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Zum Tod von Antoni Tàpies : Bis zum allerletzten Augenblick

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Der häusliche Revolutionär: Seine Kunst ist ein schroffes Plädoyer für Demokratie, Meinungsfreiheit und Frieden. Mit dem Tod des katalanischen Künstlers Antoni Tàpies geht eine Epoche zu Ende.

          Seine Kunst sei wie ein Strom, sagte Antoni Tàpies in einem der letzten Gespräche, jedes seiner Werke entstünde aus einem anderen - als Gegenposition, als Variation, als Korollarium. Diese Sicht auf sein Oeuvre als etwas Prozesshaftes, Offenes, Fragmentarisches offenbarte sich vor allem in seinem Atelier, wenn die Werke dort noch im Zustand ihres Entstehens auf dem Boden lagen, während andere schon gegen die Wand lehnten. Dort zeigte sich auch am deutlichsten das Gegensätzliche im Temperament des Künstlers, die strenge Hermetik und Dunkelheit seiner Werke und die dadaistische Materialkunst.

          Im Bewusstsein der Öffentlichkeit reduziert sich Tàpies’ Werk auf die frühen Materialbilder, die Werke der Mauern und verschlossenen Türen, wie sie in vielen Museen und Privatsammlungen anzufinden sind. Es reduziert sich auf den jungen Tàpies der ausgehenden fünfziger und vor allem der sechziger Jahre. Seine haptische Materialsprache, die man damals als Ausdruck größter Radikalität empfand, wurde mit jeder Auszeichnung immer mehr der Avantgarde entzogen und einer klassischen Moderne zugeordnet. Aber sie blieb bis zum letzten Werk des Künstlers Ausdruck einer fortwährend im Aufruhr begriffenen Kunst.

          Denn künstlerische Produktivität war Tàpies bis zuletzt ein existentielles Bedürfnis. Über dem Arbeitseifer vergaß er, wie sehr die physischen Kräfte nachließen, dass sie eigentlich gar nicht mehr ausreichten für die Anstrengungen, die ihm das Auftragen und Bearbeiten der zähflüssigen Substanzen abverlangte, die ein Arbeiten am Boden erforderte, dazu der enorme körperliche Einsatz im Umgang mit den großen Formaten. Wer ihn in diesem Zustand erlebte, konnte die produktive Kraft kaum fassen. Am Ende wollte er, der viele Interessen hatte, nur noch eins: Malen, auch wenn er diesen schöpferischen Prozess als etwas Leidvolles erlebte.

          Ernste, den Widerstand formulierende Kunst

          Die ersten großen Ausstellungen, die den Erfolg von Antoni Tàpies bewirkten, fallen in die sechziger und siebziger Jahre, als dieses Werk in den westeuropäischen Ländern, in Nord- und Südamerika und in Japan geradezu triumphal aufgenommen wurde. Die Initialzündung gaben vor allem die Documenta von 1964, bei der Tàpies in einem eigenen Raum acht große Materialbilder zeigte. In den siebziger Jahre folgten internationale Ehrungen, nach Ende der Franco-Diktatur auch aus seinem eigenen Land.

          Auffallend ist die frühe Rezeption seines Werks gerade in Deutschland. Ein Großteil der Werke bleibt allerdings im Verborgenen, denn es waren die Privatsammler, die sich früh für die unbequeme Kunst begeistern ließen. Zu verdanken ist das auch dem Einsatz von Alfred Schmela, der 1957 die erste Einzelausstellung zeigte. Mit einem zeitlichen Abstand von nur fünf Jahren folgte ihm Werner Schmalenbach, der 1962 in der Kestner Gesellschaft Hannover jene Reihe der umfassenden Museumsausstellungen anführte, die im Guggenheim Museum in New York, im Kunsthaus in Zürich und im Museo de Bellas Artes in Caracas stattfanden. Dennoch erstaunt rückblickend die Begeisterung für diese schroffe Kunst, in deren rauen Oberflächen anders als bei Fontana oder Manzoni ein spürbarer Widerstand formuliert war, ja sogar etwas Gewaltsames. Diese ernste, farbreduzierte erdige Kunst, die, seit das Material zu ihrem wesentlichen Ausdrucksträger wurde, alle tradierten Werte von Malerei sprengte, sensibilisierte unsere Augen für eine Ästhetik des Zerfalls.

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