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Zum Tod von Mel Ramos : Seine Frauen gibt es nicht

Pygmalion und sein Pin-up: Mel Ramos (1935 bis 2018) Bild: Imago/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Er machte das Pin-up zu seinem Markenzeichen, in seinen teils großformatigen Gemälden, auch in Polyester-Plastiken: Zum Tod des amerikanischen Künstlers Mel Ramos

          Mel Ramos hat sein Leben lang an die Westküste Amerikas gehört, wo er am 24.Juli 1935 in Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens, geboren wurde. Auch dort setzten sich die Künstler, sein Lehrer war der großartige Wayne Thiebaud, vom herrschenden abstrakten Expressionismus ab, indem sie sich der Gegenständlichkeit forciert zuwandten. Und wie Andy Warhol in New York an der Ostküste entdeckte Mel Ramos die Oberflächenreize, wie sie die Werbung mit ihren Ästhetiken – die als solche überhaupt erst identifiziert wurden – bereitstellte. Es war Anfang der sechziger Jahre. Er hatte früh einigen Erfolg; im Jahr 1963 trat er in der Gruppenschau „Pop! Goes the Easel“ im Contemporary Art Museum in Houston, Texas, an – gemeinsam mit Warhol, Roy Lichtenstein und James Rosenquist.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wie sein Lehrer Thiebaud Törtchen, Lollies und Eistüten zu Sujets auf seinen Leinwänden machte, fand Ramos zum Pin-up. Er war keineswegs dessen Erfinder, die Bilder für die Spinde und andere Orte der Betrachtung gab es längst, aber er machte das Pin-up zu seinem Markenzeichen, in seinen teils großformatigen Gemälden, auch in Polyester-Plastiken. Unverkennbar sind diese Weibs-Bilder, sämtlich Schwestern von „Wonder Woman“ in ihren kraftvollen Körpern, die sich übrigens angenehm in ihren Formen von aktuellen Idealgestalten abheben. Ernstzunehmen waren sie nie: Dass eine junge schöne Frau, die ein wenig die Züge von Raquel Welch trägt, sich in ein konisches Martiniglas faltet, während die notorische Olive am Zahnstocher danebenliegt, ist keine Option. So wenig wie eine unglaubliche Blonde aus einem „Lucky- Strike“-Zigarettenpäckchen herausguckt. Wer sich in die Welt der „Mad Men“-Serie versetzt sieht, liegt zeitlich und inhaltlich genau richtig.

          Mel Ramos hat diese Epoche eingefangen in seinen Pin-ups, in ihren unmöglichen Lagen, sei es auf einem Nilpferd oder auf einer Cohiba. Doch seine Bilder sind nie eine Beleidigung für weibliches Selbstverständnis. Sie sind, im Gegenteil, starke Geschöpfe, womöglich sogar nicht nur virilen Phantasien entsprungen. Dazu kommt, dass Ramos’ Imagines niemals Wirklichkeit anstreben; diesen entscheidenden Punkt verkannten die immer einmal wieder aufflackernden Skandale. Es geht um Kommentare voller Ironie auf die Warenwelt, von lebensgroßen Zündkerzen über Ketchupflaschen bis zu Hamburgern, ohne sinistren Beigeschmack. Darin unterschied sich Ramos tatsächlich von seinem ungefähr gleichaltrigen Kollegen Allen Jones, der dem Brit Pop zugerechnet wird und mit seinen Ledersitzpolstern und Glastischplatten auf den Rücken kniender und kauernder Frauen in Lackmontur guten Stil stark strapaziert.

          In den späteren Jahren büßten Ramos’ Geschöpfe ihre ewig lächelnde Unschuld ein; sie wurden etwas altmodisch. Mit den vorsätzlich nicht zu Ende ausgeführten Akten der „Unfinished Paintings“ in den Neunzigern versuchte er mit wenig Glück, einen neuen Weg einzuschlagen. Es blieb ihm schließlich nur, sich selbst zu kopieren. Seit einigen Jahren wurde er gewissermaßen künstlerisch rehabilitiert und entsprechend vom Markt geadelt. Aber er wurde nie in den Kanon aufgenommen, den die Kollegen von der Ostküste für sich gepachtet haben. Eigentlich schade. Am vergangenen Sonntag ist Mel Ramos im Alter von 83 Jahren im kalifornischen Oakland gestorben.

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