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Willy Brandts Statue Unter dem Imperator

30.09.2009 ·  Rainer Fettlings Bronzestatue Willy Brandts in der SPD-Zentrale ist berühmt. Am Wahlabend stellte sie Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering in mehrfacher Hinsicht in den Schatten. Warum die Nachfolger neben dem Koloss so winzig wirken.

Von Dieter Bartetzko
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Wie „in Beton gemeißelt“, so charakterisierten viele Fernsehkommentatoren das Gesicht Franz Münteferings, als er gemeinsam mit Frank-Walter Steinmeier am vergangenen Sonntag kurz nach Bekanntgabe der ersten Hochrechungen zur Bundestagswahl vor die Presse trat, um die „bittere Niederlage“ der SPD einzugestehen. Schauplatz: das Willy-Brandt-Haus in Berlin, Standort: vor Rainer Fettings Willy- Brandt-Plastik, die uns mittlerweile so vertraut ist, wie es einst der Bundesadler im Bonner Bundestag war. Das massive Bronzegebilde überragte die beiden Redner nicht nur, es schien sich dank der unvermeidlichen Untersicht aus verschiedenen Perspektiven mal drohend, mal schützend, aber immer übermächtig über sie zu neigen. Das für jedermann sichtbare stumme Wechselspiel von Kunst und Leben dürfte mitgewirkt haben, dass die Assoziation von der „Betonmiene“ des SPD-Vorsitzenden Müntefering die Runde machte.

Dabei ist die überlebensgroße Figur des einstigen Parteivorsitzenden, Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers Brandt alles andere als starr. Im Gegenteil - in ihrem Gesicht scheinen sich fortwährend Mienen einander zu überlagern. Auch der Körper, in nicht krassem, doch unverkennbarem Missverhältnis zum größeren Kopf, wirkt nicht in einer Bewegung festgebannt, sondern, trotz Standfestigkeit und Beharrungsvermögen, in nervöser Unruhe gespannt. Dazu tragen auch die (mitunter bespöttelten) zahllosen Faltenkaskaden der Bekleidung bei, die, weit davon entfernt, den Knitteranzug eines überwiegend sitzenden Denkers, vulgo: Stubenhockers, wiederzugeben, vielmehr den Eindruck einer von Disziplin im Zaum gehaltenen, unruhigen Energie verstärken.

Die Einsamkeit des Redners

Hemd, Krawatte, Anzug: der Bildhauer und Maler Rainer Fetting, hervorgegangen aus der Berliner Künstlerbewegung der „Neuen Wilden“, verarbeitete, als er 1995 die Bronzeplastik entwarf, klassische Vorbilder, die Zeitgenössisches zu Zeitlosem, Alltägliches zu Allgemeingültigem umdeuteten. Unverkennbar ist der Rückgriff auf Auguste Rodins berühmte „Bürger von Calais“, den Inbegriff bürgerlichen, notfalls sogar opferwilligen Gemeinsinns. Wie diese Bronzegruppe, in der die Botschaft der von vibrierenden Faltenwürfen zerklüfteten Gestalten sich in der extremen Mimik und den buchstäblich „sprechenden Händen“ ballt, wird auch Fettings Bronze bestimmt von Gestik und Mimik: Während die linke Hand als Symptom ruhigen Selbstvertrauens in der Hosentasche ruht, vollführt die rechte mitsamt dem erhobenen Arm eine ausgreifende Bewegung. Weit gespreizt, wobei Mittel- und Ringfinger eng aneinander liegen, unterstreicht sie, wie man es aus den Reden Willy Brandts in Erinnerung hat, knapp und lebhaft die imaginären Worte des Sprechenden. Ihre Botschaft aber geht, analog Rodin, über das „gesprochene Wort“ hinaus: Diese Hand scheint im Begriff zuzupacken, bezieht Versammlungen, den Riesenraum des Atriums und letztlich - obwohl sie zugleich mit ihren leicht einwärts geneigten Fingern auf die Einsamkeit des Redners zurückverweist -, die Stadt und die Welt mit ein.

