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Veröffentlicht: 24.01.2017, 17:54 Uhr

Wilfried Wiegand Das Auge

Wahrscheinlich hat sich in Deutschland niemand so leidenschaftlich für die Fotografie eingesetzt wie Wilfried Wiegand, der von 1986 bis 1996 Feuilletonchef der F.A.Z. war. Am Ende brachte er sie sogar ins Städel.

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Es sei ein wenig unaufgeräumt, hatte mich Wilfried Wiegand vor meinem ersten Besuch in seiner Wohnung im Frankfurter Holzhausenviertel gewarnt. Das war Ende der siebziger Jahre. Doch die Vokabel unaufgeräumt war für das Durcheinander dort nicht die treffende Bezeichnung. Denn bei dem, was überall auf dem Boden verteilt lag und worüber ich in großen Schritten steigen musste, handelte es sich um nicht weniger als die Fotografiegeschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Um einen Überblick. Eine Zusammenfassung. Heute könnte man guten Gewissens von Kanon sprechen, aber damals waren viele der Bilder selbst manchem Spezialisten nicht vertraut. Mir gingen die Augen über.

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Der Reisigbesen neben einer Tür von Talbot und Timothy O’Sullivans Kutsche im Wüstensand von Nevada. Die Brüder Grimm, aufgenommen von Hermann Biow, und Hippolyte Bayards Selbstbildnis als Ertrunkener. Die eingefrorenen Niagara-Fälle von Southworth und Hawes und der Mond von John Whipple. Das Tal des Todes von Roger Fenton und Giorgio Sommers Vulkanausbruch des Vesuvs. Die Seebilder Gustave Le Grays. Blumenbouquets von Adolphe Braun. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt, fotografiert von Nadar. Und so ging das weiter und weiter. Lauter großartige Motive. Viele große Namen. Fast zweihundert Bilder insgesamt. Da lag ein imaginäres Museum mit Höhepunkten aus den Anfängen eines Mediums, dessen vielfältige Möglichkeiten Künstler damals fast binnen eines Wimpernschlags erkannt und durchprobiert hatten. Dabei handelte es sich bei den Bildern natürlich nur um Fotokopien. Es war ein Spiel, das mit der Frage begann: Was gehört dazu? Und das in der Behauptung endete: Dies hat Bestand! Als Wilfried Wiegand sich seiner Auswahl sicher war, machte er daraus den Bildband „Frühzeit der Fotografie“, er erschien 1980.

44411556 Die Brüder Grimm, aufgenommen von Hermann Biow, 1847. © Picture-Alliance Bilderstrecke 

Im Rückblick kann man jene Arbeit auch als die Frühzeit einer Sammlung bezeichnen. Denn Wiegand suchte weniger nach einer linearen Darstellung der Fotografiegeschichte als nach ästhetischen Maßstäben, an denen seine Leidenschaft würde wachsen können. Als wollte er sich seiner Kriterien für Schönheit bewusst werden, wurde das Buch zu seinem Leitstrahl, an dem entlang er fortan Abzüge zusammentrug, schon bald gemeinsam mit seiner Frau Uta, bis die beiden am Ende die wohl großartigste deutsche Privatsammlung mit Fotografien des neunzehnten Jahrhunderts sowie der Klassischen Moderne besaßen.

Jede Kameraeinstellung ein kleines Meisterwerk

Wilfried Wiegand war damals der für Kino zuständige Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung. Und in einem anderen Raum standen Meter um Meter Mappen in einem Regal, in denen er Material für ein anderes Buch zusammengetragen hatte, das allerdings nie fertig wurde: Die hundert besten Filme. Charles Chaplin, John Ford und Alfred Hitchcock waren jeweils mit mehreren Arbeiten vertreten, und Wiegand machte kein Hehl daraus, dass ihm genau genommen diese drei Regisseure ausreichten, vielleicht noch Kubrick, fügte er an. Alle vier sind Erzähler geradliniger Geschichten, die ihren Stoff vor allem aus Bildern gesponnen haben: jede Kameraeinstellung ein kleines Meisterwerk. Jeder Film eine Aneinanderreihung überwältigender Fotografien. Auf eigentümliche Weise setzten die Kinobilder in den Archivmappen die Erzählungen der kopierten Fotos auf dem Teppich ins folgende Jahrhundert fort.

Wilfried Wiegand sammelt Bilder, die eine Geschichte illustrieren. Und es ist nur konsequent, dass der erste Abzug, den er je in einer Galerie gekauft hat, eine unheimliche Schattenfigur hinter einer geriffelten Glasscheibe zeigt, die auf die Endlosigkeit des Meeres hinausschaut. André Kertész, einer der größten Fotografen des zwanzigsten Jahrhunderts, hat das Foto 1972 aufgenommen, als alter Mann, es ist ein Spätwerk und zählt erst heute zu seinen Ikonen. Aber Wiegand hatte angesichts des Bilds vermutlich etwas empfunden, was auf berührende Weise exakt seine Ansicht des Mediums versinnbildlicht: Fotografie, hat er einmal geschrieben, sei Erinnerung.

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