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Veröffentlicht: 30.12.2016, 09:08 Uhr

Zaha Hadids Mathematik-Galerie Ein magischer Kokon

Das Londoner Science Museum eröffnet eine von Zaha Hadid neugestaltete Galerie der Mathematik – und versäumt keine Gelegenheit, sie unterhaltsamer zu gestalten.

von , London
© Picture-Alliance Die im März verstorbene Architektin Zaha Hadid gestaltete die neue Galerie im Science Museum.

Die Konservative Regierung greift gern hoch, wie man an der patriotischen rhetorischen Beschwörung von Britanniens neue Weltrolle nach dem Brexit sieht. Das trifft auch auf die Bildungsreform zu. In ihrem Wahlprogramm taten die Konservativen kund, dafür sorgen zu wollen, dass das Vereinigte Königreich der beste Platz der Welt für das Studium der Mathematik, der Naturwissenschaften und der Technik nach Pisa-Kriterien werde. Die vor einigen Tagen veröffentlichten Tabellen der Schulleistungsstudie der OECD zeigen zwar geringfügige Verbesserungen im Bereich der Naturwissenschaften sowie im Lesen. In der Mathematik schneidet England jedoch weiterhin nur durchschnittlich ab und ist diesmal sogar einen Platz tiefer gerutscht.

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Der übliche Aufschrei über die Ergebnisse der Studie trifft mit der Eröffnung einer spektakulären neuen Mathematik-Galerie im Londoner Science Museum zusammen. Sie will die zentrale Bedeutung des schulischen Problemfachs nicht durch Begriffe, Modelle und Gleichungen erklären, sondern anhand einzelner Objekte aus den letzten vierhundert Jahren, mit denen sich Geschichten verbinden, die selbst für Mathematikmuffel verständlich sind. Für die Relevanz der Mathematik im Alltag steht auch der Winton Anlagefonds, dessen Namen die Galerie wegen der großzügigen Spende seines Gründers David Harding trägt. Harding leitet aus der mathematischen Analyse von Datensätzen die Wahrscheinlichkeit von Preisentwicklungen an der Börse ab, um dann seine Investitionen entsprechend zu plazieren.

Der Satz von Blaise Pascal, wonach die Mathematik derart ernst sei, „dass man keine Gelegenheit versäumen sollte, sie unterhaltsamer zu gestalten“, könnte als Motto gedient haben. Allerdings geht es dem Chefkurator David Rooney vor allem darum, zu veranschaulichen, wie zentral die Mathematik für das menschliche Tun ist. Sinnbildlich dafür ist der Rahmen, den die im März verstorbene Architektin Zaha Hadid für diese neue Galerie geschaffen hat. Die Wahl der gebürtigen Irakerin als Gestalterin des Projekts lag nahe. Sie hatte Mathematik studiert und war für die architektonische Umsetzung ihrer fließenden Linien, die stets an die Grenzen des technisch Machbaren gingen, auf raffinierte Kalkulationen angewiesen.

43994972 Die Wahl der gebürtigen Irakerin Hadid als Gestalterin des Projekts lag nahe: Sie hatte selbst Mathematik studiert. © Picture-Alliance Bilderstrecke 

Von ihrer Neigung zur Mathematik zeugen auch Zaha Hadids frühe Gemälde, die gleichzeitig mit der Eröffnung der Winton Gallery in der von ihr erweiterten Londoner Serpentine Gallery ausgestellt sind (bis zum 12. Februar). Die an Kasimir Malewitschs suprematistische Kompositionen angelehnten Acrylbilder werden zwar als utopische Visionen angepriesen, muten allerdings in ihrer Fragmentierung eher dystopisch an.

Hingegen wirkt die Mathematik-Galerie mit ihren geschwungenen Formen und der sanften violetten Beleuchtung wie ein magischer Kokon. Den Mittelpunkt bildet ein von der Decke hängendes Versuchsflugzeug des britischen Herstellers Handley Page, das 1929 für einen Wettbewerb zur Förderung der Flugsicherheit gebaut wurde. Hier liefert es eines von mehreren Beispielen für die mathematisch-statistische Berechnung von Chancen und Risiken. Der Flieger ist umgeben von wogenden skulpturalen Formen aus mit PVC-Stoff überspannten Aluminiumrahmen, welche die vom Flugzeug aufgewirbelten Luftströme wie eine dreidimensionale Computergrafik darstellen. Die Visualisierung der numerisch berechneten Stromlinien bestimmt den ganzen Aufbau der Galerie, vom Fußbodenmuster über die angeschrägte Plazierung der Vitrinen bis zu den Sitzbänken.

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Bislang war die Mathematik-Galerie ein Raum mit sechshundert Exponaten, an denen das Publikum meist achtlos vorbeistreifte. Jetzt hofft das Museum die Besucher aufhalten zu können durch die Kombination der das schnelle Passieren verhindernden Architektur und einer unterhaltsameren Aufbereitung von nur hundertzwanzig Schlüsselobjekten. Geordnet nach losen Kategorien wie Form und Schönheit, Krieg und Frieden, Leben und Tod, weisen sie auf Aspekte der praktischen Anwendung von Mathematik hin, die dem sich mit seinen Rechenaufgaben plagenden Schüler in der Regel nicht bekannt sind. Der würde in einer Mathematik-Galerie wohl auch nicht perspektivische Zeichnungen von William Turner erwarten oder den georgianischen Türrahmen eines Londoner Hauses, der Maßverhältnisse demonstrieren soll. Hier stehen diese Ausstellungsstücke für das Ineinandergreifen von Mathematik und Kunst.

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Anderswo illustrieren eine Fülle genialer und wundersamer Erfindungen die kulturgeschichtliche Rolle der Mathematik im Streben nach Fortschritt. Dazu zählen die Dechiffriermachine Enigma, das hydraulische Gerät, das der neuseeländische Ökonom Alban W. Phillips entwickelte, um den Kreislauf des Geldes zu demonstrieren, ein zur Landvermessung verwendeter Theodolit, der die Erstellung von genauen Karten für die Besteuerung von Grund und Boden erleichterte, eine sperrige Maschine zur Berechnung von Wettquoten bei Hunderennen sowie die Darstellung statistischer Methoden zur Quantifizierung der Lebensdauer unter anderem für Versicherungszwecke.

Dass die Mathematik freilich auch für fragwürdige Vorhaben verwendet wurde, wird zwar nicht verschwiegen, aber auch nicht hervorgehoben. Hier gilt es das Wunder der Mathematik zu zelebrieren, auf einem Niveau, das Fachleute als allzu bescheiden empfinden mögen, den Laien jedoch die Welt erklären helfen und jungen Menschen die Augen öffnen soll für die Fülle an beruflichen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, wenn sie die Scheu vor der Mathematik überwinden.

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