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Impulse aus Marrakesch : Afrikanisiert Euch!

Eko-Atlantik-Skulptur in Lagos Bild: Francois Xavier Gbré

Mit neuen Museen und der Kunstmesse 1:54 etabliert sich Marrakesch als neues Kunstzentrum – und lässt von einer Dritten Welt der Zukunft träumen.

          Marrakesch sah nicht aus, wie man es sich vorstellt. Marrakesch sah aus wie Miami. Vor dem Louis-Vuitton-Shop parkten gleich zwei neue Bentley-Geländewagen, vor dem alten Kolonialhotel „Mamounia“, wo zum ersten Mal die Kunstmesse 1:54 stattfand, durchwühlten zwei aus Paris angereiste Kunstfreunde mit verspiegelten Sonnenbrillen ihre Reisekoffer hektisch auf der Suche nach einem Ladegerät. Es war das Wochenende, das die marokkanische Stadt als neues Zentrum der internationalen Kunstszene etablieren sollte, als neue Station zwischen Art Basel Miami, Frieze, Art Basel Hongkong und den anderen Messen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Neben der Kunstmesse 1:54 eröffnete das neue, privat betriebene Museum für afrikanische Gegenwartskunst, kurz MACAAL, in der Medina fanden Performances und Lesungen statt, es wurden Manifeste verlesen, die ganze Stadt sah aus, als bereite sie etwas Grundsätzliches vor – und schnell wurde klar, dass es den Veranstaltern und Teilnehmern dieses Kunstrummels, zu denen nicht nur Künstler und Galeristen, sondern auch Ökonomen wie der aus Rabat angereiste Driss Khrouz gehörten, um mehr ging; dass die Kunst ein Anlass war, ein anderes Afrika zu entwerfen, einen Kontinent, der zwischen dem alten Westen und dem China der Zukunft einen dritten Weg einzeichnet. Eine Dritte Welt, was diesmal nicht als sorgenvoller Begriff derer verstanden werden soll, die sich für die Erste und beste Welt halten und allen anderen auf ihr Niveau hinaufhelfen wollen – sondern als utopischer, optimistischer dritter Weg zwischen einer letztendlich totalitär überwachten, zentral gesteuerten Fusion aus Kommunismus und Kapitalismus, wie sie in China entsteht, und einem immer mehr in die Krise geratenen politischen und ökonomischen Modell, für das Europa und Amerika stehen.

          Interessanter ist als die übliche globale Messekunst

          Die Frage hinter Kunstrummel, Palmen und Kolonialfolklore lautete: Kann es sein, dass an verschiedenen Orten Afrikas gerade soziale, ästhetische, ökonomische Modelle entstehen, die wegweisender sind als das, was als „Entwicklungshilfe“ nach Afrika exportiert wird?

          Besucher auf dem Weg zur Messe im „Mamounia“

          Stimmt es, zum Beispiel, wirklich, dass Zukunft „Urbanisierung“ und Dorf „Vergangenheit“ bedeutet, ist die massive Verdichtung von Wohnen, Arbeiten und Produktion in Megastädten, in denen die Luft immer schlechter und die sozialen Spannungen immer größer werden, unvermeidbar – oder ist das, was in Afrika als Gegenmodell entwickelt wird, die „Villagisation“, also die Auflösung der zentralistischen modernen Städte westlicher Prägung durch klug vernetzte kleinere Orte, nicht der viel intelligentere Entwurf in einer Zeit, in der kulturelle Teilhabe, Bildungs- und Berufschancen nicht mehr an die physische Präsenz in einer Großstadt geknüpft sind? Und stimmt es, dass vollautomatisierte Riesenfabriken, aus denen die Produkte via Amazon quer über den Globus gejagt werden, die Zukunft sind – oder wäre es viel klüger, das lokale Handwerk mit der Idee der Massenproduktion zu verknüpfen, statt darin zwanghaft einen Gegensatz zu sehen?

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