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Wo Beuys den Filz fand : Stoff aus Schweigen

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Im Filz hatte Joseph Beuys das Material für seine Kunst gefunden und wurde damit weltberühmt. Woher es kam, hielt er geheim. Wofür es stand, verbarg er unter einer Legende. Eine Aufdeckung.

          Am 25. Februar 1985 hält eine schwarze Mercedes S-Klasse-Limousine auf dem Marktplatz von Giengen, einer Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb. Die Sonne wirft die Schatten der beiden Herren auf das Pflaster, als sie aus dem Auto steigen und auf das Verwaltungsgebäude zusteuern, in dem die Vereinigte Filzfabriken AG ihren Sitz hat. Die Männer tragen Hut und dunkle Mäntel. Passanten gehen über den Platz, ohne Notiz von ihnen zu nehmen. Die Bedingung für den Besuch lautet absolute Geheimhaltung. Keine Presse. Keine Fotos. Keine Berichterstattung. Nur heimlich richtet sich aus dem Inneren des Verwaltungsgebäudes eine Kamera auf sie. Aus der Werbeabteilung hat sich Gisela Lossek, Vorstandssekretärin des Unternehmens, eine Spiegelreflexkamera der Marke Minolta geliehen. Ein einziges Mal drückt sie auf den Auslöser, ein einziges Bild ist überliefert. Das Bild, das in dieser F.A.Z.-Ausgabe zum ersten Mal abgedruckt wird, zeigt Martin Frisch, von 1968 an Vorstand der Vereinigten Filzfabriken AG. Der andere Mann ist Joseph Beuys.

          „Joseph Beuys kam 1985“, erinnert sich Gisela Lossek, die bis heute für das Unternehmen tätig ist, „um die Wollfilzfertigung in den Werken zu sehen. Wir hatten wieder einer Auftrag von ihm erhalten.“ Nachdem Gisela Lossek unbemerkt das Foto aus einem Fenster im ersten Stock des Gebäudes geschossen hatte, nahm sie den Herren die Mäntel ab und servierte zur Begrüßung Kaffee. Mit dem Flugzeug war der Künstler aus Düsseldorf angereist und wurde vom Chauffeur mit dem Firmenwagen in Stuttgart, dem nächstgelegenen Flughafen, abgeholt. Die Aufgabe, den berühmten und auf Vertraulichkeit bedachten Kunden in Empfang zu nehmen, hatte der Unternehmensvorstand Frisch persönlich übernommen.

          Beuys trug Kaschmir

          Sehr freundlich sei er gewesen, sagt Lossek, geklungen habe sein rheinischer Akzent wie der ihrer Mutter, die auch aus Krefeld stammte, der Stadt, in der Beuys 1921 geboren wurde. Und, dieses Detail ist ihr im Kopf geblieben, weil sie sich darüber wunderte: Einen dunkelblauen Wintermantel aus dem feinsten Stoff habe er getragen, „ein Traum“. Als die „Heidenheimer Neue Presse“, die in Giengen ansässige Lokalzeitung, nach der Abreise von Beuys Wind von seinem Besuch bekam, las sich das anders. Der berühmte Gast sei „unverkennbar im Gammellook“ gesichtet worden, berichtete man den Lesern. Mit Stoffen allerdings kennt man sich in der Giengener Filzfabrik aus. Beuys trug Kaschmir. Und es nicht das Einzige, das anders war, als das Bild, das man sich von ihm bis dahin gemacht hatte.

          Was war noch einmal das Jahr 1985? Während Beuys also inkognito, muss man sich vorstellen, die Fabrik besichtigt, die ihm seit nun mehr als zwei Jahrzehnten den Filz liefert, der unter großem Applaus in den Museen von Paris bis New York ausgestellt wird, entwirft auf der anderen Seite des Atlantiks der Pop-Art-Künstler Andy Warhol gerade Werbeplakate für Absolute Wodka und Pulversuppenverpackungen für die Campbell Soup Company. Längst heißt Warhols Atelier „The Factory“, seit mehr als zwei Jahrzehnten taucht in seinem Werk das Corporate Design von Firmen wie dem Seifenfabrikanten Brillo, dem Cornflakesproduzenten Kelloggs oder dem Suppenhersteller Campbell auf. Der Gegensatz zwischen Deutschland und Amerika, zwischen Beuys und Warhol, zwischen Wunderfilz und Warenkultur könnte nicht größer sein. Beuys besucht undercover ein Mittelstandsunternehmen in Schwaben; Warhol posiert vor den Logos amerikanischer Multikonzerne.

