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Zum Tod von A.R. Penck : Sprengmeister mit System

A.R. Penck (1939 bis 2017), im März 1992. Bild: Barbara Klemm

Er suchte nach dem Archetyp und dem utopischem Modell: Zum Tod des Malers, Bildhauers, Schriftstellers und Free-Jazzers und mitreißenden Charismatikers A.R.Penck.

          Die Größe eines künstlerischen Entwurfs teilt sich in der kleinsten Form oft klarer mit als im monumentalen Format. Bestes Beispiel dafür sind die zahlreichen Skulpturen aus Kartons und Sardinenbüchsen, die der Künstler A.R.Penck als Anfang Dreißigjähriger schuf: Dinge zwischen Bastelwerkstatt und utopischem Modell, ein Programm ästhetischer Abrüstung, das es erlaubt, dem Griff der Ideologie zu entgehen, einschließlich der linearen Fortschrittserzählungen der Avantgarden.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Reichtum dieses Werks wurde ja unter dem eigenen Markenzeichen verdeckt: Wer beim Namen Penck nur an Strichmännchen denkt, die sich zwischen Symbolen, Zahlen und Buchstaben auf der Leinwand zu behaupten suchen, der sollte sich noch einmal die „Standart Modelle“ mit ihrer kecken, armen, Odradekhaften Materialität vornehmen, die der an allen Akademien abgelehnte Penck zwischen 1972 und 1973 schuf. „la peinture/ de la cybernétique/ a l’ère“ steht auf Zeitschriftenschnipseln, die auf einen schwarz angemalten Karton geklebt sind: Malerei des kybernetischen Zeitalters. Damit umriss der 1939 in Dresden geborene A.R.Penck knapp und treffend gleich sein ganzes künstlerisches Programm.

          Technologie und Archaik waren für ihn kein Widerspruch

          Denn Norbert Wieners Theorie der Steuerung von Maschinen, Organismen und Gesellschaften mithilfe der Informatik inspirierte Penck bei seiner Suche nach einer universalen Sprache der Kunst. Diese Suche hatte ihn zunächst durch alle Tiefen der (Kunst-)Geschichte, vor allem in der intensiven Auseinandersetzung mit Picasso, von der seine frühen Zeichnungen zeugen, aus der Eiszeit der realsozialistischen Gegenwart zur steinzeitlichen Höhlenmalerei geführt. 1968, als es galt, seine Werke für die erste Ausstellung bei Michael Werner in Westberlin auszuführen, nahm der als Ralf Winkler geborene den Namen des Geologen und Eiszeitforschers Albrecht Penck (1858 bis 1945) an. Technologie und Archaik waren für ihn kein Widerspruch: „Ich habe eine gewisse Analogie gesehen zwischen abgelagerter Information und Geologie“, erklärte er im Rückblick.

          „Weltbild1“ von 1961 zeigt steinzeitliche Figuren beim Spielen, Kämpfen, Rechnen, Bauen und Lieben über einer zerfurchten hellbeigen Grundierung auf blutrot glühender Erde. Und durch seine „Standart“-Bilder im immer gleichen Format geistern später die verschiedensten Zeichen, Zahlen, Buchstaben und Pfeile, während in der Mitte immer das gleiche Strichmännchen je drei Finger hochhält. Der Doktrin des sozialistischen Realismus mit seinem Terror der Zentralperspektive begegnete Penck durch das Sprengen der Bildeinheit in individuelle Einzelteile und das parataktische Nebeneinanderstellen signalhafter Archetypen, die unabhängig von Kultur und Bildung verstanden werden können sollten – und das vor Keith Haring und Jean-Michel Basquiat. Diese Einzelelemente wurden durch Komposition, Peinture und das Hinzufügen von Sprache dann wieder in Spannung gesetzt, bis hin zu ausufernden Diagrammen, die Lehrtafeln ähneln: Erst die Reduktion auf die Urform; dann der Rückbezug auf die Gesellschaft der Gegenwart.

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