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Zentrum Paul Klee Ein Wellenspaßbad für arme Engel

20.06.2005 ·  Wieviel umbauten Spektakel-Raum benötigt dieser zarte Künstler? Heute eröffnet in Bern das von Renzo Piano entworfene „Zentrum Paul Klee“ - eine verführerische Einladung ans formensüchtige Auge.

Von Hans-Joachim Müller, Bern
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Wenn man Bern Richtung Thun verläßt, dann sieht man, bevor man noch die Berge sieht, auf dem welligen Hügel linker Hand die drei Dachwellen, unter denen sich eine neue Paul-Klee-Anlage verbirgt.

Diesen Künstler, sagt der Genueser Architekt Renzo Piano, könne man nicht einfach in ein Gebäude sperren. „Also haben wir versucht, die kreative Natur Paul Klees mittels einer ungewöhnlichen, sanften Architektur umzusetzen, die ihrerseits mit der Natur spielt.“ Und wenn man von der Straße aus die Augen ein wenig zukneift, sieht die museale Hügelkrone aus wie eine Luxusvariante jener eidgenössischen Militärunterstände, die man auf der Alpenwanderung plötzlich durchs Gesträuch entdeckt und bei Strafe des Landesverweises nicht verraten sollte.

Das lustige Klee-Sackhüpfen

Zwar läßt das Parkplätzchen nicht gerade auf Massen schließen, die Dreigliederung des hangarähnlichen Hauses aber auf ihre subtile Steuerung. Rechts unter der Welle Süd logieren Stiftung, Forschung, Verwaltung und Direktion. Das mittlere Segment dient Sammlung und Wechselausstellungen. Steil in den Berg gräbt sich das Auditorium für Theater, Konzerte und Symposien. Zur Eröffnung haben sie das hübsche Stück „Lebenslinien - Szenische Begegnungen mit Paul Klee“ einstudiert. Daneben Restaurant und Cafehaus. Eine Etage darunter das Kindermuseum „Creaviva“. Und wenn im heiteren Schweizer Sommer dort das lustige Klee-Sackhüpfen beginnt, wird der Gründerwille vollends erfüllt sein.

Zentrum Paul Klee: Ein Wellenspaßbad für arme Engel

Schließlich haben Herr Maurice E. und Frau Martha Müller ihre Stiftermillionen nicht einfach für ein „weiteres traditionelles Kunstmuseum“ hergegeben, sondern sich eine „Plattform spartenübergreifender künstlerischer Ausdrucksformen“ für „einen Ort vielfältiger Aktivitäten“ ausbedungen. Und das alles haben sie nun. Und man kann nicht sagen, daß alles mißraten wäre.

Verführerische Einladung

Renzo Piano, dem die Kunstwelt eines der erfolgreichsten Museen (Centre Pompidou, Paris, 1978) und eines der lichtesten, angenehmsten, nobelsten verdankt (Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 1997), hat auch am Berner Autobahnsaum seinen Auftrag mit Bravour gemeistert. Der Dreischwung der Silhouette ist eine verführerische Einladung ans formensüchtige Auge: Kommet her, die ihr mühselig und rechtwinklig beladen seid, hier gibt es wogende Erquickung. Und wer ganz altertümliche Museumsvorstellungen mitbringt und sich sein Klee-Erlebnis von keinem Architekturspektakel verstellen lassen möchte, wird doch vom Staunen ins Grübeln verfallen. Wie hat das nur gelingen können, kilometerweise Stahl zu eleganten Kurven zu verschweißen?

Im Klee-erfüllten Zentrumszentrum, wo es uns vor allem hinzieht, haben wir uns zu entscheiden zwischen dem Wechselausstellungs-Souterrain und der bewellten Sammlungshalle. Dort hängen die Stellwände an Drahtseilen von der Decke und balancieren auf dünnen Stehstiften. Und die Beleuchtung hängt auch von der Decke. Und schützende Gazetücher hängen von der Decke. Es hängt also viel von der Decke. Und wenn man hallenhimmelwärts schaut, dann ist es wie bei der Oberleitung im Tramdepot. Und unten furchen sich die vergitterten Belüftungskanäle durch den Holzboden.

Touristisches Potential

Und einen Augenblick haben wir gedacht, ein erfahrener Messe-Ingenieur hätte das womöglich kunstfreundlicher hingekriegt. Als Museum für Paul Klee ist das alles nicht gerade die Neuerfindung der alten Bauaufgabe. Als Architektursignal freilich hat Pianos Zentrum in Bern mindestens soviel touristisches Potential wie Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao. Und dafür werden die enormen Investitionen ja auch getätigt.

