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Zu Besuch bei Cy Twombly : Verschwunden in Italien

Seine Zurückgezogenheit ist so legendär wie sein Werk. Ein Besuch beim Maler Cy Twombly in seinem Haus am Meer in Gaeta und ein Gespräch über Kunst, deutsche Autos und Franziska van Almsick.

          Es war noch warm, als wir Twombly besuchten, das gute süditalienische Klima dehnte den Sommer in den Winter hinein, und während man sich in Deutschland schon fragte, ob jemand statt der Sonne 25-Watt-Birnen in den Himmel hineingeschraubt hatte, flimmerte in Gaeta die Mittagshitze über dem Meer und ließ die Konturen der Berge verschwimmen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Cy Twombly, hatten sie gesagt, wohnt dort oben, gleich in dem Haus in der Kurve. Aber das Haus war kein Haus, sondern eine Wand ohne Fenster, mit einer schmalen grauen Blechtür, eher einem Eingangschlitz. Wir klingelten, und es tat sich nichts. Die Wand stand da, als habe sie sich erschreckt vor dem Eindringling, man hörte den Wind in den Pinien, die Sonne schien auf die aprikosenfarbene Kirche, die früher vielleicht einmal rot gewesen war.

          Unerkannt in der Menge

          Es ist nicht einfach, Cy Twombly zu treffen. Vor zwei Jahren, als seine Ausstellung in München gezeigt wurde, sollte er zur Eröffnung kommen, die Journalisten und die Neugierigen standen in der Rotunde der Pinakothek, nur Twombly tauchte nicht auf; später erfuhr man, daß er sich kurz unerkannt in die Menge gemischt hatte, die vor dem Museum wartete, und dann wieder in sein Hotel gegangen war. Twomblys Zurückgezogenheit ist so legendär wie sein Werk. Er schießt zwar nicht wie Hunter S. Thompson auf seine Besucher, aber es kam schon vor, daß er tagelang in die Berge flüchtete, um den römischen Fotografen, die sich angekündigt hatten, zu entkommen.

          Eine Viertelstunde verging vor der Blechtür. Dann tat sich etwas. Eine Stimme rief „Tiger!“ Ein Schloß knirschte. Der Mann, der die sehr kleine Tür öffnete, war ein freundlicher Rumäne mit großen Händen. Er führte uns durch eine verschachtelte Anlage aus grauen Lehmmauern und Treppchen und Höfen zu einer Pergola. Dort, im Schatten einer Hecke, saß, in blaugestreiftem Hemd und Shorts, Cy Twombly. Der Rumäne hat im richtigen Leben einen sehr komplizierten rumänischen Namen, deswegen nennt Twombly ihn Tiger. Tiger ist Butler, Haushaltshilfe und Chauffeur in einem; er bringt den Gästen geeiste Feigen und Wein, er fährt Twombly, der zwei Geländewagen, aber keinen Führerschein besitzt, mit dem Wagen in die Stadt.

          Im Keller eine Diskothek

          Früher lebte Twombly in Rom, aber seit im Keller seines Hauses eine Diskothek untergebracht ist, verbringt er die meiste Zeit in Gaeta, in diesem Haus, das ein Haus ist wie ein Kunstwerk von Twombly: Labyrinthisch, mit endlosen Gängen, vollgestopft mit Büchern und Kunstwerken und Fundstücken. Früher bestand es aus mehreren kleinen Häusern, die zusammengewachsen sind, jetzt wirkt es wie eine Burg mit mehreren Befestigungsringen.

          Schon 1957, kurz nachdem er aus den Vereinigten Staaten nach Rom gezogen war, fuhr Twombly an diese Küste; hier entstand der berühmte Gemäldezyklus „Poems to the sea“, in dem sich wie Treibgut all das versammelt, was auf einer Leinwand bisher nichts zu suchen hatte: Geschmiertes und Beiläufiges, sexuelles Gekritzel, zielloses Kleckern und technische Berechnungen, Zahlenkolonnen, wie sie Handwerker auf Wände kritzeln.

          Man hatte so etwas noch nie gesehen

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