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Zum Tod von Bernd Becher : Jäger einer verschwundenen Welt

Mit ihren Bildern machten Bernd und Hilla Becher auf eine unerbittliche Weise das Übersehene sichtbar. Großformate, Farbe und digitale Bearbeitung waren für sie tabu. Zum Tode des Fotokünstlers Bernd Becher.

          Der Gang in die Ateliers und Archive, die Bernd und Hilla Becher in der Alten Schule in Kaiserwerth eingerichtet haben, die Gespräche am riesigen Tisch gehören zu dem, was man nicht vergessen will. Immer ging es hier um die Ordnung flüchtiger Dinge und die Erinnerung an verlorene Orte. Aus diesem Grunde hat es etwas zutiefst Anrührendes, dass der so sachliche Arbeitsplatz, an dem Bernd und Hilla Becher wie ein siamesisches Zwillingspaar ihrer unteilbaren Passion nachgingen, an eine salische Pfeilerbasilika stößt.

          Werner Spies

          Freier Autor im Feuilleton.

          Denn liefert nicht die dreischiffige Suitbertuskirche am Kaiserswerther Stiftsplatz das Symbol für das, was die großen Künstler in ihrer beispiellosen Komplementarität suchten, ein nunc stans, eine Ewigkeit im Augenblick? In dem spartanischen, wohlgeordneten Haus begegnete der Besucher dem, was die unverwechselbare Entdeckungsreise der Fotografen bestimmt: Er stand plötzlich mit dem Rücken gegen die verflossene, entwertete Zeit. In Tausenden von Aufnahmen haben Bernd und Hilla Becher Industriearchitekturen dokumentiert. Sie zeigen, wie Zeugen der Schwerindustrie, Fördertürme, Kalköfen, Wassertürme, Getreidesilos, Hochöfen, Kohlebunker, Gasbehälter verschwinden und ersetzt werden.

          Eiskalte Repertorien der industriellen Welt

          Im Laufe der Jahre entstehen, von kaum jemandem wahrgenommen, eiskalte Repertorien der industriellen Welt. Darin tauchen die Produktionsstätten auf, die unwiederbringlich hinter Börsenberichten und Bilanzen verschwunden waren. Bernd und Hilla Becher taten ihr Werk mit einer Unparteilichkeit, die auf subjektive Eingriffe verzichtete. Wie in August Sanders Sammelwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ ging es um Fülle und Typologie. Bei der Arbeit gab es auch keine nationalen Grenzen. Die Fotografen zogen immer gemeinsam in andere Länder, in andere Kontinente, um bei ihrem Sammeln die transzendentalen Kategorien aufzuspüren, die den Erfindungsgeist der Industrialisierung zu veränderten Formen zwang.

          Ein immer gleiches gedämpftes Streulicht lässt die Wassertürme oder Kohlebunker nur leicht hervortreten. Der Blickpunkt wird so gewählt, dass sich das Motiv ruhig in die Bildmitte einschreibt. Nirgends spielen die Fotografen mit der Vereinzelung, die, wie in der pittura metafisica, eine irreale Stimmung zustande bringen könnte. Schattenwurf und Dramatik werden vermieden. Sonnenaufgänge, Landschaft, Gewitter, Rauch und Spuren von Arbeit fehlen; und dort, wo in den Sommermonaten ein Baum einen Giebel auflockert und eine Form unleserlich macht, beginnt ein geduldiges Warten auf Herbst und Winter. Nur kahle Zweige befingern die Fassade.

          Vom Menschen selbst fehlt jede Spur

          Von der Arbeitswelt, vom Menschen selbst entdecken wir keine Spur. Es ist eine Welt, die auch die Neutronenbombe in diesem Zustand übrig lassen würde. Man spürt, dass die Suche nach dem Standort und der Umgang mit Belichtungszeit nichts mit der Ermittlung von Aktualität zu tun haben möchten. Im Systematischen der Technik und in der Beschränkung auf ein Motiv drückt sich etwas Fatales aus. Die gleichbleibende Einstellung der Kamera, die die Frontalität, Symmetrie und Redundanz der Formen hervorhebt, bringt eine Unerbittlichkeit zustande. Die Melancholie der Gespräche, die sich in dieser Welt von gestern verfing, unterstrich, dass die Künstler Bildern hinterherliefen, die nicht mehr der Jetztzeit angehörten.

          Denn eigentlich erreichen die abertausend Konstellationen, die in diesem Planetarium von Industrieformen erscheinen, unser Auge mit Verspätung. Sie scheinen von dem Licht längst erloschener Sterne erhellt zu werden. Das Inventar, das Bernd und Hilla Becher anlegen, ist so besehen alles andere als optimistisch. Man könnte auch nicht sagen, dass es den Einfallsreichtum der Ingenieure feiert. Mit einem Schlag lässt sich Platonismus mit den Händen greifen.

          Es geht um das Übersehene

          Es geht ihm zu einer Zeit, da sich die Maler mehr und mehr auf eine innere Sicht zurückziehen, um das Übersehene. In diesem Augenblick wird die Begegnung mit seiner späteren Frau Hilla Wobeser entscheidend. Die Fotografin gibt ihm die Mittel, um zu einer neuen, unterkühlten Auseinandersetzung mit dem Sujet vorzudringen. Die Trauerarbeit verzichtet auf Larmoyanz, die sich an das Vergehen des physischen Lebens heften könnte. Das Werk projiziert die Tristesse in die Dinge. Vergessen wir nicht, es ist die Zeit des Nouveau Roman und der Nouvelle Vague, die Zeit, die alles Psychologisieren zensiert.

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