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Zukunft der Museen Nehmt euch das Netz!

 ·  Auch die Welt der Bilder werden Google & Co bald beherrschen. Denn viele Museen drohen den Kampf um die Deutungshoheit im Internet zu verschlafen. Es ist fünf vor zwölf.

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© Jörg P. Anders Antonio del Pollaiuolos „Profilbildnis einer jungen Frau“, angepriesen von der Berliner Gemäldegalerie auf Facebook.

In der Welt der Bilder tobt ein Kampf, und das Interessante daran ist, dass die Beteiligten nicht begreifen, was gerade geschieht. Es ist ein Kampf um Deutungshoheiten und um Geld; die Kontrahenten heißen Museum und neue Medien, und die Frage ist, wie die Kunst aus dem Museum im Internet verbreitet wird. Die Frage ist auch interessant, weil beide, das Museum und das Internet, Speicher sind: Beide bestimmen, was an Bildern gezeigt, was aufgehoben, was vergessen wird. Das Internet ist selbst eine Art Übermuseum: Wie reagiert das klassische Museum auf die Herausforderung, auf Besucher, die per Klick zur Kunst kommen wollen?

Herausforderung Bilderwelt Internet

Sicher: Die Museen geben ihr Bestes, ihre Bestände in der realen Welt ansprechend zu präsentieren. Sie renovieren ihre Häuser, bauen für viele Millionen Euro öffentlicher Gelder Anbauten, sie kooperieren mit Theatern, deren Schauspieler Texte von Schriftstellern zu Gemälden der Sammlungen umsetzen, und stellen Studenten ein, die den Ausstellungsbesuchern mit ihrem Wissen zur Seite stehen - „Kunstlotsen“ nennt man sie zum Beispiel in Hamburg. Ein modriges Erscheinungsbild kann sich heute kein Museum mehr leisten. Die Kataloge sind prächtig; das Angebot wird immer umfangreicher, meistens auch besser. Kurz gesagt: Was die meisten Museen leisten, steht ganz im Gegensatz zur Sorge um die Zukunft der Hochkultur.

Kein Grund zur Sorge um die Hochkultur

Auch Internetauftritte gehören heute zum Portfolio der Museen, um potentielle Besucher für Kunstwerke und Ausstellungen zu begeistern. Auf vielen öffnet sich das sonst unzugängliche Depot, Kuratoren erklären die Hintergründe zu einzelnen Werken, Blogs greifen Themen jenseits von Sonderausstellungen auf. Somit bieten die Internetseiten eine durchaus anspruchsvolle Form, Museen über die reine Kunstbetrachtung hinaus kennenzulernen.

Jedoch gibt es in Deutschland einen Museumsverbund, der zwar die schönsten Kunstwerke der Welt aus allen Epochen hütet, große Umbauten plant, aber auf diesem Feld Verantwortung vermissen lässt: die Staatlichen Museen zu Berlin. Ihre Internetseite ist reduziert. Sie ist eher etwas für Kenner, die schon um den Reiz dieser Museen wissen und allenfalls Öffnungszeiten abrufen wollen. Ab und an ist ein nettes Video zu sehen, die Orientierung auf der Seite ist jedoch eine Herausforderung.

Was tut die Gemäldegalerie für ihre Präsenz im Netz?

Zu den Staatlichen Museen zu Berlin gehört auch jene Gemäldegalerie am Kulturforum, die zuletzt aus der Versenkung trat, weil um ihre Zukunft heftig gestritten wurde. In der Gemäldegalerie befindet sich unter anderen eine der bedeutendsten Sammlungen niederländischer Malerei aus dem vierzehnten bis sechzehnten Jahrhundert; sie soll ausgelagert werden und der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts weichen.

So wenig einladend wie der Vorplatz der Gemäldegalerie am Berliner Kulturforum auf Besucher wirkt, so wenig präsent ist das Museum auf der Internetseite der Staatlichen Museen zu Berlin. Öffnet man den betreffenden Link, kann man lediglich einen kleinen Text lesen, der in erster Linie auf die „schlichte Fassadengestaltung des Gebäudes“ hinweist, das in seinen Proportionen „an die Zurückhaltung von Schinkels Altem Museum“ erinnert.