          Götzendämmerung

          „Wir haben über alles Mögliche gesprochen“, lautet die diskrete Auskunft des Giengener Firmenvorstands Martin Frisch, die nach Beuys' Besuch in der Zeitung zu lesen stand. Man hielt sich an die Vereinbarung. Vertraulichkeit. Vor und nach dem Besuch.

          1985 war auch das Jahr, muss man ebenfalls wissen, in dem eine neue Kritikwelle auf Beuys zuzurollen drohte. An Kritik hatte es natürlich nie gefehlt, aber die Schusslinie, in die Beuys nun geriet, war neu. „Weltruhm für einen Scharlatan?“, fragte noch 1979 der „Spiegel“ mit einer Titelgeschichte; Anlass war Beuys' umfangreiche Retrospektive im Guggenheim-Museum, dem Olymp der Modernen Kunst. Aber das waren nur die üblichen Anwürfe, Beuys war sie gewöhnt. Nachdem jedoch in den Gängen der berühmten New Yorker Museumsspirale vierhundert Zeichnungen, dazu Skulpturen und Environments aus Filz und Fett ausgestellt worden waren, gefördert im Übrigen mit einer ordentlichen Finanzspritze aus Bonn, legte plötzlich ein Kunstkritiker den Finger in eine ganz andere Wunde. Der Essay, publiziert im amerikanischen Kunstmagazin „Artforum“, trug den Titel „Twilight of the Idol“, zu Deutsch: Götzendämmerung. Autor war der Kunsthistoriker Benjamin H. D. Buchloh, und ihn interessierte eine neue Frage: Welches Verhältnis hat der als Schamane auftretende Beuys eigentlich zur deutschen Geschichte? Und welchen Glauben konnte man seiner Selbstmystifizierung schenken, allen voran der Legende vom Flugzeugabsturz auf der Krim im Jahr 1944?

          Jenseits von Politik und Besatzung

          Und damit war man mitten im Filz. Nach eigenen Angaben nämlich war Beuys, der sich 1941 freiwillig zur Luftwaffe gemeldet hatte, bei einem Einsatz östlich von Freifeld, heute Snamenka, am 16. März 1944 in einen Schneesturm geraten und über der Krim abgestürzt. Der Pilot des Kampfflugzeuges vom Typ JU 87 starb, Beuys wurde schwer verletzt. Angeblich waren es Krimtataren, die ihn aus dem Flugzeugwrack bargen und ihn zwölf Tage lang pflegten, bis er in ein deutsches Lazarett überstellt wurde. „Ich erinnere mich an den Filz“, heißt es bei Beuys, „aus dem ihre Zelte gemacht waren, an den scharfen Geruch von Käse, Fett und Milch. Sie rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrte, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält.“ So weit die bekannte Geschichte, die - das ist heute ebenso bekannt - so nicht stimmen kann. Buchloh war in den achtziger Jahren der Erste, der an der Glaubwürdigkeit der Geschichte zweifelte und noch dazu ein Muster deutscher Geschichtsklitterung der Kriegsgeneration darin erblickte: Aus dem Unteroffizier und Bordschützen Beuys, der für das nationalsozialistische Deutschland einen Einsatz flog, machte die Erzählung ein Kriegsopfer; das bombadierte Gebiet verwandelte sich in ein märchenhaft verschneites Niemandsland, jenseits von Politik und Besatzung, in dem ursprüngliche Menschenstämme nach der Art von Druiden Wunderheilmethoden praktizierten.

