21.09.2005 · Basel und seine Plätze, das ist eine eher unerquickliche Liaison. Das wird jetzt besser: Am Barfüßerplatz baut die britische Star-Architektin Zaha Hadid ein massiges Kulturhaus, das über seinem Platz schwebt.
Von Werner Jacob, BaselBasel und seine Plätze, das ist eine eher unerquickliche Liaison. Abgesehen vom verwunschenen Münsterplatz, leistet sich die Stadt am Rheinknie kein Areal, das den Namen Platz wirklich verdient - angefangen vom jüngst runderneuerten verkehrsgeplagten Irrgarten vor dem Zentralbahnhof der SBB über den bar jeder Aufenthaltsqualität vor dem prächtigen Renaissance-Rathaus klaffenden Marktplatz bis zum Barfüßerplatz, einem von Verkehrsinseln und historischen Resttopographien zerfaserten Rummel zwischen Kommerz und Kultur.
Unverhofft naht jetzt Erlösung. Die Bürgerschaft beschloß, das die Südwestseite des Barfüßerplatzes begrenzende „Stadt-Casino“ zwecks Neubau zu schleifen. „Basels größtes Kulturprojekt des Jahrhunderts“ soll fortsetzen, was zuvor war: ein Aggregat verschiedener Musik- und Veranstaltungssäle und gastronomischer Einrichtungen. Gemeinsam mit benachbarten Museen, Kinos, Kunsthäusern, Galerien und dem Stadttheater gehört das „Gesellschaftshaus“ zur Basler Kultur-Akropolis.
Hadids domestiziertes Markenzeichen
Das 1826 gebaute ursprüngliche Casino von Melchior Berri (1801-54), dessen Bauten Basel prägten wie die keines anderen Baumeisters, wurde 1941 im Stil der Zeit ersetzt durch einen Kubus von „biederer Größe“. Dieser veränderte den Zuschnitt des Barfüßerplatzes, erweiterte seinen vormals flaschenhalsigen Zutritt und entgrenzte ihn damit zum zugigen Durchgangsraum.
Ihm wird nun ein Ende bereitet. Obwohl dies nicht ein genuines Anliegen ihres Entwurfs war, leistet die Grande Dame der internationalen Architektur dies: Das „Neue Stadt-Casino“ von Zaha Hadid wird Katalysator einer Neuorientierung. Wettbewerbssieger vor siebenundfünfzig Teilnehmern, darunter Büros wie Gigon/Guyer, Herzog & de Meuron oder Ortner & Ortner, überzeugte Zaha Hadids Modell dank geschickter stadträumlicher Durchdringung des massigen Volumens sowie dessen so diskreter wie harmonischer Einbindung ins Umfeld. Dabei hat die mit dem Pritzker-Preis bekrönte, in Bagdad geborene britische Architektin ihr Markenzeichen Panta rhei für Basel ein wenig domestiziert.
Ein Schwung, ein Schweben
Im Grundriß wesentlich auf den Baulinien des Vorgängers, interpretiert die Architektin bekannt eigenwillig scheinbar unverrückbare Grenzen und erhebt sich darüber. Im Wortsinn: An seiner Westfront schwingt das Gebäude im ersten Obergeschoß weit aus, schreibt sich ab fünf Meter Höhe frei schwebend in den vordem unverbauten Himmel über dem Trottoir und stülpt eine fulminante Ecke in die Schaufassade am Barfüßerplatz. Die Fassade, gekleidet in Paneele aus perforiertem Guß-Aluminium, dessen sandgestrahlte angerauhte Oberfläche mit den historischen Nachbarbauten korrespondieren soll, präsentiert im Mittelfeld der Barfüßerkulisse einen stockwerkübergreifenden gläsernen Screen, der einem Foyer Tageslicht sichert. Nachts schimmert dieser Schirm über dem Platz und erhellt eine zur Stadt hin offene Loggia im ersten Obergeschoß.
Darunter, mit dem breit ausgreifenden, vom Loggiaboden beschirmten Entree, unterstützt von optischen „Leitplanken“, führt Hadid künftige Flaneure in ihren Koloß, der über filigran eingearbeiteten Gewerbeeinheiten schwebt. Von dort leitet ein lichter ebenerdiger „Subway“ hinüber zur bislang vom Stadt-Casino isolierten Kulturmeile am Steinenberg.
Kontextuelles von der Virtuosin des Solitärs
Wurde sie bislang eher wahrgenommen als eine Virtuosin des Solitärs, demonstriert Zaha Hadid mit ihrem Basler Neubau, daß sie ebensogut Kontexte zu lesen, zu würdigen, vor allem aber auch in ihre flamboyante Welt zu integrieren versteht. Worüber nun im Architekturmuseum von Basel eine ad hoc ausgerichtete Ausstellung informiert. Kuratiert und innenarchitektonisch eingerichtet in Zusammenarbeit mit Hadids Londoner Büro, illustrieren dort fünf feingearbeitete, zeichnungskommentierte Modelle - vom Rosenthal Center for Contemporary Art Cincinnati über das Phaeno Science Center in Wolfsburg bis zur chinesischen Guangzhou Opera - teils schon vollendete, teils noch im Bau befindliche, dem Basler Haus verwandte Arbeiten der Architektin.
Letzteres ist durch eine computeranimierte Vision vertreten: Auf dem wandgroßen Videoschirm spaziert das Auge über Schautreppen in Foyers und die beiden multifunktionalen Konzert- und Veranstaltungssäle. Man nimmt Platz an einer Pausenbar, befühlt optohaptisch die roten Sitzpolster und realisiert endlich, daß dies erst eine Hypothek auf die Zukunft ist: Einhundert Millionen Franken soll das Haus kosten; begleitende Straßen- und Tramgleisarbeiten nicht eingerechnet. Vierzig vom Hundert sollen über Spenden eingeworben werden. Die Stadt ist zuversichtlich: Für den 9. September ist die feierliche Eröffnung angesetzt.