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Werk von Cranach d. Ä. entdeckt : Einmal gründlich gereinigt und siehe da!

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Die Geschichte ist noch lange nicht am Ende und auch die Kunstgeschichte erlebt noch Überraschungen: Wie eine Kreuztragung sich als verschollenes Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren entpuppt.

          Für sich betrachtet, ist die „Kreuztragung Christi“ kaum mehr als ein Werk für Spezialisteninteresse. Das dürfte sich nun ändern. Denn seit wenigen Tagen ist die figurenreiche Altartafel aus der Dorfkirche von Pratau bei Wittenberg der Werkstatt von Lukas Cranach dem Älteren statt wie bisher dem Jüngeren zugeschrieben. Die Kunsthistorikerin Bettina Seyderhelm, die das Kunstgut der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) betreut, verblüfft die Fachwelt vor allem mit der Entdeckung, dass dieses Bild ein Relikt aus dem Bildprogramm ist, mit dem Kardinal Albrecht von Brandenburg am Vorabend der Reformation in seiner neugegründeten Stiftskirche zu Halle dem alten Glauben noch einmal Strahlkraft verleihen wollte.

          Schlecht verwahrt, verschmutzt und durch Feuchtigkeit beschädigt, wie das Bild bis vor kurzem war, hatte es schon lange niemand mehr so genau angesehen wie es die Kunstreferentin tat, als sie es für eine geplante Restaurierung in Verwahrung nahm. Bei der Suche nach vergleichbaren Kompositionen im Werk Cranachs stieß sie auf eine Vorzeichnung im Louvre. Dabei handelt es sich um eines der eigenhändigen Altarmodelle im Maßstab 1:10, die der Maler dem Auftraggeber vorlegte. Der Maler und sein Auftraggeber behielten mit diesen Modellen, die heute verstreut in verschiedenen Sammlungen liegen, den Überblick über den gigantischen, mehr als 140 Tafeln umfassenden Zyklus der Passion Christi, nebst zahllosen Heiligen für insgesamt sechzehn Flügelaltäre. Albrecht gründete das Stift 1520, und Cranachs arbeitsteilig durchorganisierte Werkstatt schaffte die Arbeit innerhalb von drei Jahren.

          Vor sechs Jahren gelang es in der vielbeachteten Ausstellung „Der Kardinal“ im Landeskunstmuseum Moritzburg in Halle, den Zyklus mit Hilfe der Modellzeichnungen und anderer Dokumente virtuell zu rekonstruieren. Doch im Katalog bekräftigte Cranach-Forscher Andreas Tacke noch einmal die Vermutung, dass Albrecht, als er 1541 vor der Reformation und den eigenen Schulden Reißaus nahm, „alles, was nicht niet- und nagelfest“ war, in seine Residenz nach Aschaffenburg schaffen ließ. Ein Brand wenige Jahre später scheint dort fast alles vernichtet zu haben.

          Doch einige Altartafeln kamen auch in die Aschaffenburger Stiftskirche (und später in die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen), darunter Grünewalds Erasmus-Mauritius-Tafel, das Hauptwerk aus Halle und das einzige Bild, das nicht der Cranach-Produktion entstammte. Die Forschung hielt dementsprechend die Entdeckung verlorener Werke für unwahrscheinlich, mit „Überraschungen“, so Andreas Tacke, sei nicht zu rechnen. Nun aber zeigt sich, dass einige Bilder aus Halle offenbar doch in der Region geblieben waren, mit unklarem Schicksal. Und da die EKM ein Forschungs- und Restaurierungsprogramm ihrer Bildwerke der Renaissance auf den Weg bringt, sind weitere Überraschungen nicht ausgeschlossen.

          Die nun identifizierte hallesche Kreuztragung kommt ihrer Komposition in Cranachs Œuvre kein zweites Mal vor: Jesus nimmt mit dem Kreuz die Bildmitte ein, unterstützt von Simon von Cyrene. Landsknechte misshandeln ihn, die trauernden Frauen und Johannes blicken auf das Geschehen. Im Hintergrund erscheint eine Reiterschar, im Vordergrund agiert eine Gruppe von offenbar Kleinwüchsigen. Ob diese singulären Gestalten bewusst so gemalt oder der vergröbernden Handschrift des Werkstattmeisters geschuldet sind, bleibt dahingestellt: Auf der Vorzeichnung des Louvre jedenfalls erscheinen sie eher wie Kinder.

          Die Hallenser werden dieses Relikt aus dem „zweiten Rom“ Kardinal Albrechts wohl nicht zu Gesicht bekommen. Restauratorische Bedenken sprechen angesichts des labilen Zustands der Tafel dagegen. Auch nach Pratau kehrt sie nicht zurück, sondern hängt nun in Dabrun, einem anderen Ort im Kirchspiel, etwa zehn Kilometer elbabwärts von Wittenberg. Wegen besserer Sicherheitstechnik entschieden die Eigentümer sich für einen Platz im Chor der neoromanischen Backsteinkirche. Ein Stilbruch, aber in guter Gesellschaft: Am Altar hängt eine „Kreuzabnahme“ nach Rubens, gemalt im 18. Jahrhundert.

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