„Urbi et orbi“: In dieser Geste, die am Abend des 27. September Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering oft wie schutzsuchende Winzlinge wirken ließ, scheint das Urbild aller Redner des Abendlands auf - der sogenannte „Arringatore“, die etwa 89 vor Christus entstandene, lebensgroße römisch-etruskische Bronzestatue des Aulus Metellus, die in Florenz aufbewahrt wird. Weitaus verhaltener und korrekter in Habitus, Umriss und Konturen, (unsere Wahlkampfaugen sehen darin momentan einen Urahnen des Guido Westerwelle), zeigt er dennoch die quasi weltumspannende, auf alle Betrachter gerichtete erhobene Rechte.

Auf Augenhöhe

Jeder heutige Bildhauer kennt diesen antiken Redner. Ob Rainer Fetting auch die Kontroversen der Archäologen kannte, von denen ein Teil den Gestus der Plastik als charakteristische Pose eines antiken Betenden deutet, sei dahingestellt. Denn egal, ob intuitiv oder bewusst gefertigt, zeigt Fettings redender Willy Brandt exakt diese subtile Doppeldeutigkeit von Aufforderung und Bitte, die schon der römischen Antike bewusst war, denn auch die weltberühmte Statue des Augustus von Primaporta zeigt jene lebhafte erhobene Rechte, die gleichermaßen Rede und Gebet, Befehl und Bitte bedeuten kann.

Imperator? Dank der Doppeldeutigkeit, die die klassische Pose übermittelt, kann Rainer Fettings SPD-Kanzler so genannt werden. Doch bei ihm erweitert sie sich zur Gestaltwerdung der allgemein bekannten, oft widersprüchlichen Charakterfacetten dieses Politikers: Sensibilität und Angriffslust, Gelassenheit und Ungeduld, Mut und Scheu, der Emigrant und der Staatsmann, Einzelgänger und Gruppenmensch gewinnen in der Bronze zugleich zeitgebundenen und überzeitlichen, allgemein verständlichen Ausdruck.

Dass dabei der zivile, der demokratische Charakter überwiegt, bezeugt, neben dem unmittelbaren Augenschein, ein zweiter Rückblick auf Rodin: Seinen „Bürgern von Calais“ warfen die Zeitgenossen unzulässige „Demokratisierung“ des Erhabenen vor. Dies vor allem, weil der Bildhauer 1895 darauf bestand, seine Plastiken nicht auf einem der üblichen hohen Sockel zu präsentieren, sondern auf einer schlichten Plinthe, also einer einfachen, wenige Zentimeter dicken Steinplatte. Erst 1945 wurde die Gruppe vor dem Rathaus von Calais ebenerdig plaziert. Der bronzene Willy Brandt steht schon seit seiner Einweihung 1996 auf gleicher Höhe mit den Betrachtern. Dass er sich damit dennoch nicht, um eine gängige Politikerplatitüde zu gebrauchen, „auf Augenhöhe“ mit ihnen befindet, liegt in der Natur der Sache: die Bronze ist 3,40 Meter hoch und wiegt fünfhundert Kilo.

Der Stand der Politik

Ihr ziviler, gleichsam Nähe suchender Charakter - den eine verkleinerte Kopie bestätigt, die Rainer Fetting für den Stockholmer Willy-Brandt-Park schuf - bleibt davon unbenommen. So wäre denn das ängstliche Vermeiden der Mittelachse - die Bronze steht links vom zentralen und monumentalen gläsernen Aufzugszylinder - nicht nötig gewesen. Diese Achsen-Phobie entspringt einer eingefleischten Scheu vor Repräsentation, umgangssprachlich auch Herrschaftsarchitektur genannt. Glücklicherweise ist sie auf die Plazierung beschränkt - als Bauherr erwies die SPD sich 1996 auf der Höhe der Zeit: ihre Zentrale, entworfen von Helge Bofinger, ist mit der dynamisch vorstürmenden „Runden Ecke“ ihrer Schaufront ein markantes freies Zitat der klassischen Moderne Erich Mendelsohns, verarbeitet dessen legendäres Mosse-Verlagshaus von 1921 im Berliner Zeitungsviertel und das weniger bekannte, doch 1928 ebenso expressiv errichtete IG-Metall-Gebäude Mendelsohns in Kreuzberg.

Rainer Fetting dagegen stellte 1996 ein Risiko dar. Denn der Ruhm der Neuen Wilden verrauchte so schnell, wie er aufgeflammt war. Fettings Bronze aber bewährte sich. Dass Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier am Wahlabend so erschlagen unter ihr standen, hat mit dem Charisma ihres Vorgängers zu tun - aber noch mehr mit dem momentanen Stand der Politik.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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