Die Kunst selbst erwähnt er nur mit einem Satz: „Das Haus gehört mit seinen berühmten Meisterwerken wieder zu den großen Galerien und bietet einen umfassenden Überblick über die europäische Malerei vom dreizehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert.“ Dann gibt es noch ein kleines Filmchen, in dem die Kamera sekundenlang über einige der Gemälde schwenkt. Mehr gönnt man dem neugierigen Auge nicht. Wie kann man den Gemäldeschatz derart verstecken?

Mehr zu sehen bekommt nur, wer die kleinen Buttons in der oberen Ecke bemerkt und gewillt ist, diese kommerziellen Seiten zu öffnen: „Facebook“, „Twitter“, „Youtube“. Klickt man darauf, muss man sich im Folgenden zwar nicht registrieren, um zu lesen und zu sehen, was die Gemäldegalerie dort für Interessierte bereithält - und doch fühlt es sich an, als säße man in einem Programmkino, und dann erscheint statt des erhofften Films ein Satz auf der Leinwand, der auf eine Online-Videothek im Internet verweist.

Auf den kommerziellen Seiten ist das Museum aktiv, sehr aktiv sogar. Zur Berlinale werden Museumsstars gesucht: „Dieses makellose Profil der jungen Frau, mit den himmelblauen Augen, begeisterte nicht nur während der ,Gesichter der Renaissance’-Ausstellung. Auch jetzt noch ist sie der Star aus der Gemäldegalerie. Aber hat sie auch das Zeug zum ,Museumsstar’?“ Gemeint ist Antonio del Pollaiuolos „Profilbildnis einer jungen Frau“, das um 1460 entstand. Ein weiterer Button, ebenfalls oben in der Ecke, führt zum „Art Project“ von Google.

Seit 2011 bietet Google diese Anwendung an, es handelt sich dabei um virtuelle Rundgänge durch Kunstmuseen. Dort kann man sich in berauschender Schärfe und Farbigkeit die Kunstwerke aus der Gemäldegalerie anschauen, sie so weit heranzoomen, dass kleinste Risse in der Leinwand erkennbar werden. Großartig. Und doch ist nicht verständlich, warum die Gemäldegalerie bereit ist, Google derart einzuspannen, dass man vollständig von der eigenen Seite weggeführt wird.

Wer bestimmt in der Zukunft, welche Bilder bewahrt werden?

Es geht dabei nicht darum, Facebook und Twitter zu verdammen, im Gegenteil, es gibt interessante Formen der Kommunikation über Twitter, wie zum Beispiel die sogenannten Tweetups: Bei einer exklusiven Führung im Museum twittern die Besucher ihre Eindrücke. Vielmehr geht es darum, dass Museen allgemein mehr Sensibilität beweisen sollten im Umgang mit den neuen Medien. Denn das bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen für die Zukunft des Museums. Die Herausforderung ist, einen Weg zu bereiten, an dessen Ende nicht nur Twitter, Facebook oder Google als mächtigste Kulturmedien im Netz stehen. Denn was soll der Nutzer machen, der mit Facebook nichts zu tun haben will?

Es gibt einige Museen in Deutschland, die erkannt haben, dass die eigene öffentliche, nicht kommerzielle Internetseite ein Medium ist, um seriöse Inhalte zu vermitteln. Es ist müßig, hier wiederholt auf die Aktivitäten der Frankfurter Museen hinzuweisen, die mit eigenen Magazinen, Videos, Dokumentationen und Blogs diesen Weg der Kunstvermittlung ernst nehmen - und damit auch den möglichen Besucher der Museen.

Das Internet ist ein Medium auch für fundierten Austausch

Offenbar glauben viele Museen, dass sie ihren hohen Kulturanspruch nicht aufrechterhalten, wenn sie sich, mit allem, was möglich ist, in der Social-Media-Welt präsentieren. Dadurch vergeben die Museen jedoch die Chance, das Internet zu einem fundierten Medium des Austausches über Kunst zu machen. Denn dafür braucht das Netz das Museum: um reinen Marketingstrategien entgegenzutreten und sie nicht noch zu forcieren.

Museen sind nicht nur Bereitsteller von Kunst; sie bieten ihre Lesart. Diese historische Weggabelung sollten sie nicht ignorieren. Die Museen müssen ihr Verhältnis zum Netz klären.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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