Daß unter einer Dachwelle, mag sie noch so kühn gezeichnet und grandios modelliert sein, die Wände, Decken und Böden dann doch wieder euklidischen Gesetzen unterworfen sind, weil weder das Klee-Aquarell noch der Klapprechner geschweifte Unterlagen vertragen, ist halt das Schicksal all dieser appellativen Architektur. Es gibt auch hier eine empfindliche Differenz aus sichtbarer und nutzbarer Architektur. Daß die Bebauung unter anderem ein Museum verspricht, ist ihr nirgendwo anzusehen. Eher tippte man auf Tenniscourt oder Freizeitcenter mit Indoor-Kletterwänden und Ganzjahres-Beach. Warum für Klee soviel umbauten Raum? Braucht ein Künstler, der einen „armen Engel“ gemalt hat, und, wenn es hoch kommt, einen „vergeßlichen Engel“, und wenn es köstlich gewesen ist, einen „Engel vom Stern“, die halbe Himmelsschale über sich?

Inszenatorisches Geheimnis

Tilman Osterwold, künstlerischer Leiter am Hause, hat sich viel und keineswegs vergebliche Mühe gegeben, den Sammlungsquerschnitt mit seiner unübersehbaren Spätwerktendenz einigermaßen zu rhythmisieren und thematisch zu gliedern. Dabei bedient er sich noch einmal eines Strukturmusters, das er schon vor dreißig Jahren für seine unvergessene Stuttgarter Klee-Ausstellung („Die Ordnung der Dinge“) entwickelt hat. Warum der Gang durchs Werk aber dann an der Stirnwand mit vier Schriftbildern von Remy Zaugg endet („Ich schließe die Augen und ich bin unsichtbar“), bleibt inszenatorisches Geheimnis. Will man andeuten, daß diese Halle mit Betonboden für Gegenwartskunst geeigneter wäre als für Paul Klee?

Im Untergeschoß - unter traditionelleren, also dienlicheren Raumbedingungen - noch einmal Klee. Zeichnungen, Aquarelle aus den letzten, überaus produktiven Werkjahren. Klee an Klee. „Nulla dies sine linea“ heißt es unter der Werknummer 365 im Werkjahr 1938, also zwei Jahre vor dem Tod des Künstlers. Und das meint: Wenn auch die empfindsame Seele immer ein wenig naturtrüb geblieben ist, so hat die Zeichen- und Malhand praktisch nicht aufhören können, ihr naturtrübes Gestimmtsein auf ungezählten kleinen Papieren und Leinwänden zu spiegeln. Klee ist wunderbar.

Unendlich viel Klee

Klee ist auch Zumutung. Es ist wie beim Delikatessenverzehr: Irgendwann fehlt die Sättigungsbeilage. Zehn, fünfzehn, zwanzig Meter Klee, und man bittet den versponnenen Erzähler inständig darum, uns eine gnädige Erzählpause zu gönnen. Draußen in einem stillen kleelosen Winkel vielleicht. Muß ja nicht auf der „multifunktionalen Flaniermeile mit den zahlreichen Kommunikationsmöglichkeiten“ sein.

Es gibt ja so unendlich viel Klee, und es ist so unendlich viel Klee unter einem welligen Dach versammelt. Das war nicht immer so. Jahrzehntelang war das Berner Kunstmuseum das renommierte Kompetenzzentrum in Sachen Klee. Es gab wunderbare Ausstellungen, und es gab die stille Forschungsarbeit der Klee-Stiftung. Der neunbändige Werkkatalog mit seinen rund 10.000 Nummern ist ein stolzes Vermächtnis dieser Epoche.

Kein übles Vermögen

Dann starb, 1990, Klees Sohn Felix, und die beträchtliche Familiensammlung - 1500 Werke und Archivalien - sind unter Witwe Livia und Sohn Alexander aufgeteilt worden. Beiden stand der Sinn nach Öffentlichkeit. Wie wär's mit einer Konjunktion der Privat- und Stiftungbestände in einem museumsbenachbarten eigenen Klee-Haus? So schlecht war die Idee nicht. Nur Maurice E. Müller hielt nichts von ihr.

Der Chirurgieprofessor, der mit Hüftgelenksprothesen kein übles Vermögen gemacht haben muß, gab fünfzig Millionen in die Klee-Kasse - nebst genauen Handlungsanweisungen. Seine „Foundation“ suchte den Standort aus, engagierte den Architekten, bestimmte den Leistungsauftrag, machte Livia und Alexander Klee zu ihrem Verbündeten, und das demokratische Bern fiel vor den Stiftern auf die Knie, gab seinerseits zwanzig Millionen ins Aufbaubudget und schickte sich in alle Auflagen.

Längst hat die Stiftung mit Sack und Pack und Klee aus dem Kunstmuseum ausziehen müssen und hält nun noch ein paar Pulte im neuen Großraumbüro, Halle Süd, besetzt. Während an aufgehängten Stellwänden, Halle Mitte, erschöpfend von der ansonsten tief unter der Erde verwahrten weltweit größten Klee-Versammlung berichtet und drüben in Halle Nord ein großer „Recycling Workshop“ vorbereitet wird.

Eröffnungsausstellung „Nulla dies sine linea“ bis 5. März 2006. Der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen und kostet an der Museumskasse CHF 38.- (im Buchhandel 39,80 Euro). www.zpk.org

Quelle: F.A.Z., 20.06.2005, Nr. 140 / Seite 37
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