende Hülle, sondern als anpassungsfähigen und anregenden Rahmen für demokratisches Handeln schaffen. Die Ernsthaftigkeit, mit der er dieses Ziel verfolgte, die Hartnäckigkeit, mit der er immer wieder auf die braune Vergangenheit verwies, gegen die es mit einer humanen Moderne anzubauen gelte, samt der allgemeinen Bewunderung, die ihm das eintrug, machten Günter Behnisch zu einem Heinrich Böll der deutschen Architektur.

Was hätte einer wie er anfangen sollen mit den exaltierten Junge-Wilde-Attitüden der Dekonstruktivisten, die ihn zu einem der Ihren verklärten? Behnisch tat diese Ehren achselzuckend ab, erweiterte 1984 Frankfurts Postmuseum mit einem halb unterirdischen, lichtdurchfluteten und von gleitenden Treppen und Rampen beschwingten Zelt, wobei er Kritiker durch den respektvollen, fast liebevollen Umgang mit der Neorenaissance des Altbaus verblüffte, den er vorsichtig in die neuen Trakte einbezog. Im Jahr 1987 schuf er gemeinsam mit Karljosef Schattner in Eichstätt die Zentralbibliothek der Katholischen Universität, eines der raren Beispiele für das geglückte Miteinander historischer und zeitgenössischer Architektur in Deutschland.

Demokratie als Passion

Das, was Spätwerk heißt, ist bei Günter Behnisch überschattet vom Streit um den Primat von Glas oder Stein, der nach der Wiedervereinigung das Bauen in Deutschland jahrelang dominierte. Ein Brennpunkt war dabei sein Neubau der Akademie der Künste (1999 bis 2005) am Pariser Platz in Berlin. Entgegen der Gestaltungssatzung, die Steinfassaden forderte, entwarf er einen gläsernen Kubus, auf dessen Schaufront die einstige Kubatur als Liniengespinst erscheint. Einwände konterte er mit der verbitterten Formulierung „Wir wollten keine Assoziation an die Großkotzigkeit der Hitler-Architektur und der wilhelminischen wecken.“

Dass Behnisch, gemeinsam mit Werner Durth, aus Respekt vor der Geschichte die Fragmente des Altbaus und sogar die berüchtigten Atelierräume Albert Speers integrierte, geriet aus dem Blick. Noch einmal ungeteilten Beifall fand Behnischs St. Benno Gymnasium in Dresden, mit dem er 1996 seiner Geburtsstadt ein für dortige Verhältnisse extravagantes, aus Wandscheiben, Rampen und Schrägen locker gefügtes Gebäude schenkte. Am vergangenen Sonntag ist Günter Behnisch im Alter von 88 Jahren gestorben. Mit ihm hat die Republik einen der letzten Architekten verloren, für die demokratisches Bauen keine Pose, sondern Passion war.

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