14.06.2007 · Zwischen Römer und Dom soll in Frankfurt eine Altstadtgasse gebaut werden - größtenteils als Kopie. Dabei warten die lange Zeit vergessenen Überreste des historischen Stadtkerns in Museen und Lagern auf ihre Verwendung.
Von Dieter BartetzkoFrankfurts Altstadt wurde nicht in den beiden berüchtigten Märznächten des Jahres 1944 zerstört. Zwar verheerten die Bomben einen Großteil von ihr, aber ausradiert wurde sie erst durch Sprengkommandos, die 1950 „reinen Tisch“ machten für einen modernen Wiederaufbau. So fanatisch die damals Verantwortlichen ihre Pläne durchsetzten, sie besaßen doch den Anstand, wertvolle Fragmente bergen zu lassen. So wanderten Dutzende von Hauszeichen, Krag-, Schluss- und Maskensteine, Fassadenplastiken und Ziergitter in Sammellager. Das zugleich beschämendste und melancholischste wurde die 1944 ausgebrannte gotische Karmeliterkirche. Bis zu deren Wiederaufbau als archäologisches Museum waren dort, gestützt von maroden Bahnschwellen, Altstadtreste zu bizarren mementi mori aufgestapelt.
Manchmal barg man 1950 sogar vollständige Fassaden und Wände. Zum Beispiel eine spätgotische Hauskapelle, die unverhofft aus dem Schutt eines historistischen Geschäftshauses ragte, und Teile des Festsaals, die den Brand des barocken Thurn-und-Taxis-Palais überdauert hatten. Doch solche Pietät blieb selten: Der Treppenturm und die diamantierten Erdgeschossarkaden des 1619 erbauten Hauses „Zur Goldenen Waage“ beispielsweise wurden kurzerhand an einen Privatmann verkauft, der sie als pittoreske Laube im Garten seiner Vorortvilla wiederaufrichten ließ.
Stein für Stein kopiert
Die „Goldene Waage“ ist ein Zentralbau der Rekonstruktionspläne für das Areal zwischen Dom und Römer, die nun beschlossen sind. Gemeinsam mit sechs anderen ehemals prominenten Häusern soll sie, sobald der Betonkoloss des Technischen Rathauses von 1972 abgerissen ist, am einstigen Standort nachgebaut werden. Ihre Originalteile werden im Götzenhainer Garten bleiben; von den übrigen zum Nachbau vorgesehenen Bauten fehlen gar jegliche Reste, sie müssen Stein für Stein und Balken für Balken kopiert werden.
Es sei denn, für das zur Rekonstruktion vorgesehene Barockhaus „Zum Esslinger“ würde man dessen Seitenfront aus dem Magazin holen. Sie war 1906 bei der Bebauung der damals neuen Braubachstraße in einen historisierenden Neubau integriert worden, überdauerte die Sprengung der Vorderhausruine 1950 und musste erst 1968 dem Technischen Rathaus weichen, wobei man wenigstens die geschwungenen Fenstergitter, einige barocke, üppig geschnitzte Klappläden und den fein ziselierten Schlusstein des Portalbogens dem Historischen Museum zur Einlagerung überstellte.
Verrottend auf Lager
Beim selben Abriss verschwanden ein Renaissance-Portal und ein weitläufiger barocker Säulen-Altan, die nun als einstige Teile des verschwundenen Hofs „Zum Goldenen Lämmchen“ auferstehen sollen. Doch ob Bergung wie bei der Esslinger-Fassade oder Vernichtung wie beim Lämmchenhof - die Wirkung war die gleiche: Kaum außer Sicht, waren die Fragmente vergessen. So vergessen wie alle Altstadt-Überreste, die seit nunmehr fünf Jahrzehnten verrottend auf Lager liegen.
Herrlichkeiten sind darunter wie die Schnitzfassade des Salzhauses von 1600, die bis 1944 Bestandteil des Römer war. Jahrzehntelang galt die Renaissancefront als verbrannt - ausgenommen vier Schmuckplatten mit Allegorien der Jahreszeiten, die den Ersatzbau der fünfziger Jahre zieren. Vor drei Jahren traute man seinen Augen nicht, als rund drei Fünftel der Fassade in einer Kabinettsausstellung des Historischen Museums präsentiert wurden: üppige Karyatiden und Atlanten, Löwenköpfe, Arabesken und Rosetten, dazu die feinen Züge des feuergeschwärzte Porträtkopfs der einstigen Bauherrin. Gleich diesen kunsthandwerklichen Kostbarkeiten lagern bocksbeinige eichenhölzerne Faune im Museum, die den sogenannten „Großen Speicher“ schmückten, einen prunkvollen niederländischen Handelshof von 1616, den die Nazis 1938 wegen eines Straßendurchbruchs abgetragen und eingelagert hatten. Womöglich modert in irgendeinem Magazinwinkel auch noch das reiche Schmuckfachwerk des um 1500 entstandenen Hauses „Zum Heydentanz“, das ebenfalls 1938 demontiert und zwecks Wiederaufbau magaziniert wurde.
