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Zum Tod von Stefan Moses : Das Leben als Aufgabe, die nicht zu lösen ist

Selbstporträt aus dem Band „Stefan Moses. Deutschlands Emigranten“, Nimbus Kunst und Bücher, Wädenswil, 2013 Bild: Stefan Moses

Seine Aufgabe war es, Menschen zu fotografieren, bevor sie verlorengehen – den kleinen Mann wie die großen Deutschen. Zum Tod von Stefan Moses.

          Mit Stefan Moses bekannt zu sein bedeutete, ihn zum Brieffreund zu haben. Mal landeten Ansichtskarten im Postkasten, mal Briefe oder Päckchen; irgendwann begann er, seine Grüße zu faxen. Das meiste war auf der Schreibmaschine getippt, und es war eine gewisse Ähnlichkeit zu erkennen zu der Art, wie er fotografierte. Hier klick, klick, klick, dort klack, klack, klack, haben seine Fotos wie seine Briefe eine beängstigende Nähe zur Perfektion. Und dennoch traute Moses dem Gezeigten so wenig wie dem Geschriebenen, weshalb er bei seinen Fotografien, wann immer es möglich war, Varianten des Motivs hinzufügte, so wie er die sauber getippten Briefe um handschriftliche Notizen ergänzte. Einmal waren es die Wörter: „täuscht gerne.“

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es könnte auch alles ganz anders sein, sollte das bedeuten: anders gezeigt werden, anders gesagt, anders gedacht – und dass es die letztgültige Wahrheit nicht gibt. Dafür hatte er sogar einen eigenen Begriff erfunden, mit dem er den für die Fotografie vermeintlich so bedeutenden „moment décisif“, also den entscheidenden Augenblick, in Frage stellte. Er sprach vom „moment fugitif“, dem fliehenden Moment, den er gerade noch erwischt habe. Um diese Bewegung war es ihm zu tun, nicht darum, den Zeitfluss anzuhalten, sondern ihn in Reihungen, Bildgeschichten, Sequenzen und Büchern wiederzugeben. Sie heißen „Deutsche“, „Deutsche Vita“ oder „Deutschlands Emigranten“ und zeugen heute nicht allein von erlebten Geschichten, sondern zugleich vom Lauf der Geschichte selbst.

          Auch ihrer Flucht? Viele dieser Fotografien sind eingezogen ins kollektive Gedächtnis: der müde blickende Theodor Adorno vor einem Spiegel, die verlegen lachenden Straßenbahnschaffnerinnen vor einem grauen Tuch, Franz Josef Strauß, der eine Hantel balanciert. Trotzdem bezeichnete Moses hervorgehobene Einzelbilder immer bloß als Erinnerungshilfe an verwehte Zeitspuren. Künstlerisches Selbstbewusstsein stellt sich anders dar. Und so konnte er bei allem Humor und aller Ironie nie sein Hadern mit der Welt verbergen. Als habe er das Leben als eine Aufgabe begriffen, die nicht zu lösen ist. „Ach, lass mal, Luise“, schrieb er lakonisch an den Schluss einer seiner Postkarten – eine Stelle aus „Effie Briest“, die bei Fontane in die Erklärung mündet: „Es ist ein weites Feld.“

          Ein monumentales Gesamtporträt

          Stefan Moses kam 1928 in Schlesien zur Welt. Als er wegen eines Schulverbots durch die Nationalsozialisten das Gymnasium 1943 verlassen musste, half er in Breslau einer Kinderfotografin in deren Atelier aus und ging, nach zwei Jahren in Zwangsarbeiterlagern, von 1945 an bei ihr in die Lehre, da war sie mittlerweile nach Erfurt gezogen. Das Nationaltheater Weimar war seine nächste Station, als Bühnenfotograf, doch schon 1950 landete Moses in München, wo er den Rest seines Lebens zu Hause war. Zum Credo wurde ihm der Satz, dass er „lieber in Passau als in Sydney“ fotografiere: „Bloß nichts Exotisches!“

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