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Widerstand in Russland : Der Mensch ist dem Menschen ein Tier

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Alles für die Kirche: Künstler der Gruppe „Rodina“ verschenken halb Sankt Petersburg. Bild: David Frenkel

Der russischen Kirche zum Geschenk: Dass Staat und Kirche erstarken, wollen russische Künstler nicht hinnehmen. Sie feiern die Oktoberrevolution auf ihre Weise.

          Eine Künstlergruppe namens „Rodina“ (Heimat) zieht dieser Tage, bewehrt mit einem faschingsgoldenen orthodoxen Kreuz und einem Transparent, durch Sankt Petersburg. Vor berühmten Denkmälern hält der kleine Trupp an und rollt das Transparent aus, auf dem in alten kyrillischen Lettern geschrieben steht: „Der Russischen Orthodoxen Kirche zum Geschenk“. Dann wird ein Foto geschossen und ins Netz gestellt. Auf diese Weise hat „Rodina“ schon den Kaufmannshof Gostinyj dwor, den Fontanka-Fluss, sogar die Reiterstatue Peters des Großen der Kirche „geschenkt“. Die ironische Fotoserie versteht sich als Kritik an dem Beschluss des Petersburger Gouverneurs Georgi Poltawtschenko, die Isaakskathedrale, heute ein erfolgreiches Museum, der Russischen Orthodoxen Kirche zu übereignen. Seit Poltawtschenkos Entscheidung bekannt wurde, wird fast täglich vor der Isaakskathedrale gegen die Auflösung des Museums demonstriert.

          Dabei sind nicht Gottesdienste das Problem, die schon jetzt zweimal täglich in der Kathedrale stattfinden. Zugleich kommen aber mehr als drei Millionen Touristen jährlich, deren Eintrittsgelder die Restaurationskosten weitgehend tragen. Die Kirche hat in ihrem Ersuchen um die Übereignung der Isaakskathedrale indes schon erklärt, für die Instandhaltung des Denkmals könne sie nicht aufkommen und brauche staatliche Zuschüsse. Das Geschenk ans Patriarchat ist also eine großzügige Gabe zu Lasten des Steuerzahlers.

          Sie sind hier nicht in Moskau!

          Das Jahr, in dem die Oktoberrevolution hundert Jahre alt wird, beginnt in Russland mit Transparenten und Kundgebungen. In Moskau organisierte die Galerie Vladey die Gruppenausstellung „Monstration. Neujahr 2017“, bei der die Gäste, unter ihnen viele Künstler, eigene Plakate mitbringen sollten, die sogleich Ausstellungsobjekte wurden. Eingeladen hatte der Nowosibirsker Künstler Artjom Loskutow, der die „Monstration“ erfunden hat: als Umzug mit poetischen, witzigen oder absurden Transparenten am 1. Mai, der, in Abgrenzung zur Demonstration, freie künstlerische Kommunikation im öffentlichen Raum praktiziert. Loskutow wurde deswegen mehrfach verhaftet. Doch er dokumentiert die Aussagen der Ordnungshüter – etwa das Verdikt der Nowosibirsker Richterin „Sie sind hier nicht in Moskau!“ – und begeistert damit bei der nächsten Kundgebung.

          Der Aktionskünstler Oleg Kulik, der Anfang der neunziger Jahre mit seinen Performances als Hund auch in Westeuropa bekannt wurde, zeigte bei Vladey das Foto des türkischen Polizisten, der Ende vergangenen Jahres in Istanbul den russischen Botschafter erschoss – lebensgroß aufgezogen, das Gesicht übermalt, ergänzt durch überdimensionierte Penisse und die Aufschrift „Leben in Absurdität“.

          Kulik wollte natürlich provozieren. Für den Patriarchen Kyrill, der im Übrigen die russische Syrien-Politik ausdrücklich lobt, stehen Kunst und Provokation freilich im entschiedenen Gegensatz. Erst kürzlich tadelte das Kirchenoberhaupt, manche zeitgenössische Kunstwerke verwandelten „den Menschen in ein Tier, setzen seine Instinkte frei und begünstigen nur die abscheulichen Erscheinungen der menschlichen Natur“. Die Russische Orthodoxe Kirche will ihren eigenen Beitrag zum Jubiläum der Oktoberrevolution leisten: mit Prozessionen und Ausstellungen von Reliquien, die durch ganz Russland ziehen und seine Erde wieder heiligen sollen.

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