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Zeichner Boris Efimow : Wir haben oft die Federn gekreuzt

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Vom „Tinten-Kuli“ des Sowjetapparats zum ältesten aktiven Karikaturisten der Welt: Boris Efimow war einstmals Stalins Lieblingszeichner. Am Sonntag feiert er seinen einhundertachten Geburtstag. Eine Würdigung durch seinen deutschen Kollegen Fritz Behrendt.

          Die Telefonistin der Zentrale meldete sich des Öfteren mit der Mitteilung: „Genosse Josif Wissarionowitsch für Sie am Apparat.“ Dann kam die Stimme Stalins: „Genosse Boris, kommen Sie doch am Nachmittag zum Tee in den Kreml, ich habe eine gute Idee für eine Zeichnung zum 1. Mai.“ So wurde die Hand des berühmten sowjetischen Karikaturisten Boris Efimow von der Partei geführt. Er sagte: „Selten habe ich eine eigene Idee ausführen können, ich war immer ein Tinten-Kuli des Apparats.“

          Das Wohlwollen Stalins hat Efimow wahrscheinlich das Leben gerettet, als er im Rahmen der großen Säuberung (istka) in den dreißiger Jahren ins Schussfeld des NKWD geriet. Für die erste Ausgabe seiner Zeichnungen hatte Trotzki ein begeistertes Vorwort geschrieben. Als sein Verleger sich weigerte, das Vorwort zu ersetzen, wurde er kurzerhand erschossen. Kurz darauf wurde der ältere Bruder Efimows, Mikhail, Redakteur der „Prawda“, ebenfalls liquidiert. In Kreisen der „Prawda“ hieß es: eine NKWD-Schlamperei, eine Verwechslung. Der jüngere Bruder hat unter diesem „Stellvertreter-Tod“ ein Leben lang gelitten.

          Weltberühmte Anti-Hitler-Karikaturen

          Boris Efimow wurde als Sohn eines jüdischen Schusters am 28. September 1900 in Kiew geboren, ging in der Zeit der Revolution zur Roten Armee und wurde alsbald ein prominenter Zeichner im Agitprop-Apparat. Seine Karikaturen erschienen in beinahe allen renommierten Publikationen der Sowjetunion, von „Prawda“, „Iswestija“ und „Literaturnaja Gazeta“ bis zur satirischen Zeitschrift „Krokodil“. Seine Anti-Hitler-Karikaturen wurden weltberühmt, und er hat viel zur moralischen Unterstützung der Sowjetarmee im Zweiten Weltkrieg beigetragen. Im Kalten Krieg griff er die von Moskau identifizierten Kriegstreiber vehement an, wobei vor allem Tito in den Karikaturen so diffamiert wurde, wie Stalin ihn bezeichnet hatte: als „faschistisches Reptil“. In dieser Zeit kreuzten Efimow und ich oft die Federn, da ich damals als Mitarbeiter der kroatischen Zeitschrift „Kerempuh“ (Eulenspiegel) den jugoslawischen Standpunkt in der Frage der Unabhängigkeit und Selbständigkeit gegenüber dem sowjetischen Hegemonieanspruch verteidigte.

          1991 konnte ich auf Einladung der Redaktion des „Krokodil“, die mich zum Ehrenmitglied ernannte und mir die Krokodilmedaille verlieh, meine Zeichnungen im „Haus der Journalisten“ in Moskau ausstellen. Dabei lernte ich Boris Efimow kennen. Schweigend sah er sich meine Karikaturen zum Stalinismus an, aber auch meine Arbeiten zum Thema Hitler, Zweiter Weltkrieg und Widerstand, drehte sich dann um und sagte: „Charascho Kollega.“ Danach wollte er mich persönlich sprechen und sagte: „Ich möchte mich bei dir und den jugoslawischen Kollegen entschuldigen für die gehässigen Karikaturen in der Kominform-Zeit.“ Das waren die Jahre nach der Resolution des Kominformbüros gegen Jugoslawien, die 1948 beschlossen worden war. „Ehrlich gesagt“, fuhr Efimow fort, „war ich nie überzeugt von der These Stalins, dass es sich hierbei um ,faschistische Agenten und Verräter‘ handelte, sondern immer noch tief beeindruckt von den jugoslawischen Partisanen.“ Efimow war angekommen in der neuen Zeit von Gorbatschows Glasnost und Perestrojka und hat diese dann mit seinen Zeichnungen unterstützt.

          Am kommenden Sonntag wird er 108 Jahre alt, er zeichnet immer noch, publiziert aber nicht mehr und kann zurückblicken auf ein interessantes, spannendes und sehr erfolgreiches Berufsleben. Charascho Kollega.

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