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Hegenbarth-Sammlung in Berlin : Probier’s mal mit Geschicklichkeit

Josef Hegenbarth war einer der besten deutschen Zeichner des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine Kabinettausstellung in Berlin zeigt nun, welchen Einfluss asiatische Kunst auf sein Werk hatte.

          Im alten Westen von Berlin, der seit der Wiedervereinigung den Touristen- und Jugendtrubel weitgehend an Mitte abgegeben hat, sagen sich derzeit Spinnenaffe und Malaienbär gute Nacht. Zumindest im abgedimmten Kabinett der Hegenbarth-Sammlung Berlin, die sich im ersten Stock eines Eckhauses der Nürnberger Straße (gleich um die Ecke vom KaDeWe und dann ein längeres Stück der Sonne entgegen) eine ehemalige Büroflucht gesichert hat, in der das Ehepaar Breu nicht nur seit 2014 seine Privatsammlung zu Josef Hegenbarth zugänglich, sondern auch immer wieder kleine Ausstellungen macht, für die klug ausgeliehen wird – vor allem natürlich vom Josef-Hegenbarth-Archiv in Dresden, wo der Nachlass des 1962 dort gestorbenen Künstlers aufbewahrt wird. Mit diesen Aktivitäten hat sich die Hegenbarth-Sammlung zu einem der sympathischsten Kunstorte der Hauptstadt entwickelt. Und Hegenbarth ist ohnehin einer der großen Verkannten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nicht dass ihn niemand kennte. Aber man kennt ihn unzureichend, nämlich vorrangig als Buchillustrator für Kinder- und Erwachsenenliteratur gleichermaßen, der in Weimarer Republik, „Drittem Reich“ und DDR eine prägende Künstlerpersönlichkeit dieser Sparte war. Vor allem jedoch war der 1884 geborene Böhme einer der besten deutschen Zeichner des zwanzigsten Jahrhunderts, den über Jahrzehnte hinweg bestimmte Motivgruppen (Straßenszenen, Tiere, Zirkus) faszinierten, die er stets aus unmittelbarer Anschauung zu Papier brachte. Die Lebendigkeit seiner Pinsel- und Federzeichnungen ist vom Buchdruck nie ganz einzuholen gewesen.

          Die aktuelle Ausstellung der Hegenbarth–Sammlung trägt den Titel „Überflogenes Weiß – Der östliche Hegenbarth“. Damit ist nicht etwa die politische Komponente Hegenbarths angesprochen, der sich in der Sowjetischen Besatzungszone für das Satiremagazin „Ulenspiegel“ auch als (linientreuer) Karikaturist bestätigt hatte, sondern es geht um fernöstliche Einflüsse auf sein Werk. Die Selbstzeugnisse geben dazu nichts her, das Werk selbst dafür umso mehr: Wer sich Blätter mit Tier- und Landschaftsdarstellungen ansieht, erkennt im Pinselduktus sofort die Inspiration durch chinesische und japanische Tuschemalerei. Die Ausstellung beschränkt ihre ergänzenden Objekte auf chinesische Kunst – von Guo Xus fünfhundert Jahre altem, unfassbar einfallsreichem Porträt eines daoistischen Unsterblichen bis zu Guan Liangs Theaterszenen aus den fünfziger und sechziger Jahren, die jeweils aus dem Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin stammen. Guan hielt sich 1957 einige Monate in Ost-Berlin auf und lernte dabei auch Hegenbarth kennen, mit dem er einige Zeichnungen tauschte.

          Die Beschäftigung Hegenbarths mit ostasiatischer Kunst setzte aber schon in den späten zwanziger Jahren ein; in Dresden hat sich ein Buch über Tuschemalerei erhalten, das eine Freundin dem Künstler 1929 schenkte. In den dreißiger Jahren konnte man dann mit solchen Einflüssen punkten: Gerade japanische Kunst war bei den Nazis wohlgelitten, stammte sie doch aus einem verbündeten Land. Hegenbarth stand dem Regime fern und flüchtete sich oft in neutrale Tierzeichnungen, aber die Adaption asiatischer Zeichentechnik hatte er etwa mit Werner Peiner gemein, einem der Lieblingsmaler Hitlers.

          Zu sehen sind in Berlin auch einige Bilder zum Roman „Der Schneider himmlischer Hosen“ des italienischen Autors Daniele Varè. Noch im Krieg von Hegenbarth illustriert, aber erst danach als Buch publiziert, bot ihm die in China angesiedelte Handlung die Möglichkeit, seine Geschicklichkeit in asiatischen Dingen vorzuführen. Ein Glück, dass dieses Buch, das nach 1945 nicht mehr aufgelegt wurde, in der zur Sammlung gehörigen Bibliothek einzusehen ist. Ja, die ganze Schau ist ein Glück, und das mit gerade einmal 38 Objekten.

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