Warten auf Wiederverwendung
Drei, vielleicht sogar vier ganze Fassaden also nebst zahllosen anderen Fragmenten warten auf ihre Wiederverwendung. Nicht zu vergessen die Schaufront des Darmstädter Hofs, eines stattlichen Barockpalais, Logis der Landgrafen von Hessen-Darmstadt auf Frankfurts Zeil, das schon 1898 - Beginn einer bis heute fortdauernden Tradition des Banausentums - für ein Warenhaus abgerissen wurde. Immer wieder, zuletzt 2002 in dieser Zeitung, hat man den kläglichen Zustand der im hiesigen Stadtwald verwitternden Kostbarkeit angeprangert. Umsonst: Nicht einmal einige der Maskensteine finden sich im Schaufenster des Historischen Museums am Römerberg, das besonders prächtige Altstadtreste als elegisch anrührende Pretiosensammlung des Verlorenen zeigt.
Doch was sollen Fassadenteile, Eckfiguren und Kragsteine in Vitrinen? Sie wirken einzig dann, wenn sie ihrer wahren Bestimmung dienen: elementare Bestandteile von Gebäuden zu sein. Nur im Verbund von Tragen und Lasten, im Stimmungs- und Lichtwechsel der Jahreszeiten und der Witterung entfaltet Baukunst ihre eigentliche Wirkung. Wie bezwingend diese ist, beweist die Begeisterung, mit der die Frankfurter und die deutsche Öffentlichkeit auf das Rekonstruktionsvorhaben reagieren. Doch diese bedingungslose Begeisterung erinnert manchmal an jene Blindheit, mit der die Vorgängergeneration sich einer modernen Altstadt verschworen hatte. Wie sie verzückt auf die Visionen der Moderne starrte, starren wir, ernüchtert von der Biederkeit und Nüchternheit der damals entstandenen „Neuen Altstadt“, in Bildbände, deren bezaubernde Altstadtfotografien die furchtbaren Verluste an Schönheit bezeugen.
Erbarmenswertes Fragment
Dieser radikale Entzug hat unseren Blick getrübt. So scheint selbst Fachleuten nicht aufzufallen, dass beispielsweise mit dem „Hof zum Rebstock“, einem der zur Rekonstruktion bestimmten Wahrzeichen, nur ein erbarmenswertes Fragment wiedererstünde. Das eigentliche Haus Rebstock nämlich, ein mächtiger romanischer Kemenatenbau, fiel 1901 beim Durchbruch der erwähnten Braubachstraße. Was blieb und nun kopiert werden soll, ist ein nobles Hinterhaus mit zwei prächtigen hölzernen Laubengängen, die aber als Innenhoffront dem Privatgebrauch vorbehalten und nie zur Repräsentation gedacht waren.
Natürlich klingen solche Überlegungen angesichts des grausigen Raubbaus an historischer Substanz kleinkrämerisch. Der künftige neu-alte Rebstock wird seinen Zweck, Geborgenheit, Kontinuität und Tradition auszustrahlen, bestens erfüllen. Bleischwer dagegen wiegt die Aussicht, dass man für viele Millionen Euro verschwundene Bauwerke kopieren wird, während in den Magazinen Originale vermodern. Nichts kann sie, und seien sie noch so lädiert, ersetzen. Das wusste man in Aachen, wo beim Wiederaufbau gerettete Fassadenteile (auch an anderer als der ursprünglichen Stelle) in Neubauten integriert wurden, bis eine zwar neue, doch in wichtigen Teilen historisch grundierte Altstadt entstanden war. Das Gegenbeispiel wächst momentan in Dresden heran, wo rund um die Frauenkirche Fassadenreproduktionen auf vorproduzierte Betoncontainer geheftet werden; das Ganze strahlt eine Kälte und Sterilität aus, die auch in Jahrzehnten nicht weichen wird.
Frankfurts Rekonstrukteure haben Dresden besucht und dies bemerkt. Deshalb will man hier um der Authentizität willen minutiös bis ins letzte Detail rekonstruieren. Doch was ist authentischer, was übermittelt Geschichte und Tradition sinnfälliger und sinnvoller als ein Original? Etwa dreißig neue Häuser sollen die Lücken zwischen den geplanten Rekonstruktionen füllen. Hier sind einfühlsame und schöpferische Architekten gefordert, die sich der eingelagerten Altfrankfurter Steine annehmen, sie wiederverwenden und ihre Entwürfe, ohne auf eigenes Neues zu verzichten, in deren Dienst stellen. Frankfurts Altstadt ist nicht verschwunden, sie wartet in Kellern und Lagerstätten auf ihre Wiederkehr.
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