http://www.faz.net/-gqz-7d48a

Werk von Cranach d. Ä. entdeckt : Einmal gründlich gereinigt und siehe da!

  • -Aktualisiert am

Die Geschichte ist noch lange nicht am Ende und auch die Kunstgeschichte erlebt noch Überraschungen: Wie eine Kreuztragung sich als verschollenes Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren entpuppt.

          Für sich betrachtet, ist die „Kreuztragung Christi“ kaum mehr als ein Werk für Spezialisteninteresse. Das dürfte sich nun ändern. Denn seit wenigen Tagen ist die figurenreiche Altartafel aus der Dorfkirche von Pratau bei Wittenberg der Werkstatt von Lukas Cranach dem Älteren statt wie bisher dem Jüngeren zugeschrieben. Die Kunsthistorikerin Bettina Seyderhelm, die das Kunstgut der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) betreut, verblüfft die Fachwelt vor allem mit der Entdeckung, dass dieses Bild ein Relikt aus dem Bildprogramm ist, mit dem Kardinal Albrecht von Brandenburg am Vorabend der Reformation in seiner neugegründeten Stiftskirche zu Halle dem alten Glauben noch einmal Strahlkraft verleihen wollte.

          Schlecht verwahrt, verschmutzt und durch Feuchtigkeit beschädigt, wie das Bild bis vor kurzem war, hatte es schon lange niemand mehr so genau angesehen wie es die Kunstreferentin tat, als sie es für eine geplante Restaurierung in Verwahrung nahm. Bei der Suche nach vergleichbaren Kompositionen im Werk Cranachs stieß sie auf eine Vorzeichnung im Louvre. Dabei handelt es sich um eines der eigenhändigen Altarmodelle im Maßstab 1:10, die der Maler dem Auftraggeber vorlegte. Der Maler und sein Auftraggeber behielten mit diesen Modellen, die heute verstreut in verschiedenen Sammlungen liegen, den Überblick über den gigantischen, mehr als 140 Tafeln umfassenden Zyklus der Passion Christi, nebst zahllosen Heiligen für insgesamt sechzehn Flügelaltäre. Albrecht gründete das Stift 1520, und Cranachs arbeitsteilig durchorganisierte Werkstatt schaffte die Arbeit innerhalb von drei Jahren.

          Vor sechs Jahren gelang es in der vielbeachteten Ausstellung „Der Kardinal“ im Landeskunstmuseum Moritzburg in Halle, den Zyklus mit Hilfe der Modellzeichnungen und anderer Dokumente virtuell zu rekonstruieren. Doch im Katalog bekräftigte Cranach-Forscher Andreas Tacke noch einmal die Vermutung, dass Albrecht, als er 1541 vor der Reformation und den eigenen Schulden Reißaus nahm, „alles, was nicht niet- und nagelfest“ war, in seine Residenz nach Aschaffenburg schaffen ließ. Ein Brand wenige Jahre später scheint dort fast alles vernichtet zu haben.

          Doch einige Altartafeln kamen auch in die Aschaffenburger Stiftskirche (und später in die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen), darunter Grünewalds Erasmus-Mauritius-Tafel, das Hauptwerk aus Halle und das einzige Bild, das nicht der Cranach-Produktion entstammte. Die Forschung hielt dementsprechend die Entdeckung verlorener Werke für unwahrscheinlich, mit „Überraschungen“, so Andreas Tacke, sei nicht zu rechnen. Nun aber zeigt sich, dass einige Bilder aus Halle offenbar doch in der Region geblieben waren, mit unklarem Schicksal. Und da die EKM ein Forschungs- und Restaurierungsprogramm ihrer Bildwerke der Renaissance auf den Weg bringt, sind weitere Überraschungen nicht ausgeschlossen.

          Die nun identifizierte hallesche Kreuztragung kommt ihrer Komposition in Cranachs Œuvre kein zweites Mal vor: Jesus nimmt mit dem Kreuz die Bildmitte ein, unterstützt von Simon von Cyrene. Landsknechte misshandeln ihn, die trauernden Frauen und Johannes blicken auf das Geschehen. Im Hintergrund erscheint eine Reiterschar, im Vordergrund agiert eine Gruppe von offenbar Kleinwüchsigen. Ob diese singulären Gestalten bewusst so gemalt oder der vergröbernden Handschrift des Werkstattmeisters geschuldet sind, bleibt dahingestellt: Auf der Vorzeichnung des Louvre jedenfalls erscheinen sie eher wie Kinder.

          Die Hallenser werden dieses Relikt aus dem „zweiten Rom“ Kardinal Albrechts wohl nicht zu Gesicht bekommen. Restauratorische Bedenken sprechen angesichts des labilen Zustands der Tafel dagegen. Auch nach Pratau kehrt sie nicht zurück, sondern hängt nun in Dabrun, einem anderen Ort im Kirchspiel, etwa zehn Kilometer elbabwärts von Wittenberg. Wegen besserer Sicherheitstechnik entschieden die Eigentümer sich für einen Platz im Chor der neoromanischen Backsteinkirche. Ein Stilbruch, aber in guter Gesellschaft: Am Altar hängt eine „Kreuzabnahme“ nach Rubens, gemalt im 18. Jahrhundert.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Absolutismus in der Wüste

          Kunst, Geld, Einfluss : Absolutismus in der Wüste

          Der spektakuläre Louvre Abu Dhabi, in dem künftig das teuerste Gemälde der Welt zu sehen sein wird, spiegelt dem Westen vor, was dieser sehen möchte – aber warum spielt der Westen dabei mit?

          Star Wars für Dummies Video-Seite öffnen

          Kurz erklärt : Star Wars für Dummies

          Oh oh, was wenn bei der nächsten Party alle über Star Wars reden? Damit Sie mithalten können, kommt hier der schnelle und lustige Überblick über alle Episoden.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Flüchtlinge in Europa : Wo Tusk recht hat

          Es besteht Einigkeit, dass die EU-Außengrenzen besser geschützt werden sollen. Was spricht dagegen, dass Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, sich dabei stärker engagieren? Ein Kommentar.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz im Bundestag

          Umfrage : Große Koalition gewinnt an Zustimmung

          Eine große Koalition aus Union und SPD findet Umfragen zufolge deutlich mehr Zustimmung bei den Deutschen als noch vor einer Woche. Am Freitag entscheidet die SPD-Führung, ob sie Sondierungen aufnehmen möchte.

          Brexit-Veto : Ein erster Sieg im Rückzugsgefecht

          Nach Mays Niederlage im Parlament keimt nun bei vielen die Hoffnung auf, dass die Regierung gezwungen sein könnte, in Brüssel einen „weicheren“ Brexit zu verhandeln. Ein Rennen gegen die Zeit.

          Kryptowährung : Bulgarien ist Bitcoin-Großbesitzer

          Bulgarien besitzt Bitcoin im Wert von fast drei Milliarden Euro. Damit könnte das Land fast 20 Prozent seiner Staatsschulden bezahlen. Es gibt nur einen Haken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.