          Die wirkliche Geschichte ist schnell erzählt: In die von Buchloh vorgegebene Richtung wurde weiter geforscht, 1996 erschien die Beuys-Biographie „Flieger, Filz und Vaterland“ von Frank Gieseke und Albert Markert. In den Akten des Krankenbuchlagers ließ sich nachschlagen, dass Beuys vom 17. März bis zum 7. April 1944 im mobilen Feldlazarett 179 gepflegt wurde. Zwischen dem Absturz am 16. März und der Einlieferung am 17. März lagen also nicht zwölf Tage, sondern maximal vierundzwanzig Stunden. Mit der dubiosen Gründungslegende geriet das Gesamtwerk ins Rutschen: Der Filz, nach Beuys ein Symbol für Schutz und Wärme, schien auf einmal nur noch ein Werkzeug in dem selbstgezimmerten Mythenraum zu sein, zu dem die eigene Vergangenheit umgebaut worden war. 2008 legte der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss nach, indem er Beuys den „ewigen Hitlerjungen“ nannte und in seiner Kunst vor allem einen kryptofaschistischen Verblendungszusammenhang sehen wollte.

          Beuys sah Filz anders als wir

          Hätte es, kann man sich heute rückblickend fragen, da nicht geholfen, wenn Beuys einfach bei der Wahrheit geblieben wäre? Wenn er den Filz nicht benutzt hätte, um seine Biographie zu mystifizieren? Wenn er die Karten offengelegt hätte, sowohl was seine Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg betrifft, als auch die Herkunft des Stoffes, aus dem seine Kunst war. Seht her, dies ist die Stadt Giengen, hätte er ja sagen können, es gibt dort ein Unternehmen mit zweihundertfünfzig Mitarbeitern, dort bestelle ich meinen Filz. Filzsterne, Filzweihnachtsbäume, Filzsets und Filzschneeflocken werden in der Weihnachtszeit produziert; 1880 wurde hier aus Wollfilz in Zusammenarbeit mit Margarete Steiff das erste weichgestopfte Spieltier der Welt geschaffen, das sogenannte Elefäntle, ein weißes, mit einem himmelblauen Deckchen bekleidetes Tier. Mit Erfolg werden hier außerdem bis heute Industriefilze für die unterschiedlichsten Verwendungszwecke hergestellt, und von den sechziger Jahren an belieferte man eben zusätzlich Museen und Galerien mit Filzobjekten, Filzskulpturen, Filzinstallationen. Das ist alles. In den trockenen Worten, die man im Geschäftsbericht der Vereinigten Filzfabriken fand, der erschien, nachdem Beuys am 23. Januar 1986 verstorben war: „Beuys sah Filz anders als wir.“ Oder war es genau das, wovor sich Beuys fürchtete? Dass seine Arbeiten aus Filz sich plötzlich in eine prosaische Produktpalette einreihten, der Filzanzug zwischen Filzweihnachtssternen und Filzelefanten? Sorgte er sich um den Zauber seiner Kunst und verschwieg deswegen seinen Besuch von 1985?

          Als in den sechziger Jahren die ersten Aufträge in Giengen angenommen wurden, erzählt Gisela Lossek, fiel nirgends der Name Beuys. Sie gingen über einen Zwischenhändler ein, Artur Zimmermann, der damals einen Lederwarengroßhandel in der Düsseldorfer Stresemannstraße betrieb. „Das ist alles über mich gelaufen“, erinnert sich Artur Zimmermann, der inzwischen pensioniert ist. Im Jahr 1960 sei Beuys zum ersten Mal in sein Geschäft gekommen, das neben Leder auch Filz führte. Vom Künstler Beuys „hatte man mal was gehört“, freundschaftlich sei das Verhältnis gewesen, beim fünfzigsten Geburtstag habe auch Beuys mitgefeiert. Von da an sei er häufig in das Düsseldorfer Atelier gerufen worden, um durchzusprechen, welcher Filz in welcher Qualität in Giengen bestellt werden sollte. „Es war“, so Zimmermann, „grundsätzlich mir überlassen, mich um die Ausführung zu kümmern.“

