Sein Werk wurde gerade wiederentdeckt: In Venedig wird man einige seiner Arbeiten auf der Architekturbiennale, die in der kommenden Woche eröffnet, in der langen dunklen Halle der alten Arsenale sehen können - Stelen, die im Halblicht an dunkle Pfähle erinnern, bis man erkennt, dass es sich um halbabstrakte Figuren handelt. Hans Josephsohn arbeitete lange in einer erstaunlichen Abgeschiedenheit. Erst eine Einzelausstellung am Stedelijk in Amsterdam 2002 machte ihn einem größeren Publikum bekannt.
Im Jahr 1920 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Königsberg geboren, konnte er nach einem Aufenthalt in Florenz 1938 in die Schweiz fliehen. Ähnlich wie Giacometti beschäftigte sich Josephsohn mit der menschlichen Figur: mit der Frage, wie das Eigene einer Figur, ihre Mimik, das schwer fassbare Zusammenspiel von Gesten, hastigen Bewegungen, den Eigenarten, auf eine bestimmte Weise zu gehen, den Kopf zu bewegen, die Stirn zu runzeln - wie all dies übersetzbar wäre in eine statische Form. Die Spuren dieser Suche nach einem Ausdruck finden sich in vielen seiner Werke, meist Gipsarbeiten, in deren Oberflächen der Prozess der formenden Suche, die Spur der Finger, eingeschrieben ist. Die Gesichter scheinen sich - ähnlich einer Figur in der Graphik, deren Konturen sich aus einem vielfach überlagerten Dickicht suchender, kreisender Linien herausschälen - auch in der fertigen Plastik eben erst abzuzeichnen. Jede minimale Bewegung des Lichts verändert den Eindruck der Figur. So wirken Josephsohns Figuren geisterhaft lebendig.
Einer seiner Freunde schrieb in der „Neuen Zürcher Zeitung“, diese Verlebendigungen des nachgeformten Gesichts seien auch ein Versuch gewesen, mit dem Schmerz umzugehen, dem Verlust der geliebten Familie und den Morden der Nationalsozialisten. Die Architekturbiennale wird jetzt auch zu einem Abschied. In der Nacht zum Dienstag ist Hans Josephsohn in Zürich gestorben.