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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Wilhelm Steinhausen im Museum Giersch Das Heilige, immer und überall

 ·  Frankfurt zählte ihn vor hundert Jahren zu den ganz Großen. Das Museum Giersch holt jetzt den Maler Wilhelm Steinhausen aus der Vergessenheit.

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© Museum Giersch Wilhelm Steinhausens „Johannes der Täufer und die Abgesandten der Pharisäer“

Er gehört nicht zu den Großen seiner Zeit und auch nicht zu den über lange Zeit Geschmähten, deren Werke jetzt wieder hervortreten. Wilhelm Steinhausen, 1846 im heute polnischen Sorau geboren, ist ein Zeichner und Maler, den kaum noch jemand kennt. Zuletzt hat ihm 1921, drei Jahre vor seinem Tod, der Frankfurter Kunstverein eine umfangreiche Ausstellung gewidmet.

Nun gibt erstmals wieder das Museum Giersch in Frankfurt einen umfassenden Einblick in das Schaffen des Künstlers, der dieser Stadt, nach schwierigen Anfängen, schließlich seinen gesicherten Wohlstand verdankte, weil er hier Aufträge bekam. Er schmückte die Wände bürgerlicher Villen aus und glänzte durch feinsinnige Porträts. Zu den Märchen der Brüder Grimm machte er wunderhübsche Illustrationen, für die freilich Ludwig Richter oder Edward von Steinle Pate standen, aber 1874 auch schon einer wie Gustave Courbet. Und Steinhausen war, von frühen Jahren in Karlsruhe her, befreundet mit Hans Thoma oder Wilhelm Trübner.

Der Titel der Schau, „Natur und Religion“ erfasst den Kern dieses Œuvres: Des Künstlers eigentlicher Antrieb war seine tiefe Gläubigkeit, die er ganz selbstverständlich in der Naturdarstellung verankern konnte. Dabei bedient er sich zuhandener Stile, die von den Idealtypen der Präraffaeliten über die Prototypen der Nazarener und Romantiker hin zur Entgrenzung im Symbolismus und Impressionismus reichen. Die christliche Motivik beherrscht seine durchgearbeiteten Gemälde. Sie entbehren tatsächlich nicht eines gewissen, vor allem auch koloristischen, Charmes. Da sind „Christus, Tod und Engel“ 1873 in eklektischer Manier auf dem Weg, rufen „Johannes der Täufer und die Abgesandten der Pharisäer“ großformatig altmeisterliche Reminiszenzen wach.

Kommerzieller Erfolg durch Demut

Eine spätere Breitwand heißt „Herr, komm zu uns in das Schiff“, diese Barke könnte vor Alfred Böcklins „Toteninsel“ aufgenommen sein, unter einem schlimmen Himmel, der mit dramatischen Wolken droht, irgendwo zwischen William Turner und Claude Monet. Freilich nimmt Steinhausen, geprägt von seiner evangelischen Religiosität, nicht die altitalienische Statuarik der katholisch codierten Nazarener auf; er scheint Herzenswärme zu brauchen. Eher rückt er in die Nähe der spätromantischen Düsseldorfer Malerschule, etwa eines Carl Friedrich Lessing. Allerdings folgt er auch dessen vitaler Programmatik nicht. Dafür dient ihm immer wieder seine Familie, als die Mitte seiner Existenz, zum Vorbild, seine Frau und die gemeinsamen Kinder, verschmolzen im Ideal der Maternité; in diesem Binnenraum gelingen ihm schöne Bildnisse.

Steinhausen ist ein - zu - Spätgeborener, der in keiner Weise Neues, Unerwartetes hervorbringt. An ihm wird sichtbar, dass handwerkliches Können, nur für sich genommen, nichts so wenig wie erneuernde Inspiration bedeutet. Nicht die Frische eines suchenden Gemüts haftet diesen Bildern und Zeichnungen an, nicht ein Hauch von kühnem Experiment. Sie legen aber beredtes Zeugnis ab von einem Säkulum und seinen Nachwirkungen bis ins zwanzigste Jahrhundert, von Seelenpfaden in rückgewandten Bildfindungen - und auch vom kommerziellen Erfolg, den solche Demut erzeugen kann. In seltenen Momenten scheint, vor allem in ganz kleinen Ölskizzen auf Pappe, die nie für den Handel gedacht waren, doch malerische Freiheit auf, gewissermaßen ein Leuchten von innen.

Etwas weiter oben am Schaumainkai trumpft das Städel mit seinem neunzehnten Jahrhundert auf, in allen Facetten. Es macht schon Spaß und bringt Erhellung, diesen beinah Unbekannten mit dem Ensemble dort abzugleichen. Wilhelm Steinhausen gehört in eine künstlerische Kohorte, die unsere Zeit so heftig wiederentdeckt: Sie wird eben auch, womöglich gerade in der Betrachtung eines kleinen Meisters, wie er es war, in ihren Ursprüngen und Limitierungen begreiflich. Das ist den Besuch im Museum Giersch allemal wert.

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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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