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Weltkriegsdenkmal Später Sieg für Albert Speer

28.05.2004 ·  Die Historie verschlingt das Pathos der edlen Ziele: Das neue Weltkriegsdenkmal in Washington gibt dem amerikanischen Bewußtsein einen erschreckend schlichten und rückwärtsgewandten Ausdruck.

Von Hans-Peter Riese, Washington
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Welchen ästhetischen Kriterien müßte ein nationales Denkmal genügen? Kann eine Erinnerungsstätte an einen Krieg, eine nationale Katastrophe oder auch an einen mit Blut bezahlten Sieg mit denselben Maßstäben der modernen Ästhetik gemessen werden wie die zeitgenössische Kunst und Architektur? Fragen, die sich in der Debatte um die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin ebenso gestellt haben wie um das Vietnam Memorial in Washington vor zweiundzwanzig Jahren.

An diesem Wochenende wird auf der "Mall", dem Herzstück von Washington, die von nationalen Denkmälern ebenso architektonisch beherrscht wird wie von Museumsbauten, dem Kongreßgebäude und dem Weißen Haus, das "World War II Memorial" eingeweiht. Die Feuilletons der großen amerikanischen Zeitungen beschäftigen sich indessen kaum mit der Architektur des gigantischen Komplexes, ebensowenig unterziehen sie die Ausstattung mit Bronzeskulpturen des Bildhauers Ray Kaskey einer eingehenden Kritik.

„Ästhetisches Desaster“

Als das Projekt des aus Österreich stammenden Architekten Friedrich St. Florian, der sich in einem Wettbewerb gegen vierhundert Entwürfe durchgesetzt hatte, im Jahr 2001 vorgestellt wurde, nannte der Kunstkritiker der "New York Times" es ein "ästhetisches Desaster". Einer jener Veteranen des Zweiten Weltkrieges, deren Zahl jeden Tag um mehr als tausend durch Tod dezimiert wird, rief den Senat dazu auf, er möge nicht zulassen, daß der Eindruck entstehe, am Ende habe Hitler den Krieg gewonnen, und Albert Speers Ästhetik triumphiere. Er blieb ein einsamer Rufer.

St. Florians Konzept ist simpel, sowohl was die Denkmals-Symbolik angeht als auch die Architektur. Auf dem Grundriß einer Ellipse wird das Memorial durch ein gigantisches Bassin beherrscht, in dessen Brennpunkten zwei Fontänen aufsteigen. An den beiden Schmalseiten der Ellipse stehen zwei hochaufragende Pavillons, die mit den Inschriften "Pacific" und "Atlantic" die europäischen und die asiatischen Kriegsschauplätze symbolisieren sollen. In den Boden der Pavillons ist jeweils die Vergrößerung der Plakette eingelassen, die jeder Teilnehmer am Weltkrieg als Orden erhielt.

Bänder im Schnabel

Auf vier bronzenen Säulen sitzen vier Adler, die in ihren Schnäbeln die Bänder eines riesigen Kranzes halten. In einem Halbkreis schließen sich an die beiden Pavillons jeweils sechsundfünfzig durchbrochene Säulen an, die, ebenfalls mit zwei Bronzekränzen auf der Vorder- und Rückseite geschmückt, die Namen der Staaten und Territorien der Vereinigten Staaten zur Zeit des Krieges tragen. Der Bronzeschmuck findet schließlich seinen ästhetischen Höhepunkt in vierundzwanzig Reliefs mit Szenen aus dem Krieg und von der Heimatfront.

An der dem Washington Monument zugewandten Breitseite der Ellipse führt eine Freitreppe zu dem tiefer gelegenen Bassin, an der gegenüberliegenden Seite geht der Blick zum Lincoln Monument, wird aber unterbrochen von einer leicht gebogenen schwarzen Granitwand mit viertausend Goldsternen - für je einhundert Gefallene ein Stern. Grauer und grüner Granit und Basalt sind die vorherrschenden Baumaterialien, deren kalte Anmutung durch die Wasserspiele gemildert werden soll. Die Bronzeskulpturen, vor allem die vorherrschende symbolische Form des Kranzes, sind von einem geradezu erdrückenden Pathos, das sich in einer Reihe von Inschriften fortsetzt.

