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Zum Tod von Mary Ellen Mark : Die Menschen am Rande

Ihr war kein Leid fremd, und ihre Aufmerksamkeit galt den Menschen am Rande. Mary Ellen Mark betrachtete die Welt durch den Schutzschirm ihrer Kamera. Nun ist sie mit 75 Jahren gestorben.

          Mein Interesse“, erklärte die Fotografin Mary Ellen Mark bei Gelegenheit, „gilt einzig den Menschen am Rande.“ Das war milde formuliert. Wer durch ihre Bildbände blättert und ihre Zeitschriftenreportagen vor Augen hat, könnte leicht vom Glauben an die Welt abkommen. So viel Elend, so viel Verzweiflung. Sie aber, sagte sie, fühle eine Nähe, geradezu eine Verwandtschaft zu Menschen, die nicht die besten Ausgangspositionen hatten. Und so sind ihre Bilder über all die kunstvollen Kompositionen hinweg geprägt von einer überraschenden Wärme. Die vielbeschworene Würde, von der angesichts seriöser Sozialreportagen aberwitzig oft die Rede ist, soll hier deshalb nicht herangezogen werden.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Mary Ellen Marks Zugang war menschliche Nähe, nicht respektvolle Distanz. Fast möchte man ihre Aufnahmen als Bilder aus einem Familienalbum bezeichnen. Bloß dass diese Familien im Bordell wohnen, in der psychiatrischen Anstalt, im Heim von Mutter Teresa oder in einer schrottreifen Limousine, mit der sie ziellos durchs Land fahren.

          Man empfand sie nicht als Bedrohung

          Hunger und Lepra, Wahnsinn, Aids und Drogensucht – kein Leid war Mary Ellen Mark fremd. Die Kamera wurde ihr dabei mehr als einmal zum Schutzschirm, die Wirklichkeit zu ertragen. Und ein wenig war es wohl auch so, als gebe sie ihr das Recht, intensiv hinzuschauen, wovor andere den Blick abwenden. Aber nicht zuletzt, dass sie eine Frau war, ermöglichte ihr Zugang zu privatesten Momenten. Man empfinde sie nicht als Bedrohung, sagte sie. Und bisweilen entstanden sogar Freundschaften. So kehrte sie nach Jahren an manche Orte zurück, um noch einmal zu fotografieren.

          Dann wurden die Reportagen besonders intensiv, auch besonders hart. Denn es gab kein Vorher-Nachher. Selbst dort, wo ihre ersten Bilder zu einer Spendenflut führten, hatten die Familien das Geld längst wieder verprasst. Der Illusion, die Welt zu verbessern, war Mary Ellen Mark deshalb nie verfallen. Aber es sollte niemand sagen können: Das habe ich nicht gewusst.

          Als immer weniger Illustrierten Interesse an Bildgeschichten hatten, die „schwer anzuschauen“ sind, wie sie es nannte, fand sie ihr Einkommen auf anderen Feldern – mit Porträts, bei Firmenzeitschriften, auch auf dem Kunstmarkt. Aber stets finanzierte sie damit nur wieder ihre Ausflüge an den Rand der Wohlstandsgesellschaft. Für den Herbst ist ihr letztes Buch angekündigt: „Tiny – Streetwise Revisited“, Folgeband eines ihrer Klassiker. Jetzt ist Mary Ellen Mark nach langer Krankheit im Alter von fünfundsiebzig Jahren gestorben.

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