          Filz für Paris und London

          In Giengen vermutete man als Auftraggeber zuerst die Bundeswehr. Der Stoff wurde in der Polsterfilzqualität mit der Nummer 2131 verlangt, ein grobfaseriger Filz mit Einschlüssen von Kletten und Samen, die sich in der Schafswolle verfangen hatten. Die Wolle war Importware, von Tieren in Neuseeland, Südafrika und Uruguay. In Giengen wurde die Wolle in der Wolferei gerissen, danach gekrempelt, gewalkt, getrocknet und gepresst. Der Kunde, heißt es in einem Bericht eines Mitarbeiters der Vereinigten Filzfabriken, habe Wert auf hohe Maßgenauigkeit gelegt, aber keine Anhaltspunkte über den Verwendungszweck gegeben. „Wir gingen bei unseren Überlegungen auch davon aus, dass es vielleicht ein Behördenauftrag sei, denn zur damaligen Zeit wurden noch Bundeswehrbeschaffungen in ähnlicher Ausstattung ausgeschrieben, wobei Abnahmebeamten oft überzogene und kaum einhaltbare Forderungen stellten.“ Die Abwicklung dieses Auftrages, heißt es in dem Bericht, habe die Nerven aller Beteiligten „in nicht geringem Maße strapaziert“. Erst bei der Zeitungslektüre entdeckte man vier Wochen später, wofür der Filz verwendet worden war: ein Kunstwerk von Beuys. Das war 1976.

          Die Liste der in Giengen gefertigten Werke ist lang: 1966 kleidete Beuys beispielsweise einen Flügel in Giengener Filz ein, den man 1984 renovierte. 1970 lieferte man den Filz für den „Block Beuys“, eine sieben Räume umfassende Installation im Hessischen Landesmuseum. 1971 lief in Giengen der Filz für die Objekte vom Band, die Beuys in der „Tragetasche aus Polyäthylen mit Filzplastik“ herausgab, um die vom Künstler gegründete „Organisation für direkte Demokratie und freie Volksabstimmung“ zu finanzieren. 1977 lieferte man den Stoff für die Filzanzüge, die vom Münchner Herrenschneider Dietl genäht wurden. 1982 reiste Filz aus Giengen nach Paris ins Centre Pompidou. Und zuletzt, im Oktober 1985, rollten lasterweise Filzhüllen und Filzflöre aus Schwaben nach London, um unter dem Titel „Plight“ die gesamte Galerie Anthony D'Offay auszukleiden. Drei Monate später starb Beuys in seinem Düsseldorfer Atelier.

          Boten einer besseren Welterordnung

          Der Filz ist - neben Fett und Kupfer - das zentrale Material in Beuys' Werk geblieben. Man wird die Enttäuschung nicht wegreden können, dass ausgerechnet Beuys seine Jugend im Nationalsozialismus mythisch verklärte. Aber es war nicht der einzige Grund, weshalb der Giengener Filz zum Erben des Tatarenfilzes werden musste. Beuys' Mythen reichten ebenso in die Vergangenheit wie in die Zukunft. Und in dieser Hinsicht war er nicht weniger Handwerker als seine Zuarbeiter in der Filzfabrik: Gleich einem Klempner suchte er neue Anschlüsse für die alten Rohre, die vom neunzehnten Jahrhundert an quer durch die deutsche Geschichte verlegt worden waren. Er, der sich 1970 für die Autonomie der Hochschulen einsetzte, erst für den Bundestag kandidierte, dann für das Europaparlament und Gründungsmitglied der Grünen war, bastelte unaufhörlich an einer neuen Mythenmaschine, mit der die alten märchenhaften Geschichten in neue Richtungen gepumpt werden sollten.

          „Die Gespenster der Römerzeit“, schrieb Karl Marx, hätten als mythische Verkleidung in den Revolutionsjahren einst die „Wiege des Bürgertums“ gehütet. Die Gespenster der Romantik hüteten die Wiege von Beuys' Gesellschaftsutopie. Filz und Fett verklärte er zu Boten einer besseren Welterordnung. Die Mythen der Moderne hießen dagegen Rationalität, Wettbewerb und gesunder Egoismus. Und die wirken erfolgreich bis heute weiter.

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