10.05.2007 · Verpasst München eine historische Chance zur Modernisierung seiner Wohnkultur? Mit der „Werkbundsiedlung Wiesenfeld“ könnte die Stadt einen bedeutenden Schritt in die Zukunft gehen. Doch die Entwürfe des japanischen Architekten Kazunari Sakamoto drohen an örtlicher Kleingeisterei zu scheitern.
Von Niklas MaakDie deutsche Architektur hat ein Problem. Wo man hinschaut, entstehen spektakuläre Museen, Fußballstadien und Stadtschlösser - aber wenn es um die Frage geht, wie wir in Zukunft wohnen werden, wie die Städte auf die sozialen und ökologischen Herausforderungen reagieren, dann wird meistens irgendetwas Unverständliches von „Nachhaltigkeit“ gemurmelt und auf Wohnkisten gezeigt, die so trübselig aussehen, dass man das neue Jahrhundert sofort wieder verlassen will. Eine ähnlich erhitzte Diskussion wie die zum Berliner Schloss gibt es zur Frage des Wohnens nicht, und wenn, wie bei den Berliner „Townhouses“, etwas in der Richtung geplant wird, kommen am Ende doch nur wieder nostalgisch hübsche Designobjekte fürs größere Portemonnaie heraus.
Umso beachtlicher ist das Projekt, das sich der totgeglaubte Deutsche Werkbund zum hundertsten Geburtstag beschert. Zu den historischen Ruhmestaten dieses Bundes gehört die von Mies van der Rohe und anderen 1927 erdachte Stuttgarter Werkbundsiedlung am Weißenhof, in der Lebens- und Wohnformen für eine neue, demokratische Gesellschaft ausprobiert wurden - und in diesem Geist sollte nun in München, auf dem Areal der Luitpold-Kaserne, die „Werkbundsiedlung Wiesenfeld“ entstehen, fünfhundert zur Hälfte frei finanzierte, zur Hälfte öffentlich geförderte Wohnungen, die zeigen sollen, wie die Stadt des 21. Jahrhunderts aussehen könnte. Dieses Projekt droht aber an der örtlichen Kleingeisterei zu scheitern. Was ist passiert?
Ein Mini-Tokio für München
Eine Jury wählte vor einem Jahr den Entwurf des japanischen Architekten Kazunari Sakamoto aus. Diese Wahl war mutig, denn Sakamoto machte alles anders, als es bisher in Deutschland war: Er entwarf einen Wald aus kleinen Türmen mit hängenden Gärten, Loggien und begrünten Dächern, ein modernes San Gimignano, ein Mini-Tokio für München, ein sehr asiatisches Verdichtungskunstwerk: Da werden Wege, kleine Plätze und uneinsehbare Privatgärten mit hohen Hecken zwischen die Häuser und öffentliche Dachgärten mit Alpenblick auf sie gewürfelt, es gibt dörflich idyllische und großstädtisch weitläufige Ecken, es gibt studenten- und altengerechte Behausungen und Luxuslofts. Die soziale Durchmischung ist Programm, und als Zeichen einer anderen Bewertung von Erziehung und Integration ist das Zentrum der Siedlung mal keine sogenannte „Piazza“ - sondern ein Kindergarten mit Schwimmbad.
Die Kritiker des Entwurfs werfen vor allem ein, dass hier bloß ein gescheitertes und ökologisch bedenkliches Konzept aus den fünfziger Jahren - Punkthaus mit Abstandsgrün - neu aufgekocht werde. Doch erstens haben die (viel kleineren) Häuser mit ihren Loggien, Dachterrassen und klug gebauten Maisonetten nichts mit der alten Sozialbautristesse zu tun, und zweitens gibt es statt zugiger Grünflächen eine extrem städtische Verdichtung in und zwischen den Häusern. Es könnte zum ersten Mal gelingen, ein spezifisch münchnerisches Stadtgefühl, die Mischung aus ländlicher Idylle und großstädtischer Dichte, aus kleinen Gassen, Gärten, Höfen und Plätzen, in eine moderne Architektur für alle Einkommensklassen zu übersetzen - dazu gehören auch die Dachgärten, die den Bewohnern Alpenblick garantieren.
Ein ökologischer Gewinn?
Ob es überhaupt zum Baubeginn kommt, ist aber unsicher. Von den sechs Bauträgern stellen sich in München vier aus Kostengründen quer, nur bei der Südhausbau und Concept Bau hat man erkannt, dass sich hier die Möglichkeit bietet, ein prestigeträchtiges Aushängeschild für die Stadt der Zukunft mitzugestalten. Denn das Projekt Wiesenfeld beweist, dass das, was die Eigenheimbauer auf dem Land suchen, auch in der Stadt zu finden ist: Gärten, Ruhe, Privatheit, der Blick in die Natur. Weil man den Leuten nicht verbieten kann, sich ein Häuschen im Grünen zu kaufen, wird nur eine bezahlbare, extrem attraktive Stadt-Architektur verhindern können, dass sich täglich Pendlerströme aufs Land ergießen - so gesehen ist auch das Argument einiger Grüner Unsinn, die kleinen Türme seien wegen ihrer größeren Außenfläche unökologischer als die üblichen Sozialbauhühnerstallriegel. Wenn hier ein Stadtmodell entsteht, das die Leute davon abhält, in die Suburbia zu ziehen, ist das angesichts der Millionen Tonnen von Feinstaub, die die Vorstadtpendler jährlich in die Luft blasen, auf jeden Fall ein ökologischer Gewinn.
Die „Siedlung Wiesenfeld“ könnte ein Prototyp dafür werden, wie man die Stadt vor der räumlichen und sozialen Zerfaserung bewahren kann - und so ein Prototyp kostet erstmal Geld. Man muss sich nur vorstellen, die Entwicklungsabteilungen bei BMW hätten auf alle Prototypen so reagiert wie Münchens städtische Baugesellschaften: Haben wir noch nie gemacht, ist uns zu teuer, wir bauen lieber die alten Kisten weiter. Dann sähen ihre Autos heute aus wie die Trabants der DDR - und leider sieht ja vieles im deutschen Wohnungsbau auch genau so aus.
Historische Chance oder historische Blamage
Wo bleibt die Münchner Politik, wenn sich einmal die Chance bietet, das mit einer Finanzspritze von wenigen Millionen zu ändern? Wo ist Bürgermeister Christian Ude, wenn seiner „Weltstadt mit Herz“ schleichend die Aorta zubetoniert wird? Die Münchner Baupolitik der letzten Jahre war ein Desaster. In München lebt man trotz und nicht wegen seiner neuen Wohnarchitektur - wenn man es sich leisten kann. Der Stadt kommen die Bürger abhanden; viele ziehen entnervt aufs Land und nehmen stundenlange Pendlerstaus in Kauf.
Noch ist nicht alles zu spät. Am kommenden Freitag wird der Werkbund zu seinem Projekt erneut Stellung nahmen, am 13. Juni will der Stadtrat über das Projekt entscheiden. Es wird auch eine Entscheidung über das soziale Selbstverständnis der Stadt sein: Darüber, ob eine anspruchsvolle Architektur das Privileg einer Oberschicht ist, oder ob die Stadt sozial und architektonisch für alle neu gedacht werden kann. Mit der Siedlung, die zum Besten gehört, was seit Jahrzehnten entstand, könnte sich München wie zuletzt 1972 an die Spitze einer neuen Baukultur setzen. Die Stadt steht jetzt vor einer historischen Chance, vielleicht aber auch vor einer historischen Blamage.