Parallele zur Kriegsrhetorik Bushs

Wenn man auf der Freitreppe am Fuße des Fahnenmastes liest, daß die amerikanischen Soldaten nicht in diesen Krieg als Eroberer gezogen sind, sondern um die Welt vom Faschismus zu befreien und den Menschen Frieden und Freiheit zu bringen, dann kann man nicht anders, als die sehr kurzschlüssige Parallele zur Kriegsrhetorik des gegenwärtigen Präsidenten zu vermuten, der damit seinen Krieg im Irak zu verteidigen und ihm eine historische Fundierung zu geben sucht.

Plaziert ist das neue Memorial zwischen den Denkmälern für die beiden bedeutendsten Präsidenten des Landes. Mall und Stadt werden beherrscht durch den Obelisken des Washington-Denkmals und werden abgeschlossen durch den neoklassizistischen Säulenbau des Lincoln Memorial. Dazwischen liegen der berühmte "Reflecting pool" und der "Rainbow pool", deren Gestaltung ebenso wie die der sie umrahmenden Landschaft auf einen Entwurf von Frederick Law Olmsted Jr. zurückgeht, der wiederum dem Meisterplan des Architekten Pierre L'Enfant folgte, der den Grundentwurf für die amerikanische Hauptstadt geliefert hat.

Heroische Bronzescheußlichkeiten

Aber im Umkreis des neuen Memorials finden sich noch andere Denkmäler, die den ästhetischen und historischen Vergleich herausfordern. Maya Lins kongeniale Vietnam-Erinnerungsstätte darf dabei bis heute als die fast unglaubliche Ausnahme gelten. Umgeben ist sie von heroischen Bronzescheußlichkeiten wie den Denkmälern zum Andenken an den Korea-Krieg oder das D.C. War Memorial.

Wenn heute ein zentrales Denkmal für den Zweiten Weltkrieg, fast genau sechzig Jahre nach der Landung an den Stränden der Normandie, eingeweiht wird, dann muß man daran erinnern, daß dieser Sieg nicht nur mit 400 000 Gefallenen bezahlt wurde, daß sechzehn Millionen Amerikaner unter Waffen standen, sondern daß es sich historisch gesehen um den letzten wirklichen Sieg handelt.

Schlicht und eindringlich

Die Interpretation ist sicherlich nicht falsch, daß die Schlichtheit und Eindringlichkeit des Vietnam-Denkmals eben auch einen verlorenen Krieg symbolisieren, einen Krieg noch dazu, der vielleicht der erste war, der in einem demokratischen Protest in der Heimat untergegangen ist. Für einen historischen Moment war das kollektive Bewußtsein der Bevölkerung in der Lage, diese an sich schmähliche Tatsache anzuerkennen und trotzdem den Gefallenen ein Denkmal zu setzen.

Gemessen daran, liegen nicht nur die Erinnerungsleistung und die Überwindung der Kriegsfolgen des Weltkrieges für die amerikanische Gesellschaft weit zurück; das Denkmal wirkt durch diese historische Phasenverschiebung merkwürdig kalt und leer, ja seine in Bronze, Basalt und Granit gepreßte Symbolik, das Pathos der edlen Kriegsziele und -gründe muten in der aktuellen Situation zynisch an.

Man darf natürlich den Kontext, in dem dieses neue Denkmal sowohl ästhetisch als auch historisch steht, nicht außer acht lassen. Es ist bewußt positioniert zwischen den Monumenten für jene zwei Präsidenten, die für die Formierung der Nation und ihres Bewußtseins von entscheidender Bedeutung waren (Revolution und Bürgerkrieg), und erhebt damit den Anspruch, einem historischen Ereignis Tribut zu zollen, das für die Existenz der Nation von gleicher Bedeutung gewesen ist. Ein kollektives Bewußtsein materialisiert sich nur in Ausnahmefällen in ästhetisch avancierter Form. Daß es aber in diesem Denkmal einen erschreckend schlichten und rückwärtsgewandten Ausdruck erhalten hat, läßt den aktuellen Zustand der amerikanischen Polis in einem düsteren Licht erscheinen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2004, Nr. 123 / Seite 41
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